Report Saatgut Wintergetreide | 11. August 2017, 11:08 Uhr Das Getreide geht mit nassen Füßen zu Grunde

Regen zur Ernte verlangt viel Organisationstalent von Landwirten. Dr. Thomas Gäbert, Vorstandsmitglied der agt in Trebbin baut künftig mehr Mais, dafür weniger Raps an.

Gäbert hat mit seiner Vorhersage schon Anfang Juli zum Erntewetter genau ins Schwarze oder besser ins Wasser getroffen: „Nach der Frühsommertrockenheit von März bis Juni regnet es bis in den August hinein. So ist es auch gekommen. „Der hydrologische Kreislauf der Erde scheint besonders über Brandenburg durcheinander zu sein“ sagt das jüngste Vorstandsmitglied der agt Agrargenossenschaft Trebbin e.G. Mittlerweile erweist sich die Ernte, sechs Wochen nachdem die erste Gerste vom Halm geholt wurde, als eine riesengroße Katastrophe. Da die Stadt Potsdam an der Havel nicht „absaufen“ soll, hat die Landesregierung den Zufluß aus der Nuthe, die in Potsdam in die Havel mündet, auf ein Minimum gedrosselt. Der damit verbundene Rückstau der Nuthe betrifft nahezu alle Acker- und Grünlandflächen des Betriebes. Damit ist ein Großteil der Flächen nicht befahrbar und das reife Getreide sowie der Raps geht mit nassen Füßen zu Grunde, schildert Gäbert die Situation.

Der sympathische 34-Jährige ist am südlichen Stadtrand Berlins aufgewachsen, hat an der Humboldt-Universität Agrarwissenschaften studiert und an der Lehr- und Forschungsstation in Thyrow, einem Ortsteil von Trebbin, seine Promotionsarbeit angefertigt. Vor 4 Jahren fing er in der nur wenige Kilometer entfernten Agrargenossenschaft Trebbin an zuarbeiten, so wie er es sich gewünscht hatte. Zunächst hatte er bei der Agrargenossenschaft ausreichend Zeit, Kartenmaterial und Aufzeichnungen zu sichten und beispielsweise für Precision Farming auszuwerten.

Die Arbeit eines Jahres ist dahin

Nun muss er mitansehen, wie die Arbeit eines Anbaujahres in den Fluten versinkt. „Auch mein Lehrmeister, der seit fast 25 Jahren den Pflanzenbau in Trebbin managt, hat so etwas noch nicht erlebt“, sagt Gäbert, der seit diesem Jahr für Marketing und Öffentlichkeitsarbeit zuständig ist. Selbst an den wenigen Sonnentagen in den vergangenen zwei Wochen konnte auf den größtenteils Sandboden-Standorten wegen der Wassermassen nicht gedroschen werden. Gäberts Erkennungsmerkmal, ein beiger Leinen-Sonnenhut, der seinen hellen Teint vor den Sonnenstrahlen schützt, liegt bei bewölktem Himmel seit Wochen achtlos in der Ecke. Dem Manager liegt viel daran, die Arbeitsplätze im Unternehmen in der strukturschwachen Region zu erhalten und den Mitarbeitern eine Perspektive zu bieten. Dabei hilft ihm auch der Genossenschaftsgedanke: Keiner werde hier ungewollt in den vorgezogenen Ruhestand versetzt. „Wir arbeiten alle zusammen. Nicht wie in anderen Gesellschaftsformen, wo nur ein oder zwei Geschäftsführer das Sagen haben.“

Die Dienstleistungen, die die agt mit 150 Mitarbeitern und einem Jahresumsatz von 21 Mio. € ausführt, sind vielfältig: Biogasanlage, Tankstelle, Landhotel Heidepark mit täglichem Mittagstisch in der Kantine, Hausmeisterservice und der Verleih und Maschinenvertrieb für JCB. Die Erschließung neuer Geschäftsfelder ist ebenso ein Unternehmensziel der agt wie der Erhalt der Kulturlandschaft als Produktionsfaktor und Lebensraum. Über die Grenzen hinweg bekannt sind die Trebbiner für ihre originaltreuen Lackierarbeiten und Restaurationen von Oldtimern. Die Werkstatt hat sich damit ein florierendes auskömmliches Standbein neben der Reparatur von landwirtschaftlichen Maschinen geschaffen. Wenn er sagt: „Wir achten als Genossenschaft auch auf die Gesamtwertschöpfung in der Region“, herrscht daran kein Zweifel.

 

Auch bei der Vermarktung überwiegt die Regionalität. Die Gerste holt sich der Nachbar für seine Schweine direkt aus der eigenen Lagerhalle. „Abgerechnet wird nach dem Marktpreis, den wir über den kurzen Draht verhandeln“, sagt Gäbert.

