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13. April 2017, 11:28 Uhr Europa auf dem Weg zur Blumenwiese

Peter Seeger über die neue Zulassungspraxis für Pflanzenschutzmittel

Der Frühling tobt. In den wärmeren Lagen ist der Raps schon in der Blüte. Die Landwirte sind fleißig unterwegs, die Pflanzenbestände zu hegen und zu pflegen. Schon in den Winterversammlungen und nun auch bei den Beratungen auf dem Feld wird jedem Landwirt jedoch eine Tatsache immer bewusster: Die Anzahl der zur Verfügung stehenden Pflanzenschutzmittel geht rasant zurück. Und dies bei steigendem Resistenzdruck. Es ist keine Besserung in Sicht.

Landwirtschaft trägt Contergan-Erbschuld

Eine Ursache sind die restriktivere Zulassung neuer und die restriktivere Wiederzulassung alter Pflanzenschutzwirkstoffe. Die europäischen Genehmigungsbehörden stellen deutlich höhere Ansprüche an den Zulassungsprozess. Größere Studienumfänge und Betrachtungskorridore, besonders im Hinblick auf die Bienengefärdung treiben die Kosten für Zulassungen in die Höhe. Zudem kommt das Risiko, dass auch bei positiver wissenschaftlicher Beurteilung, die politische Bewertung der Ergebnisse (unter Druck der NGO’s) zu einer weiteren Unsicherheit wurde. Die Glyphosatdebatte ist das beste Beispiel dafür. Es hat für mich den Anschein, als dass die Landwirtschaft immer noch die „Erbschuld“ der Industrie von Contergan und Atrazin zu tragen hat.

Von den Produzenten ist zudem immer wieder zu hören, dass für der kleine Markt Europa nicht mehr wirklich im Fokus steht. Die Musik spielt auf anderen Kontinenten, in denen höhere Wachstumsraten möglich sind. Besonders bei Nischenprodukten ist dieser Umstand fatal. Bei einem Importanteil von 80 Prozent bei Obst in Deutschland ist eine solche Entwicklung existenzbedrohend für den Produzenten. Mittel, die im Ausland bei Importprodukten erlaubt sind, kann der Obstbauer hier nicht anwenden. Wie mit neuen Herausforderungen, wie z.B. der Kirschessigfliege, bei solch einer Zulassungspraxis umgegangen werden soll, ist mir schleierhaft.

Die Kunst des guten Ackerbauers gefragt

Offenbar sind wir nun doch auf dem Weg zu den blühenden Landschaften in Deutschland. Nur anders als von Kohl gedacht. Und dass nun eher Disteln und Jakobskreuzkraut hier blühen, hat damals auch keiner gesagt.

Natürlich kann man bei allen Problemen auch die Chancen sehen. Und diese gibt es auch hier wie in jeder Krise. Ist nicht besonders jetzt die Kunst des guten Ackerbauers gefragt? Durch angepasste Fruchtfolgen, geänderte Bewirtschaftung, moderne Technik und resistente Sorten ist viel machbar, denn die Zeiten von „Schema F“ sind vorbei. Auch bei Biobetrieben kann man mal über die Schulter schauen, wie die die Herausforderungen meistern. Vielleicht ist es auch eine Möglichkeit, solange es der Markt zulässt, den Betrieb komplett auf Bio umzustellen. Im Ackerbau kann man sich von Jahr zu Jahr anpassen und Weiterentwickeln. Als Tierhalter, wenn der Beton des Stalles einmal ausgehärtet ist, tut man sich deutlich schwerer mit einer grundlegenden Agrarwende.
 
