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15. Juni 2017, 9:28 Uhr Armes Suppenhuhn

Steffen Bach zur Diskussion um Billigfleisch

„Billigfleisch“ ist ein Thema, das in diesen Tagen im Internet für Empörung sorgt. Da wollte auch ein Redakteur des Sterns nicht hintenanstehen und schrieb sich in einer Internet-Kolumne für das Hamburger Magazin seinen Frust von der Seele. Anlass der Aufregung war für ihn ein Suppenhuhn für 2,59 Euro.

„Dieses Huhn muss erstmal ausgebrütet werden, das macht der Züchter. Der verkauft das Küken an den Mäster. Also LKW, Küken transportieren, ausladen, ab in die Halle, füttern, impfen und wenn sie groß genug sind wieder LKW, Schlachthof, töten, Federn rupfen, verpacken, einfrieren, transportieren, lagern, weiterverkaufen, anbieten. Der Züchter, der Mäster, die Spedition, der Schlachtbetrieb, der Händler und der nette Herr an der Kasse. Sie alle wollen an diesem Huhn Geld verdienen. Wie soll das gehen? Bei 2,59 Euro?“ – fragt sich der Journalist. In diesem Stil geht es noch über ein paar Absätze weiter. Wenn Sie viel Zeit haben, können Sie es hier nachlesen.

Ich musste beim Lesen des Textes erst einmal herzlich lachen, kurz danach fand ich die Aussagen aber doch eher beklemmend und begann mich für den Kollegen zu schämen. Noch vor einer Generation wusste jede Hausfrau, dass ein Suppenhuhn eine geschlachtete Legehenne ist. Dem kritischen Verbraucher in der Großstadt scheint der Unterschied zwischen einer Legehenne und einem Masthuhn dagegen nicht mehr klar zu sein.

Eine kleine nicht repräsentative Umfrage in meinem Bekanntenkreis ergab, dass die meisten Menschen in meinem Alter (so um die 50) wissen, was ein Suppenhuhn ist, sie aber noch nie ein ganzes Suppenhuhn selbst zubereitet haben. Gut erinnern konnte man sich noch an die Mutter oder Oma, die früher in der Küche das selbst geschlachtete Huhn rupfte, um daraus eine Suppe zu kochen. Diese Kulturtechnik scheint in den vergangenen 30 Jahren weitgehend ausgestorben zu sein.

Knapp 32 Millionen Legehennen werden jedes Jahr in Deutschland geschlachtet und zu 40.000 t Fleisch verarbeitet. Der Absatz dieser relativ kleinen Menge ist nicht einfach. Statistisch müsste jeder Bundesbürger nur ein halbes Kilo essen, doch die Realität sieht anders aus. Die Deutschen bevorzugen das zarte Fleisch der Masthühner und greifen dabei am liebsten zum Brustfleisch.

Ein Teil der Suppenhühner wird zu Convenience-Produkte, wie Hühnerfrikassee und Hühnerbrühe weiterverarbeitet, der Rest als ganzes Tier verkauft. Mangels Nachfrage im Inland müssen erhebliche Mengen exportiert werden. Ein wichtiger Abnehmer ist dabei Afrika. Seltsamerweise empören sich die gleichen Menschen, die das Suppenhuhn beim Einkauf links liegen lassen, über diese Exporte in Entwicklungsländer, weil sie meinen, dass dadurch den lokalen Erzeugern geschadet wird.

Aus dem niedrigen Preis des Suppenhuhnes auf schlechte Haltungsbedingungen zu schließen, ist absurd. Knapp 10 Prozent der Suppenhühner in Deutschland stammen von Biohöfen, 17 Prozent verbrachten ihr Leben im Freilandbetrieb, und 63 Prozent in einem Stall mit Bodenhaltung. Und nur noch 10 Prozent der Legehennen werden in Deutschland in Käfigen gehalten. Es gibt kein Fleisch bei dem die Haltungsbedingungen den Wünschen der Verbraucher so weit entgegenkommen wie das des Suppenhuhns.

Dass Suppenhühner trotzdem so billig verkauft werden müssen, liegt an der fehlenden Nachfrage. Wem das nicht gefällt, sollte sie kaufen und sich die Mühe machen sie zuzubereiten. Dann wird das nächste Aha-Erlebnis folgen. Der mit Hähnchenbrustfilets groß gewordenen Konsument wird sich wundern wie bissfest – um nicht zu sagen zäh - Geflügelfleisch sein kann. Aber dieses kleine Opfer für eine bessere Welt sollte doch jeder Billigfleisch-Kritiker gerne bringen.
 
Leser Hardy Wehming sagte am 28.06.2017 um 12:39 Uhr
Quantitätsjournalusmus
Guter Kommentar, Herr Bach. Das zeigt wieder wie überflüssig Verbraucherkommunikation ist. Es ist nicht alleine Bringschuld der Landwirtschaft! Der Mainstreamjournalismus ist desolat. Das zeigt auch der Bericht im aktuellen Focus Nr. 26 'Unser Wasser'. Es liest sich wie zusammengeschnittene Abi-Referate. Auch UBA-Pressemeldungen kommen per Copy-Paste ins Blatt. Volksverdummung...
Leser Helmut Gahse sagte am 21.06.2017 um 12:10 Uhr
Freilandhaltung
Das wuste ich nicht. Ich dachte Freilandhaltung findet auf Grasland statt.
Leser Günter Schanné sagte am 20.06.2017 um 23:00 Uhr
Suppenhuhn
1. Bodenhaltung bedeutet Haltung auf perforierten Böden. Planbefestigte Böden finden sich nur in der Freilandhaltung 2. Seltsamer weise haben die Menschen in Afrika bessere Zähne um das als zäh beschriebene Suppenhuhnfleisch zu zerkleinern
 

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