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13. Juli 2017, 15:00 Uhr Falsche Signale

Horst Hermannsen zu Direktzahlungen

Geduld ist eine gute Eigenschaft. Aber nicht, wenn es um die Beseitigung von Missständen geht. Zu den großen Missständen zählen Direktbeihilfen. Diese verdrehte Art landwirtschaftlicher Sozialhilfe wurde 2003 im Zuge der EU-Agrarreform als Ausgleich für vermeintliche Preissenkungen eingeführt.

Damals hatte sie eine Berechtigung. Durch unbegrenzte Absatzgarantien zu festen Preisen, die durch eine staatlich finanzierte Intervention garantiert waren, hatten Bauern die Illusion, wirkliche „Marktpreise" zu erhalten. Mit dem Wegfall der obligatorischen Intervention fielen dann die Getreideerlöse auf ihr reales Niveau, deshalb die Ausgleichszahlungen. Tatsächlich lebte ein Großteil der Bauern schon damals von der öffentlichen Hand. Sie spürten es nur weniger als heute, wo jeder die Beihilfen einsehen kann. Grundsätzlich geben sie aber falsche Signale. Pauschale Flächenzahlungen sind das Gegenteil einer differenzierten Agrarpolitik. Bedürftigen Landwirten helfen sie ohnehin wenig. Schließlich erhalten 80 Prozent der bäuerlichen Betriebe mit dem geringsten Einkommen lediglich 25 Prozent der Direktzahlungen; die 10 Prozent mit dem höchsten Einkommen dagegen 55 Prozent.

Dadurch entstand der schier unausrottbare Aberglaube in der Landwirtschaft, dass mit steigender Hektarzahl auch die Intelligenz zunähme. Dabei haben die Großlandwirte traditionell nur einen wirksameren Einfluss in den Verbänden und auf die Politik. Dafür bedarf es keiner besonderen Intelligenz, meist genügt Bauernschläue. Bei Forderungen und Protesten bedient man sich gerne der Kleinen als lautstarke Landsknechte, die nicht immer so ganz genau merken, für wen sie das Feld bestellen. Flächengebundene Direktbeihilfen verhindern einen wirklichen Wettbewerb der klügsten Köpfe. Denn das Einkommen wird zu einem beachtlichen Teil nicht vom Können des Landwirts bestimmt, sondern von der Größe seiner Flächen. Vielleicht gibt es deshalb in der Branche noch immer so viele Unterlasser und zu wenige Unternehmer.

Dass mit dem Wegfall der Direktzahlungen die Aufwendungen der Verbraucher für Lebensmittel steigen würden, ist eine bewusste Verdrehung. Schließlich ist der Konsument in seiner Eigenschaft als Steuerzahler doch gezwungen, die Milliarden zur Unterstützung der EU-Landwirtschaft aufzubringen. Müsste er das nicht, sollte er auch mehr für Brot, Milch und Fleisch bezahlen.

Subventionen sind generell abzulehnen - nicht nur in der Landwirtschaft. Sie verhindern, dass sich selbsttragende Märkte entwickeln. In der Folge muss man in alle Ewigkeit nachsubventionieren. Etwas, das nur mit Subventionen läuft, bringt aber keinen gesellschaftlichen Mehrwert. Nur für gesellschaftlichen Mehrwert sind die Menschen bereit, zu zahlen. Wollen sie dafür nicht zahlen, ist es ihnen auch nicht wichtig. Von Subventionen profitieren in aller Regel die Falschen.
 
Leser EU-Bauer Klaus1618 sagte am 20.07.2017 um 10:52 Uhr
Durch das Tal der Ahnungslosen.
Dem ist wirklich nur wenig hinzuzufügen! Nur soviel: Würde infolge der Direktzahlungen ein damit begründetes Transparenzansinnen entfallen, geriete das mittlerweile hochpräzise fremdgesteuerte Marktgeschehen rasant in einen Schlingerkurs. Jedem aktiven Landwirt wäre das eher heute als morgen nur zu wünschen, wenn er sich seiner administrativen Fesseln schleunigst entledigen könnte, um sein Dasein als freier Unternehmer eigeninitativ zu gestalten. Dieser unleidige Geldfluss, der sich rasant zur Sturmflut vom jeweiligen Bewirtschafter zu den Eigentümern entwickelte, würde schlagartig versiegen und damit abgelöst von realistischen Größenordnungen, die eine verfügbare Bodengüte widerspiegelten. Was wäre der Grünlandstatus noch wert, könnte man nicht diejenigen nachhaltig sanktionieren, die damit ihr Einkommen generieren. Die bestens dotierte, überaus opulente personelle Architektur unseres Direktzahlungsmodelles ließe sich rigoros zusammenschrumpfen. Ist eigentlich geläufig, wie viele Prämienansprüche überhaupt noch frei verfügbar, als unverzichtbar lebensrettender alljährlicher Staatstropf schlussendlich auf dem Bauernkonto angelangen? Sagt das nicht mehr als alles? Diese Problematik ist aber nur sehr wenigen Ausstehenden bekannt. Entgegen der gerne und regelmäßig oft geübten Praxis, marktschreierisch Statistiken über die Pachtzinshöhe bei Neuverpachtungen medial in die Welt hinausplärren zu wollen, hüllt man sich dahingehend wohlweislich in betretenes Schweigen. Belastbare Statistiken über das ominöse Häkchen auf dem Prämienantrag werden der breiten Öffentlichkeit nicht zugängig gemacht. WARUM!? - Es steht wahrhaftig also die Gretchenfrage im Raum, ob es tatsächlich das kleine tumbe Bäuerlein wäre, das am lautesten stöhnte, würde dieses Direktzahlungsmodell gänzlich eingestampft.
Leser Günter sagte am 19.07.2017 um 17:27 Uhr
Zustimmung
Ich finde der Text von Herrn Hermannsen hat den Nagel voll auf den Kopf getroffen. Jeder, selbst ein sich im Hungerstreik befindlicher finanziert über die Umsatzsteuer die sinnlosen Subventionen an die Landwirtschaft. Schon Rainer Brüderle, der einstige FDP-Wirtschaftsminister befand Dauersubventionen für schädlich, weil sie denkfaul machen. Noch schlimmer ist, dass die Zweckbestimmungen der Direktzahlungen aus dem EAGFL, Umweltschutz- und Tierschutzstandards nicht in der geringsten Weise erfüllt werden.
Leser Jochen sagte am 14.07.2017 um 16:58 Uhr
Es sind rote Signale!
Was für eine bahnbrechende Feststellung Herr Hermannsen! Bevor sie wieder einen Kommentar loslassen, überprüfen und zeigen sie mal bitte objektiv auf in welchen geld und wirtschaftspolitischen System sich der Agrarbereich tatsächlich befindet!? Marx und Engels stehen Pate und es hat sich schon der Spruch verbreitet, das die einen die Subventionen hätten und die anderen die Märkte! https://youtu.be/O9Nt5HuEhPA
 

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