Leser Klaus Bergmann sagte am 18.04.2017 um 17:56 Uhr
Nicht ganz zu Ende gedacht
Werter Herr Seeger, Ihr Rückschluß der Erbschuld in der Diskussion um Glyphosat ist einerseits richtig, aber es ist eben keine Erbschuld, vielmehr die richtige Reaktion darauf, dass damals Atrazin im Trinkwasser zu finden war. Das gehört dort genau so wenig hin wie Glyphosat, bzw Ampa in meinen Urin. Es ist absolut richtig, bei solchen Befunden wissenschaftlich zu prüfen und seriös zu hinterfragen, ob nicht weitere Enschränkungen von Nöten sind. Die Landwirtschaft macht sich zudem immer mehr zur Geisel der Chemielobby ohne selbst daraus langfritigen Nutzen ziehen zu können. Im Gegenteil - all die schönen Möglichkeiten den Anbau zu rationalisieren, hat unterm Strich Konzerne reich, Bauern ärmer und abhängiger gemacht. Lebensmittel sind heute so billig geworden, daß die Masse der Konsumenten Nahrungsmittel nicht mehr schätzt und wir eine öffentliche Debatte über zu viel Weggeworfene Lebensmittel führen. Umdenken auf allen Ebenen ist da dringend von Nöten.
Leser Jürgen Seufferlein sagte am 18.04.2017 um 11:44 Uhr
Freier Unternehmer & Landwirtschaft der Zukunft
Werter Peter Seeger, die Debatte um Pflanzenschutzmittel ist nicht wirklich neu, sie wurde durch die Debatte um Glyphosat und die BAYER-Akquise von Monsanto nur wieder neu belebt und erfährt inzwischen durch nachhaltige Unterstützung vom BfR und der Diskussion um erhöhte Rückstände in Gewässern (zusätzlich zu erhöhten Nährstoffgehalten)ungeahnte Dynamik. Und dies in einer Zeit, in der sich die nicht-landwirtschaftliche Gesellschaft einer täglichen Metamorphose zwischen Arbeit und Freizeitvergnügen hingibt und so tatsächlich gar nichts mehr übrig hat für die "Leiden der Bauern". Zusätzlich erfährt der "moderne" Landwirt, dass er ja gar kein freier Unternehmer ist, sondern als Spielball zwischen Politik, Verbänden (Bauernverbände, etc.), Abnehmern und Sozialversicherern dient, um deren eigenen Existenzen abzuleiten. Dem entgeht der Biobauer auch nur in der Hinsicht, als er sich von der geballten Menge an Dünge- und Pflanzenschutzmitteln nahezu komplett befreit, den restlichen Bürokratismus aber mit zusätzlichen Anforderungen aus Verbandsauflagen trotzdem zu erfüllen hat. Wie also raus aus dem Dilemma? Ich sehe die einzige Möglichkeit in a) der klaren Definition JEDES landwirtschaftlichen Betriebes als Unternehmen, b) der Schaffung eines einheitlichen MWST.-Satzes auf ALLE Güter (z.B. 13%), c) der konsequenten Abschaffung der Direktzahlungen und der 2.ten Säule INCL. einer noch zu definierenden Risikorücklage für Extrema (Dürre, Überschwemmung, etc.)und d) der Zuständigkeit EINES EINZIGEN Bundesministeriums für die Landwirtschaft (momentan reden da 4 mit). Passendes Beispiel zum Schluss: Meine Eltern haben zusammen 75 Jahre in die Rentenversicherung (LW und allg. Rentenkasse) einbezahlt und erhalten jetzt ZUSAMMEN knapp 940,-€ Rente/Monat - und das in Zeiten, da politisch eine bedingungslose Grundrente von 1.050,-€/PERSON von diversen politischen Kreisen gefordert wird. Auch das sollte uns zu denken geben!
Leser EU-Bauer Klaus1618 sagte am 14.04.2017 um 13:49 Uhr
Sapere aude!
Werter Herr Kollege Seeger, Ihre Analyse ist hervorragend! Die Zeiten von „Schema F“ sind vorbei. Wer müsste nun in sich gehen, Buße tun: Mea culpa, mea culpa, mea maxima culpa...! Auf ganzer Linie versagt hat doch nicht das kleine tumbe Bäuerlein, welches besagtes „Schema F“ treudoof gutgläubig 1:1, nach bestem Wissen und Gewissen, in der Praxis umsetzte. Dafür bezieht er allerdings jedoch allseits verbale Prügel, muss stoisch die gesellschaftlichen Schuldzuweisungen in Generalhaftung erdulden. Vielen Bauern ermangelt es hier an einer wehrhaften Eloquenz, was keineswegs aber beschämend sein muss. Die Fähigkeiten der Bauern müssen sich in erster Linie auch nicht am Hochleistungsrechner entfalten. Warum also führt aktuell eine Wirtschaftsweise, bislang definiert nach „guter fachlicher Praxis“ zu einem derart fatalen Strukturbruch in Reihen unseres Bauernstandes? Was dürfen wir in dieser Thematik, mit Ausnahme von scheinheilig ablenkenden Schuldzuweisungen eben an das tumbe Bäuerlein, von unseren staatlich alimentierten, hochgeistigen Größen vernehmen? - Stellt das kleine Bäuerlein eigenständig innovativ die Weichen seiner Mikroökonomie auf Fortschritt, sucht nach Wegen raus aus dem Dilemma der durchgängigen Erzeugerpreismiseren, so lebt er in der Gewissheit, dass ihn bedrohlich der Dolch der staatlichen Sanktionierungen im Rücken verfolgt. Wie flexibel ist heute denn ein „unfreier Unternehmer“ Bauer in seiner eigenen Entscheidungsgewalt? Ihnen, werter Herr Seeger, muss ich wohl nicht erklären, in welchem perfiden Kontroll- und Überwachungssystem wir uns mittlerweile bewegen, mit einem atemraubenden Korsett ausgestattet. // Mehr als ein Drittel unserer Nahrungsmittelerzeugnisse landen aktuell nicht in den Bereichen, für welche die Mehrheit der Bauern aufwendig und kostenintensiv produziert, und das bei durchgängig allenfalls zugestandenen Dumpingpreisen. Für mich als aktiver konventioneller Bauer ist es äußerst frustrierend, wenn ich mir als Resümee nach 30jähriger Berufstätigkeit selbst eingestehen muss, dass ich unter diesen nicht zu verleugnenden Gegebenheiten anteilige 10 Jahre demnach für WAS gearbeitet habe? Und dennoch gesteht man uns keine alternativen Wertschöpfungen im Non-Food-Bereich zu, betriebswirtschaftlich befruchtende neue Wege für Mensch, Tier und Natur gehen zu dürfen. Arbeit muss auch Spaß machen, damit der Funke der Begeisterung wieder überspringen kann auf unsere Jugend auf den Höfen. // Österliche Zeit - für viele hoffentlich auch Zeit zum Nachdenken!
 

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