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17. August 2017, 16:02 Uhr Gerade keine „Spielwiese für Innovationen“

Peter Seeger über die ITW 2.0

Damit hätte ich nicht gerechnet. Ich bin schon überrascht, dass die Initiative Tierwohl (ITW) den ersten drei Jahres-Zeitraum überstanden hat. Dass es nun auch noch in die zweite Staffel geht, erstaunt mich wirklich.

Das einzig funktionierende Modell für mehr Tierschutz

Da kürzlich erst der deutsche Tierschutzbund und die Handelskette REAL ausgestiegen sind, dachte ich schon, dass die Legitimität und die Finanzierung von ITW in Frage gestellt wären. Natürlich bin ich froh, dass es weiter geht. Denn die ITW ist grundsätzlich eine gute Sache. Momentan ist es auch die einzige funktionierende Möglichkeit, wirklich kostendeckend, mehr Tierschutz in den Ställen umzusetzen.

Grundlegend bin ich jedoch immer noch der Meinung, dass, wenn man mehr fordert, auch mehr für das Produkt bezahlen muss. Bei jedem neuen Smartphone ist das selbstverständlich, nur höherwertig produzierte Lebensmittel oder auch Ökostrom müssen durch Subventionen billig gehalten werden. Da in Deutschland bisher leider kein Tierschutzlabel ernsthafte Marktanteile erreicht hat, ist die ITW, abgesehen von einem steuerfinanzierten System, momentan der einzige Weg für merklich mehr Tierwohl in deutschen Schweineställen.

ITW wäre die ideale Plattform für Pioniere

Sicherlich gibt es in der neuen Förderperiode gute Gründe, die Zahl der verschiedenen Kriterien, aus denen der Schweinehalter auswählen kann herunter zu setzen und den maximalen Bonus pro Tier stärker zu deckeln. Brauchen wir jedoch nicht gerade jetzt eine „Spielwiese für Innovationen?“ Die Liste der Herausforderungen in der Schweinehaltung, für die wir noch keine Lösung haben, ist lang. Verzicht auf betäubungslose Kastration, Verzicht des Kupierens der Schwänze beim Ferkel oder die Abferkelbox ohne Fixierung der Sau kommen auf uns zu. Weder Wissenschaft noch die Lehr- und Versuchsanstalten haben bisher praxistaugliche Lösungen für die neuen Anforderungen. Die ITW wäre die Chance, Pioniere in der Praxis zu fördern, von denen andere Tierhalter lernen können. Es müsste zum Beispiel die Möglichkeiten geben, mit nur einem Teil des Bestandes einzelne Kriterien umzusetzen. Schließlich traut sich kaum jemand, einen kompletten Mastbestand mit Langschwanz Ferkeln aufzustallen. Dies ist jedoch nicht vorgesehen.

Öffentlichkeitsarbeit? Fehlanzeige

Leider hat die ITW weiterhin ein riesiges Manko: kein Mensch kennt die Initiative. Ich bin gespannt, ob bei dem größeren Budget von ITW nun auch endlich Öffentlichkeitsarbeit gemacht wird. „Tue Gutes und rede darüber“ Diese alte Marketingweisheit wird von ITW, wie in der Agrarbranche üblich, sehr stark vernachlässigt. Es macht keinen Sinn, dieses Programm nur aufzulegen, um die Tierschutzorganisationen ruhig zu stellen. Das funktioniert sowieso nicht. Mit den Stalleinbrüchen bei ITW-Betrieben zeigt sich, dass auch hier nicht immer heile Welt ist. Wenn man lange genug sucht, kann man überall unschöne Bilder finden. Die Kommunikation muss vorher geschehen, und zwar offen und ehrlich. Das vermisse ich leider bei ITW. Es hat den Anschein, als wolle man, auch von Seiten des Lebensmitteleinzelhandels (LEH), eher intern signalisieren, dass man etwas fürs Tierwohl tut. Die bestehenden Markenfleischprogramme sollen aber nicht tangiert werden, um sich im Markt gegebenenfalls doch noch von den Mitbewerbern absetzen zu können.

Zum ersten Mal hätte die Tierhaltung über den Lebensmitteleinzelhandel einen direkten Zugang zum Verbraucher. Dass dies von beiden Seiten nicht angestrebt wird ist mir unerklärlich.
 
