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5. Januar 2017, 11:21 Uhr Auf Zeit gespielt

Horst Hermannsen zum Tierschutz

Bayerns Landwirtschaftsminister Brunner hat zweifellos positive Eigenschaften. So ist er sich stets treu geblieben und stört nur selten, versichert ein Kabinettskollege im vertraulichen Gespräch. Dieser Beurteilung schließt sich auch der Chronist gerne an. Besonders angetan ist der CSU-Politiker von den vielfältigen und kreativen Ideen der verschiedenen Einkommenskombinationen in Familienbetrieben. Davon versteht er wirklich etwas. Schließlich hat er jahrelang Ehefrau, Schwester sowie Nichte im „politischen Familienbetrieb Brunner“ großzügig auf Kosten des Steuerzahlers durchgefüttert. Damit hat der „Ernährungsminister“ seinem Amtstitel alle Ehre gemacht.

Auch in der aktuellen gesellschaftlichen Diskussion verhält er sich genauso, wie man es von ihm erwartet. Nicht ganz überraschend fordert der Bauern-Lobbyist – wie sich Brunner selbst einmal bezeichnete vom Lebensmittelhandel mehr Verständnis für Milchbauern. Mit fast bebender Stimme hat er im Bayerischen Rundfunk Handelskonzerne davor gewarnt, die Existenz der kleinbäuerlichen Landwirtschaft im Freistaat zu gefährden. Konkret nannte Brunner das vom Handel angestrebte baldige Ende der ganzjährigen Anbindehaltung von Milchkühen. Der CSU-Minister forderte, den kleinen Landwirten mehr Zeit für die kostenintensive Umstellung auf Laufstallhaltung zu lassen. Brunner führt nach eigenen Angaben Gespräche mit großen Lebensmittelherstellern und maßgeblichen Handelsunternehmen. Er wolle ihnen deutlich machen, welche Folgen ein abrupter Ausstieg aus der Anbindehaltung hätte.

Aber wie kommen Sie auf abrupt, Herr Minister? Ist Ihnen wirklich entgangen, dass diese Form der Tierquälerei schon seit Jahren angeprangert wird? Sie selbst loben zwar bei jeder Gelegenheit die angeblich so moderne bayerische Landwirtschaft, stellen sie gar als Vorbild für andere Regionen hin. Aber wie sieht es denn tatsächlich aus?

In Bayern gibt es derzeit rund 32.000 Milchbauern. Mindestens ein Drittel der Kühe in diesen Betrieben wird tierquälerisch noch ganzjährig angebunden. In manchen Klitschen herrschen geradezu bedrückende Verhältnisse, die Träumer als Relikte aus der guten alten Zeit verkennen. Lediglich final, im Schlachthof, können die Kühe einmal mehr als nur einen Schritt tun – gewissermaßen als makabre Krönung ihres tristen Lebens. Nachdem die lobbygesteuerte Politik ihrer gesellschaftlichen Aufgabe nicht nachkommt, sondern auf Zeit spielt, macht der Lebensmittelhandel endlich Druck und postuliert unmissverständliche Forderungen. „Tierwohl“ liefert das Stichwort. Damit möchte die Branche den Wünschen der Verbraucher entgegen kommen, die Umfragen zufolge angeblich bereit sind, für Produkte aus artgerechter Tierhaltung mehr zu bezahlen. Allerdings sollte man sich auf unverbindliche Aussagen der Konsumenten nicht verlassen, zumal die der Realität widersprechen. Verbraucher verhalten sich in ihrer Mehrheit wie Bauern. Auch die kaufen homogene Produkte dort, wo sie am preiswertesten sind.

