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1. September 2017, 9:43 Uhr Schweinerei

Mareike Scheffer zur Causa Schulze-Föcking

Empörung gibt es derzeit von allen Seiten, seit bei der Sendung Stern-TV die heimlich gedrehten Aufnahmen aus dem Stall der der Familie von Christina Schulze-Föcking, neue Landwirtschaftsministerin in der Nordrhein-Westfalen, im Juli veröffentlicht wurden. Gerade in der vergangenen Woche erhitzte sich die Debatte neu, als Tierschützer der Albert-Schweitzer-Stiftung vor dem Düsseldorfer Landtag mit 50.000 gesammelten Online-Unterschriften für den Rücktritt der Ministerin protestierten. Branchenorganisationen reagieren reflexhaft, wenn sie von einer „Hexenjagd“ durch die Tierschützer sprechen. Bei der Versachlichung der Debatte hilft das kaum.

Schweinerei sagen Tierschützer und meinen die Zustände, die im Stall dokumentiert wurden. Schweinerei sagen Landwirte, die durch den widerrechtlichen Zutritt ihren Hausfrieden und letztlich auch ihren Ruf in Gefahr sehen.

Leidenschaft zur Tierhaltung dringend erforderlich

Just in der vergangenen Woche lief im WDR auch eine zum Thema passende Reportage: „Landwirte in der Klemme – Welche Zukunft hat die Landwirtschaft.“ Hier kam unter anderem ein konventioneller Schweinebauer aus dem Münsterland zu Wort, der sich – respektive seinen Berufstand – als Feindbild der Tierschützer sieht. Dessen Kinder Angst davor haben, dass nachts jemand auf den Hof schleicht und in die Ställe einbricht. Während er dies erzählte, lief er mit dem WDR-Fernsehteam durch seine Schweinebuchten. Verständlich, dass sich solche, die Transparenz nicht scheuende Tierhalter, durch Vorfälle wie die Causa Schulze-Föcking ins falsche Licht gerückt sehen.

Schweinefleisch soll nach hohen Qualitätsstandards produziert werden und dazu noch billig sein. Dass das nicht mit einer wie auf der Supermarkt-Verpackung suggerierten Bauernhofidylle zusammengeht, ist offensichtlich. Konventionelle Mastschweine stehen auf Spaltenböden. Doch auch wenn Ställe nach dem aktuellen Standard gebaut sind und die gesetzlichen Vorgaben eingehalten werden – ohne den erfahrenen Blick des Tierhalters und der notwendigen Leidenschaft zur Tierhaltung geht es nicht. Wie sind sonst solche Bilder zu erklären? Müssen Schweine entzündete oder versteifte Gelenke haben, sodass sie nicht mehr auftreten können? Müssen ihre Schwänze bis in den Leib herausgefressen sein? Müssen sie trotz offener Wunden knöcheltief in der Krankenbucht in ihren Exkrementen stehen? Wohl kaum. Solche Bilder sind einfach unerträglich, da gibt es keine Diskussion.

Und doch wird sie geführt. Es ist offensichtlich, dass Aufnahmen in Ställen von Personen aus Verbänden und dem Politikbetrieb nicht zufällig gemacht werden. Dass die ISN – der Interessengemeinschaft der Schweinhalter Deutschlands – in diesem Zusammenhang jedoch von einer „Hexenjagd“ spricht, hilft kaum bei der Versachlichung der Debatte – auch wenn die Verdienste der Organisation um die Branche grundsätzlich unumstritten sind. Je prominenter der Tierhalter sei, desto höher sei sein Marktwert und desto besser ließen sich die Bilder zu Geld machen, schreibt die ISN in einer Mitteilung und fordert die Politik auf, das „Tierrechtlergeflecht zu durchleuchten“ – was Spendenpraxis und die Mittelverwendung betrifft.
Dabei ist die Frage, die sich die Zuschauer stellen, doch eine ganze andere. Wenn es schon in den Ställen von Politikern so aussieht, wie sieht es dann in Ställen von Landwirten aus, die nicht im Fokus der Öffentlichkeit stehen?

Dass Tierschützer für ihre Aufnahmen Gesetze brechen, ist unbestritten. Doch der tatsächliche Image-Schaden entsteht nicht durch die, die die Zustände öffentlich machen. Er entsteht durch die, die für sie verantwortlich sind.
 
