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16. Februar 2017, 16:50 Uhr Falsche Töne

Katja Bongardt über das Entfernen von Kinderliedern

„Fuchs, Du hast die Gans gestohlen“, heißt ein Kinderlied, das eine Veganerin nicht ertragen kann. Marius Hahn, Bürgermeister von Limburg, hat freundlicherweise der Bitte der Dame entsprochen und das Lied zeitweilig aus der Liste des geschätzten Limburger Glockenspiels gestrichen. Das ist nett. Denn vielleicht sieht die Dame schlecht und hat deshalb besonders feine Ohren, weshalb sie beim Erklingen der Töne der Strophe „Sonst wird dich der Jäger holen, mit dem Schießgewehr“ mehr als alle anderen leidet und demzufolge nicht arbeiten kann. Unkompliziert hat der Bürgermeister seiner Stadt zu mehr Produktivität verholfen. Das ist toll.

Wie üblich bei solch schrägen Geschichten wird in ein paar Tagen kein Wetterhahn vom Glockenturm mehr danach krähen. Dennoch lohnt es sich, noch einen Moment über diesen Vorgang nachzudenken. Denn er zeigt eins ganz deutlich: Das Maß ist verloren gegangen. Wo sind die Kriterien, nach denen so etwas entschieden wird? Plötzlich kann eine Gegebenheit, die von einer Einzelperson oder von einer Minderheit als schlimm empfunden wird, anscheinend willkürlich dazu führen, dass sich für alle etwas ändert. Bitte erklären Sie diese Bürgermeister-Reaktion einmal den Bewohnern der Rhein-Main-Region, die auch unter Tönen leiden, nämlich denen des Flughafens.

Ermutigt von dem Vorgang in Limburg ist womöglich bald damit zu rechnen, dass ein Tierfreund „Der Wolf und die sieben Geißlein“ der Gebrüder Grimm auf den Index setzen lässt, weil der Platz im Uhrenkasten für das jüngste Geißlein ja wohl keinesfalls den Tierwohlkriterien entspricht. Mögliche Begründung: Das Seelenheil eines einzelnen Märchenlesers könnte bei der Lektüre nachhaltig in Ungleichgewicht geraten. Auch Wilhelm Buschs Witwe Bolte sollte sich auf Ärger einstellen. Es wird sich jemand finden, der Anzeige wegen Verletzung der Aufsichtspflicht über das Huhn erstattet. Wie sonst hätte es zu den massenhaften Selbsterdrosselungen kommen können.

In Hannover gibt es ja jetzt einen Krankenwagen für Wölfe. Fragen sie mal die gerissenen Schafe, was die dazu zu sagen hätten. Ach nein. Geht ja nicht. Zu spät.


 
Leser Konstantinos Tsilimekis sagte am 21.02.2017 um 21:07 Uhr
Kulturwandel statt -verlust
Ich würde es eher als Kulturwandel betrachten und nicht als Verlust - dass nicht über Jahrhunderte hinweg die selben Lieder gesungen, die selben Märchen erzählt werden, ist doch, kulturwissenschaftlich gesehen, ein normaler und nachvollziehbarer Vorgang. Auch Gedanken und Sichtweisen auf die Welt unterliegen nun einmal dem Wandel der Zeit. Ebenso normal ist dabei, dass es mal mehr, mal weniger konservative, mal mehr, mal weniger progressive Kräfte gibt, die sich in mal mehr, mal weniger konfrontativen Auseinandersetzungen um die Durchsetzung ihrer Sicht der Dinge bemühen - auch das ist ein Kennzeichen menschlicher Kultur. Womit ich aber, wenn ich Sie richtig verstehe, mit Ihnen gehe: Auch diese Art von Kulturaustausch sollte einen gewissen Grad an Konfrontation nicht überschreiten. Doch eine solche Überschreitung sehe ich beispielsweise beim Limburger Vorgang nicht gegeben (ebenso wie ich auch insgesamt das sich aktuell wandelnde Mensch-Tier-Verhältnis samt dessen kulturelle Auswirkungen nicht als Untergang des Abendlandes betrachte). Beim Ovid reiche ich Ihnen übrigens deutlich die Hand: Dessen Verse - und mit einem polemischen Augenzwinkern: insbesondere seine Pythagorasrede - sollten wir dann einfach an anderer Stelle weiter lautstark zitieren.
Leser Katja Bongardt sagte am 21.02.2017 um 19:07 Uhr
Weiterhin falsches Maß
Lieber Herr Tsilimekis, vielen Dank für Ihren Kommentar. So skurril wie das jetzt klingen mag: Aber ich mache mir tatsächlich Sorgen um das Lied oder auch um die Märchen. Ich sehe den Vorgang in gewisser Weise als einen Kulturverlust an. So schräg wie in Amerika ist es zwar noch nicht. Dort darf ein Hochschulprofessor Ovid nicht mehr zitieren, weil die derbe Erotik des römischen Dichters zarte Gemüter verstört. Aber irgendwie gehört das schon in die gleiche Schublade. Und ein bisschen Polemik darf erlaubt sein. Bei dem Begriff "Veganerin" allerdings gebe ich Ihnen Recht. Das ist unnötig. "Limburger Bürgerin" oder ähnliches ist besser.
Leser Konstantinos Tsilimekis sagte am 21.02.2017 um 18:10 Uhr
Falscher Nachklang
"Das Maß ist verloren gegangen." - ein Satz, der eher den Kommentar als das Kommentierte beschreibt. Denn wie lauten die Kriterien, nach denen entschieden worden zu sein scheint, das kleine Limburger Ereignis "groß zu kommentieren" (im doppelten Sinn des Ausdrucks)? Offensichtliches Kriterium Nr. 1: ein/eine "Veganer/Veganerin" war beteiligt. Kriterium Nr. 2: das Ereignis bietet - vermeintlich - Stoff genug, um eine "Wo soll das nur alles enden?"-Glosse zu verfassen. Mag der Limburger Vorgang manch einem auch als skurril erscheinen: Ist die Welt sonst frei von Skurrilitäten? Und steht wirklich zu befürchten, dass ab jetzt immer wieder und überall ganz "plötzlich" ganz viel "Willkürliches" in ähnlicher Hinsicht vonstatten gehen wird? Was immer auch als skurril betrachtet oder als willkürlich bezeichnet werden mag: Ist dies allein den aktuellen gesellschaftlichen Debatten rund um die Tiere zu eigen? Und was genau ist eigentlich im Zuge solcher Kommentare eine "Veganerin"? Was ich aus dem Kommentar herauslese, ist das, was man sich eigentlich von "Veganern" auch agrarmedial verbittet: Für einen sachlichen Dialog soll nicht jede kleinste landwirtschaftliche Begebenheit skandalisierend aufgebauscht werden (hier: eine "Veganerin" hat einen Bürgermeister, wenn auch nur aufgrund seines Wohlwollens und nur für kurze Zeit, rumgekriegt), Ängste sollen nicht geschürt werden (hier: "das Maß ist verloren") und auch die Landwirte oder Tierhalter sollen nicht als eine als homogen suggerierte Personengruppen über einen Kamm geschert werden (hier: die "Veganerin" - es hätte z. B. auch zunächst "eine Limburger Bürgerin" heißen können, dann gerne gefolgt von einer Beschreibung und Einordnung ihrer Motivation). Nicht zuletzt auch nicht gern gesehen: Polemik und Süffisanz (beides im Kommentar zur Genüge zu finden). Wenn selbst die Mahner sich nicht ans Ermahnte halten: Ist dann nicht wirklich bald alles Maß verloren?
 

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