Eine diffuse Sehnsucht uninformierter urbaner Bevölkerungsgruppen nach scheinbar musealer Landwirtschaft darf nicht als Vorwand für wirtschaftlich begründete Tierquälerei instrumentalisiert werden. Ähnliche Argumente bestimmen auch das Thema Ferkelkastration. Hier, so heißt es, werde das Verbot der betäubungslosen Kastration ab 1. Januar 2019 in der süddeutschen Landwirtschaft ebenfalls zu einem beschleunigten Strukturwandel führen. Das mag in der Tat so sein. Es schließen jene Betriebsleiter rascher ihre Stalltüre, die früher oder später ohnehin aufgeben. Davon völlig unabhängig wäre es freilich grotesk, wenn das Verbot nur in Deutschland, aber nicht für die gesamte EU gelten würde. Das interessiert zwar keine Sau, dafür aber jeden heimischen Schweinehalter, der im Wettbewerb mithalten muss.
 
Leser Lifestyle-Tierwohl? sagte am 06.01.2017 um 11:30 Uhr
Domestikation - Unsere Ställe im steten Wandel der Zeit....
Lieber Herr Hermannsen, Sie stellen die etwa 10.000 bayerischen Betriebe an den Pranger, die noch Anbindehaltung praktizieren. Diese sollten zugunsten der Wachstumsbetriebe tatsächlich schleunigst ihre Stalltüren schließen. Die Eigentümer solcher sicherlich längst abgeschriebenen und insbesondere bezahlten Ställe sind wohl aber die einzigen, die unter einem unlängst seitens der Abnehmer brutal durchgesetzten Milchpreisniveau von nur noch zugestandenen desaströsen um die 20 Cent/l überhaupt erfolgreich produzieren konnten. Das dürfte nicht zuletzt auch der Tatsache geschuldet sein, dass über anderweitige, häufig außerlandwirtschaftliche Einkommensquellen deren bäuerliche Tätigkeit als teures Zuschusshobby überhaupt noch funktionierte, da schmerzfrei ein entsprechender Kapitaltransfer vollzogen werden konnte. Ich jedenfalls möchte es mir nicht anmaßen, meine Vorfahren derart zu vermaledeien und sie der Tierquälerei zu bezichtigen. Zu jenen Zeiten waren die Tiere auf dem Hof das wertvollste Gut, das eine Bauernfamilie überhaupt besitzen konnte, genau das kam in einer entsprechenden, zumeist hingebungsvollen Tierliebe sehr deutlich zum Ausdruck. Ersetzt in den heutigen Hightech-Megaställen eine computergesteuerte maschinelle Zuwendung für unsere modernen Turbokühe als Nonplusultra einer neuzeitlichen Tierhaltung das dereinst gelebte Mensch-Tier-Abhängigkeitsverhältnis!? Tierwohl: Korrelliert das Wohlbefinden dieser mittlerweile extrem überzüchteten Geschöpfe (Stichwort: jährliche Milchleistung pro Kuh,Tiergesundheit/ Lebensdauer) tatsächlich in der gewünschten Art und Weise, wie es unsere Gesellschaft einfordert oder müssen wir darin vielleicht eher die Qualzucht vollkommen überzogener Wirtschaftlichkeitsansprüche in unseren Hightech-Ställen erkennen? Die Masse der noch heute genutzten Anbindeställe wurden im übrigen in den 60er Jahren des vergangenen Jahrhunderts ausschließlich nach staatlichen Vorgaben geplant, gebaut und gefördert. Auch zu jenen Zeiten wagte kein Bauer Widersprüche zu erheben oder sogar eigenständig Abweichungen zu vollziehen; damals somit also hypermodern, was nun auch Sie, werter Herr Hermannsen, heute gänzlich abqualifizieren. Ich kann mich einer solchen Schwarz-Weiß-Malerei nicht unwidersprochen anschließen wollen. Nur diskreditieren ohne machbare Perspektiven aufzuzeigen, wirklich der Weisheit letzter Schluss? - Wir sollten in einer glaubwürdigen Diskussion nicht unterschlagen wollen, dass selbst hypermodernes "Tierwohl" schlussendlich durch den Magen geht! Die Redaktion behält sich das Recht der Kürzung vor.
 

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