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9. Februar 2017, 10:22 Uhr Sinnlich shoppen

Henrike Schirmacher zum virtuellen Comeback der Kartoffel

Eine Kartoffel bereitet mir dann Gaumenfreuden, wenn sie nach dem Pellen durchweg gelbfleischig strahlt, sich in feste Scheiben schneiden lässt und cremig zart auf der Zunge zergeht. Nur wo ich solch eine Knolle im Supermarkt zuverlässig finde, weiß ich nicht. Selbstbewusst greife ich zum Braeburn im Apfelsortiment. Nur beim Erdapfel klappt das nicht. Dabei ist doch gerade die Verkaufsschiene so ungeheuer innovativ, um den Kunden an das Produkt zu binden. Branding für einzigartige Kartoffelsorten wurde dennoch (bewusst) verschlafen. Bleibt die Kartoffel anonym, lässt sich das Angebot flexibler gestalten, so das Argument, weshalb es den Braeburn nicht in der Kartoffelecke gibt.

Zu unrecht sinkt der Konsum der Knolle, denn das goldgelbe Fleisch muss mit seinen Reizen gar nicht geizen. Ob glutenfrei, laktosefrei, kalorienarm und dabei noch voll mit Vitaminen - was Chiasamen, Quinoa und Super-Food-Schnickschnack können, kann die Kartoffel hierzulande schon seit 300 Jahren.

Und warum liegt ihr Potenzial trotzdem brach? Lauscht man den Trendbeobachtern auf der Fruit Logistica, scheint ein virtuelles Comeback der Kartoffel nicht unrealistisch. Sinnlich shoppen mit augmented und virtual reality. Um beispielsweise den Geschmack einer exotischen Frucht zu testen, leckt man künftig an einem digitalen Probierstäbchen. Davon könnte doch auch die rohe, ungeschälte Belana im Laden profitieren. Und wenn sowieso bald virtuell geshoppt wird, dann muss es auch eine 3-D-Parallelwelt für die wunderhübsche Kartoffelsorte Vitelotte geben. Vor dem Auge des Kunden würde sich die Knolle entschälen und ihr lilafarbenes, marmoriertes Inneres käme zum Vorschein. Vielleicht ließe sich auch die gare Knolle in der virtuellen Welt in Scheiben schneiden, um den Widerstand zu beurteilen. Laut den Trendbeobachtern dreht sich jedenfalls bald alles um digital getriggerte Empfindungen, die in einer erweiterten Realität unsere Sinne stimulieren. Der vermeintlich biederen Kartoffel könnte dies Tür und Tor öffnen.

Künftig wird auch die Dienstleistung vollends in den Mittelpunkt rücken, sagen die Trendbeobachter als nächstes. Der konventionelle Obst- und Gemüsemarkt liegt damit im Schatten des Konzernriesen Amazon. Der eröffnete jüngst einen eigenen Supermarkt "Amazon Go" in Seattle und zieht sich eine "Be impatient"-Generation heran. Nur wer ungeduldig ist, hat Ansprüche. Eine zugegeben etwas anstrengende Lebensphilosophie. Aber künftig muss die Kartoffel für den "Be impatient"-Kunden eben an Ort und Stelle, also im Laden, wirken. Wenn dieser die Knolle anguckt, muss sie ihre Reize zeigen. Ihren Mehrwert. Nur dann greift der "Be impatient"-Kunde behände zu.

Ein Funke Hoffnung springt über. Wenn jetzt auch noch der Drohne die Zukunft für Food Delivery gehört, könnte der Bauer seine Kartoffeln direkt ins Wohnzimmer fliegen. Dann lernt der Verbraucher auch, dass dieselbe festkochende Sorte aus der Lüneburger Heide nicht unbedingt so schmeckt wie die aus dem Allgäu. Das entspricht doch einer radikalen Kundenorientierung à la big mother is watching out for you, wie das künftige Einkaufserlebnis auf der Fruit Logistica bezeichnet wird.
 

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