Die Frühsommertrockenheit wirkte sich in diesem Jahr schon früh auf die Blütenbildung der Pflanzen und damit auf den Ertrag von durchschnittlich knapp 5 t/ha aus. Die Gerste ist wegen der Hitze und dem Wassermangel im Juni in die Notreife gegangen. Deutlich wurde dies auf den Schlägen, die das geringste Wasserspeichervermögen haben und dann als erstes abgereift sind.

Bis Mitte Juli hat er vom Feld geholt was geht, bevor Starkregen bis zu 200 mm die Flächen unbefahrbar machte. Der Roggenertrag dürfte durch die Hitzewelle im Juni 25 Prozent eingebüßt haben. Um dem Regen ein Schnippchen zu schlagen, drischt Gäbert den Roggen bereits mit einem Feuchtigkeitsgehalt von 18 Prozent. Unmittelbar danach werden die Körner geschrotet und luftdicht in Folienschläuchen zu energetisch hochwertigem Futter verpackt.

„Mit dieser Konservierungsform erreichen wir in der Ernte mehr Flexibilität, gerade wenn alle Kulturen gleichzeitig reif sind“, sagt Gäbert. Den trockenen Roggen verkauft er an den Handel. Abnehmer sind Mühlen in Berlin und Niedersachsen, Mischfutterwerke oder die Bioethanolanlage in Zörbig. Die eigenen Lagerkapazitäten werden nur teilweise genutzt, da das Meiste direkt in der Ernte verkauft wird.

„Zur Arbeit fahre ich schon durch meine Arbeit“, beschreibt der dreifache Familienvater seinen Weg vom Wohnhaus durch die Felder zum agt-Verwaltungsgebäude an der Hauptstraße. Zur Mittagszeit herrscht hier reger Verkehr. Mitarbeiter der Genossenschaft und Gäste von außerhalb essen in der betriebseigenen Kantine. Die Kohlrouladen kocht das Team selbst und liefert Gerichte auch außer Haus. Trotz der angespannten Lage in der Landwirtschaft wird im Betrieb auf ausreichende Erholungsphasen wert gelegt. „Behutsamer zu arbeiten, bedeutet nicht langsamer zu arbeiten“, betont Gäbert.

Nahezu jede Woche kommen Besuchergruppen aus Deutschland und seinen Nachbarländern sowie aus China, Osteuropa und Südamerika auf dem Vorzeigebetrieb, rund 40 km südlich vom Berliner Stadtzentrum. Voller Elan zeigt der Praktiker ihnen, wie moderne Landwirtschaft in Einklang mit der Natur funktioniert. Die Runde führt auch in den 2014 erbauten Stall für 1000 Kühe mit Melkkarusell.

Mehr Mais für Bio-Gas

Die Endgröße von 1600 Kühen steuert das Unternehmen in den kommenden Jahren an. Nur mit einer Vollauslastung sinken die Produktionskosten. Zudem sehe die Welt mit einem aktuellen Milchpreis von 37 Cent/Liter anders als vor einem Jahr aus. In enger Abstimmung stellen sich die Pflanzenbauer mit den Kollegen von der Tierhaltung auf die neue Situation ein. Das Grundfutter erzeugt die agt zu 100 Prozent selbst. „Auf Wunsch der Molkereien haben wir Sojaschrot aus den Rationen herausgenommen“, sagt Gäbert. Eiweißträger sind Luzerne aus eigenem Anbau sowie Ackerbohnen und Rapsschrot.

Ein weiterer Grund, die Anbaupläne künftig umzustellen und mehr Mais und weniger Raps anzubauen, ist die höhere Leistung der Biogasanlage von ehemals 0,5 MW auf 1,8 MW. Der Betriebsleiter macht keinen Hehl daraus, dass Raps nach dem Wegfall der neonicotinoiden Beizmittel weniger wirtschaftlich ist. Die Pflanzen gehen von der Kohlfliege geschwächt in den Winter und erholen sich bis zur Ernte nicht mehr. Die Erträge sinken auf 2 bis 3 t/ha.

Zudem komme der Sonne-Wolken-Mix in den Sommermonaten dem Mais sehr entgegen, während Raps und Getreide nicht mehr so zuverlässige Ergebnisse liefern, wie es in der Vergangenheit der Fall war. Die Kritik der Öffentlichkeit am zunehmenden Maisanbau nimmt Gäbert ernst und sorgt für ökologische Leuchttürme. Seit 2016 ist die agt Mitglied im Nachhaltigkeits-Farmnetzwerk der BASF. Dabei beraten ihn Bienenexperten und Ornithologen, die im Rahmen des Farmnetzwerkes regelmäßig Flora und Fauna bonitieren. 32 Lerchenfenster sind installiert. Die Kombination von Mais und Zwischenfrüchten sind weitere Beispiele seiner vielen Aktionen zur Artenvielfalt. In den mehrjährigen Blühstreifen auf stillgelegten Flächen sind die Zielarten im zweiten Jahr sichtbar. Bienen können sich bis Oktober an Trachten und Spaziergänger am Blumenpflücken erfreuen. (da)
 

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