Leser Jochen sagte am 21.08.2017 um 15:58 Uhr
Durch die Nullzinspolitik
Schaffen es die Hobbykommunisten sogar noch bis zur dritten Staffel! Mich wundert echt wie lange die Tierhalter dieses linksfaschistoide Spielchen noch mitmachen? Die Eigendynamik des Beamtenapparat nimmt mittlerweile die skurilsten Formen an. Die Produzenten sollten auf die reine Eigenversorgung umstellen und das hinterhältige Hamsterradsystem zu boykottieren!
Leser Günter sagte am 19.08.2017 um 21:40 Uhr
Ringelschwanz
Das Tierschutzgesetz enthält in § 6 Abs. 1 Satz 1 ein grundsätzliches Amputationsverbot. Von daher ist Herr Meyer kein "Ringelschwanzretter", sondern er sorgt für die Einhaltung des Tierschutzgesetzes. Übrigens seine Aufgabe als Minister. Gleichzeitig erfüllt er auch den Verfassungsauftrag aus Art. 20a GG: Der Staat[...]schützt die Tiere. Schwanzbeißen ist eine Störung im Sozialverhalten der Schweine; Ursache sind die Lebensbedingungen der Schweine, für die ausschließlich der Schweinebauer verantwortlich ist. Ursach für das Schwanzbeißen ist nicht die Existenz eines Ringelschwanzes. Wegen des Schwanzkupierens läuft seit 2010 ein Vertragsverletzungsverfahren der EU gegen die BRD, das nur zurückgestellt ist, weil ständig daran geforscht wird.
Leser Ulrich Löhr sagte am 18.08.2017 um 16:08 Uhr
Grundkurs Apo
Zum Grundkurs EU-Zahlungen gehört auch zu wissen, dass diese Zahlungen aus WTO-Gründen produktionsunabhängig und in Deutschland auch entkoppelt bezahlt werden. Der Betrieb bekommt seine Flächenzahlung, egal ob er Tiere hält oder nicht. Daher ist der Schluss auf flächenlose Landwirtschaft falsch. Für die Prüfung der Nährstoffverwertung soll es so etwas wie eine DüVo geben. Zum Thema Ringelschwanz wäre es doch interessant, den "Ringelschwanzretter" Meyer nach den Ergebnissen der Versuche aus dem Tierschutzplan zu fragen. Ist es tiergerecht, wenn hohe Tierraten trotz intensivster Betreuung in verschiedenen Haltungssystemen mit Läsionen im Schlachthof ankommen? ITW bleibt gut, weil der Staat nicht reinpfuscht!
Leser Günter sagte am 18.08.2017 um 15:08 Uhr
Direktzahlungen
Soweit ich weiß handelt es sich bei den Direktzahlungen um Flächenprämien. Das würde heißen, dass manche Schweine- und Geflügelbetriebe flächenlos betrieben werden. Woher kommt dann das Futter und wohin geht dann die Schweinegülle? Ringelschwänze entsprechen der bestehenden Tierschutznorm und sind keine Besonderheit der ITW.
Leser Ulrich Löhr sagte am 18.08.2017 um 13:01 Uhr
ITW ist sinnvoll
Zu Leser Günter. Sehr geehrter Herr Günter, gerade die Sparten im Bereich Schwein und Geflügel, bekommen kein süßes Gift (EU Direktzahlungen). Das ist auch gut so. Mit den Zahlungen und darauf folgenden Auflagen würde man es erfolgreich schaffen ein funktionierendes System zu "schlachten". Als Teilnehmer an ITW kann ich Ihnen nur sagen, dass die Auflagen eben höher als der gesetzliche Standard sind. Die Freunde des LEH schlafen nicht auf den Bäumen und würden das, wenn es denn der Fall wäre, sofort monieren. Der Staat war als Marktlenker noch nie erfolgreich. Deshalb stimme ich Herrn Seeger zu , dass es sich hier um ein erfolgreiches System handelt. Wenn man jetzt schafft zumindest eine Teilnämlichkeit der Produkte einzuführen, dann wäre auch eine öffentliche Bewerbung zielführend.
Leser Jürgen Seufferlein sagte am 18.08.2017 um 12:49 Uhr
ITW 2.0
Die Initiative Tierwohl hat nur dann eine Chance, wenn sie EU-weit den MEHRWERT-Standard definiert und damit die Messlatte für EU-Importbestimmungen wird. Für die Einhaltung von gesetzlichen Standards zusätzliche Prämien zu erhalten ist genauso lächerlich und absurd wie die Beibehaltung von Mitteln in der 1.ten Säule ohne konkrete Gegenleistung oder die horrenden Prämien in erneuerbare Energien. All dies hat doch in den letzten 25 Jahren nur dazu geführt, dass die grössten Jammerer und Anlagenbetreiber die Pachtpreise in astronomische, nicht marktfruchtfähige Höhen trieben, diese Flächen i.a. zur Entsorgung überschüssiger organischer Dünger zweckentfremdeten (denn Futtergetreide war i.a. billiger zu kaufen als zu produzieren) oder den Europäischen Traktorenherstellern zu willigen Abnehmern im Grunde nicht gegenzufinanzierender und unsinnig ausgestatteter Grosstraktoren wurden. Dies muss und dies wird - spätestens ab 2020/21- ein wohlverdientes Ende finden, ob dann die Landwirtschaft tatsächlich durch "Gute fachliche Praxis" langfristig erfolgreich betrieben werden kann, entscheiden aber auch internationale Faktoren, von denen wir heute noch gar nichts wissen, als auch die Allmacht des Verbrauchers, zu dem die Landwirte selbst auch gehören.
Leser Günter sagte am 17.08.2017 um 18:56 Uhr
Ehrlichkeit bei der Preisfindung
Solange die ITW nicht mehr bietet als die Einhaltung bereits bestehender Tierschutznormen reicht die Agrarsubventionierung über die Direktzahlungen aus dem EGFL völlig aus. Sie dient dazu Wettbewerbsnachteile europäischer Lw gegenüber außereuropäischen Mitbewerbern finanziell auszugleichen. Folglich müssen die höheren Tierschutzstandards in der EU erfüllt werden, bevor über weitere Zahlungen nachgedacht werden darf. Ein Bauer, der die bestehenden Tierschutznormen nicht einzuhalten vermag, geht vom Markt.
 

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