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7. Juli 2017, 9:47 Uhr Warnschuss

Steffen Bach zur Finanzierung des Tierwohls

Veggiday, Lebensmittelampel, Fleischsteuer – wenn es darum geht, das Konsumverhalten des Verbrauchers mit staatlichen Reglementierungen zu beeinflussen, stellte sich die Agrar- und Lebensmittelbranche bisher quer. Umso mehr überraschte ein Vorstoß in dieser Woche. Der Präsident der Geflügelwirtschaft Friedrich-Otto Ripke schlägt vor, die Tierwohlleistungen der Landwirte in Zukunft auch über eine staatliche Abgabe auf Fleisch zu finanzieren.

Beim Thema Tierwohl ist die Frustration der Geflügelhalter groß. Auf freiwilliger Basis wurden die Standards in den vergangenen Jahren deutlich über das in der EU geltende Niveau angehoben. Mehr Platz für die Tiere und der Verzicht auf das Kürzen der Schnäbel bei Legehennen sind zwei Beispiele dafür. Vom Markt honoriert werden diese Mehrleistungen bisher gar nicht oder nur zum Teil. Gleichzeitig beobachtet die Branche mit Sorge, dass im Nachbarland Polen die Geflügelhaltung einen Boom erlebt.

Die Idee, den Mehraufwand beim Tierwohl durch eine Branchenlösung zu finanzieren, muss man trotz aller Erfolge der Initiative Tierwohl als gescheitert ansehen. Die Last der Finanzierung liegt auf den Schultern einiger weniger großer Unternehmen aus dem Lebensmitteleinzelhandel wie Rewe, Aldi, Lidl und Edeka. Mehr als die Hälfte des Geflügelfleischs wird aber in Kantinen und Restaurants verzehrt. Der gesamte Gastronomie-Bereich hat bisher kein Interesse gezeigt, einen eigenen finanziellen Beitrag zum Tierwohl zu leisten. Auch im Fleischerhandwerk ist das Engagement ausbaufähig. Dabei müssten in den Fonds nur wenige Cent je Kilogramm Fleisch eingezahlt werden, die sich kaum auf den Preis des Endproduktes auswirken.

Eine Fleischabgabe, die - weil es schöner klingt - „Tierwohlabgabe“ heißen soll, hätte den Vorteil, dass jedes Kilogramm Fleisch, das in Deutschland verkauft wird, in die Finanzierung des Tierwohls einbezogen würde. Die staatliche Regelung hätte aber auch eine ganze Reihe von unbestreitbaren Nachteilen. Zum einen würde man sich von der Gunst des Gesetzgebers abhängig machen, der die Höhe der Abgabe mit Forderungen nach weiteren Verschärfungen der Haltungsstandards verbinden könnte. Zum anderen besteht die Gefahr, dass eine Fleischabgabe nur der Auftakt für weitere Steuern auf Zucker, Salz oder Fett ist.

Genau diesen Zusammenhang sollten sich auch Metzger und Gastronomen klarmachen, die Fett-, Zucker- und Salzsteuern schon wegen des bürokratischen Aufwands besonders hart treffen würde. Noch besteht die Chance, dass sich die Beteiligten in der Wirtschaft auf eine gemeinsame Lösung einigen, bei der sich einzelne Unternehmen nicht wegducken. Die Forderung Ripkes nach einer Tierwohlabgabe ist deshalb auch ein Warnschuss an all jene, die bisher beim Tierwohl abseitsstehen.
 
Leser Günter Schanné sagte am 07.07.2017 um 20:46 Uhr
Tierwohlabgabe
Ich finde eine Abgabe auf jedes Kilo Fleisch, das in Deutschland erschlachtet, verarbeitet oder verkauft wird breiter aufgestellt. Verbunden mit einer deutlichen Einschränkung der Transportzeiten für Schlachttiere.
 

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