Leser Heribert Breker sagte am 03.09.2017 um 17:09 Uhr
Versimplifizierung
Zitat: "Der tatsächliche Image-Schaden entsteht nicht durch die, die die Zustände öffentlich machen. Er entsteht durch die, die für sie verantwortlich sind". Tatsächlich? Welche Faktoren sind maßgeblich für Imagebildung verantwortlich? Typisch für Imagebildung ist eine öffentlich mediale Darstellungstechnik, die das Original im positiven und negativen Sinne überhöht. Das sagt schon das Wort Imago = bildhafte Vorstellung. Weitere Voraussetzung ist ein hoher Aufmerksamkeitswert der Wahrnehmung für das Thema. Um nicht mißverstanden zu werden, Tierhaltung der beschriebenen Art gehört bestraft. Der Schuldige ist für das tatsächliche Geschehen in Regress zu nehmen. Eine aus dem Geschehen heraus abgeleitete Imagebildung für eine ganze Branche ist jedoch eine wesentlich anders geartete Dimension mit Eigenständigkeitscharakter. Im öffentlichen Leben stehende Personen sind hervorragend geeignete Instrumente für Imagebildung. Ein wenig sachkundiges Publikum bietet einen hervorragenden Nährboden. Ein sensibel vorbesetztes Umfeld ist geradezu ideal. Unvorstellbare Größenordnungen entwickeln enorme Erschreckungseffekte. Das Schlagwort Massentierhaltung reicht für eine entsprechende kategorisierende Einordnung. Und daran fehlt es: eine auf die tatsächlichen Gegebenheiten konzentrierte Auseinandersetzung. Was aber geschieht: ein Einzelfall wird ungeprüft verallgemeinert, mit geeigneten Instrumenten der medialen Sensationalisierung überhöht dargestellt. Selbst ein krimineller Einbruch wurde von den selbstlosen Aufklärern nicht gescheut, die Schandtaten als öffentliche Licht zu bringen. Viel mehr Empörung auslösende Dramaturgie bedarf es kaum noch, öffentliche Aufmerksamkeit im Sinne von Imagebildung zu erregen. Der unbedarfte Leser/Hörer/Seher im 4- Stock ein Hochhauses in der City hat im Regelfall noch nie einen Schweinestall von innen gesehen, ganz zu schweigen ein reales Verständnis zum Umgang mit Nutztieren je entwickeln können. Dass bei Heimtierhaltern nicht selten himmelschreiende Tierhaltungsmissstände vorliegen, wie man täglich an überfütterten Mopsen, streunenden Katzen und entsorgten Kanarienvögel im Abfallcontainer sehen kann, erregt bei weitem nicht diesen Aufmerksamkeitswert. Trotz nachweislicher Fakten leiden Heimtierhalter nicht an einem schlechten Image. Warum eigentlich nicht? Das konkrete Faktum ist die eine Sache, das Image dazu bedarf einer gezielt eindimensionalen öffentlichen Kommunikation, deren Strickmuster auf Versimplifizierung, Verallgemeinerung und Sensationalisierung in einem möglichst sensibel vorbelasteten Umfeld beruht. Beiträge zu Problemlösungen erfordern dagegen eine schwer nachvollziehbare Differenzierung, Eingrenzung auf den Fall/Causa mit dem Ziel die jeweiligen Ursachen aufzudecken. Mit genauen Details möchte sich kaum einer belasten. Der vorstehende Beitrag ist dafür zu kritisieren, dass am Ende nach dem Strickmuster der Versimplifizierung die falschen Beziehungen hergestellt wurden.
Leser Eric Cantona sagte am 02.09.2017 um 16:51 Uhr
Schweinerei
In dem Artikel fehlt mir die Tatsache, dass der Betrieb Schulze Föcking von März bis Juni von den angeblichen Tierschützern observiert wurde. Es wurde geduldig auf den Tag gewartet, wo Probleme im Stall auftraten. Das Problem der Schwanzbeißer gibt es in allen Haltungsformen , auch Bio!! z.B. wenn der Sauenhalter auf eine falsche Eberlinie setzt und die Ferkel davon sehr aggressiv sind. Der Betrieb Föcking hatte die kranken Tiere in zwei Buchten gesammelt und behandelt. Nicht mehr zu rettende Tiere wurden eingeschläfert. In dem Film werden nur die kranken Tiere gezeigt. Die anderen Buchten waren zu langweilig für den Zuschauer. Wäre Tierschutz das Ziel dieser Tierretter gewesen, so hätten sie sofort noch am Tage der Aufnahme Alarm schlagen müssen. Tun sie aber nicht. Geschäft geht vor. Der Film wird erst dann vermarktet, als er an Wert deutlich steigt. Die kranken Tiere waren dem Verein völlig egal. Über Emotionen Spendengelder akquirieren. Ein auf Spendenbarsiertes Geschäftsmodell welches von Schlagzeilen lebt (und dabei auch durch "nicht representative Filmzusammenschnitte" nachhilft). Der Verein Tierretter... nimmt es gelassen in Kauf das die Tiere weiter leiden, nur damit er seinen Film später für mehr Geld verkaufen kann. Unter dem Deckmantel des Tierschutzes max. Profit herausholen. Dieser Verein ist für mich ein Skandal und kriminell.
 

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