az-Umfrage

Betriebsmittel werden deutlich effizienter eingesetzt

Die ‚Landwirtschaft 4.0‘ mit ihren technischen Möglichkeiten soll das Agribusiness revolutionieren. Ihr voller Nutzen kommt jedoch erst durch die Vernetzung der vielfältigen Einzeldaten zum Tragen. Vertreter der Landmaschinenindustrie erläutern den Stand der Umsetzung in ihren Unternehmen.


Welche Rolle spielen digitale Lösungen für Landwirte bereits in Ihrem Produktportfolio?


John Deere
Georg Larscheid,  Integrated Solutions Implementation Manager, John Deere: Viele digitale Lösungen wie zum Beispiel das automatische Lenksystem ‚AutoTrac‘ gehören heute zur Standardausstattung professioneller Landmaschinen. Aktuell hält die Thematik ‚Vernetzung der Maschinen‘ über ‚JDLink‘ sehr intensiv Einzug in die Praxis. Das System liefert die Basis zur schnurlosen Übertragung von Daten, um Maschinen, Logistikketten sowie auch agronomische Prozesse zu optimieren. In allen drei Segmenten sehen wir für die Zukunft signifikante Optimierungspotenziale. 

Claas
Philip Vospeter, Leiter Digitales Transformations-Programm, Claas: Claas bietet seinen Kunden zahlreiche digitale Lösungen. Das Angebot reicht dabei von der Automatisierung über Lenksysteme und datenbasierte Services auf unseren Maschinen bis hin zu zahlreichen Apps und Webanwendungen. Beispielsweise genannt sei in diesem Zusammenhang ‚Claas connect‘ zum Onlinekauf von Ersatzteilen oder zum Kauf von Bedarfsgütern für den landwirtschaftlichen Betrieb. Mit 365 FarmNet hat der Konzern zudem eines der führenden Farmmanagementsysteme im Portfolio.

 

Agco/Fendt
Peter-Josef Paffen Sprecher der Agco/Fendt-Geschäftsführung: Digitale Lösungen spielen eine immer wichtigere Rolle in unserem Produktportfolio. Bei Agco und insbesondere unserer Marke Fendt setzen wir auf eine konsequente Integration von Technologielösungen in das Gesamtfahrzeug. So werden wir ab der diesjährigen Agritechnica zum Beispiel auf allen Fendt-Schleppern eine Lösung für ein integriertes Lenksystem anbieten können. Aber auch im Datensegment bieten wir Lösungen wie zum Beispiel das VarioDoc- oder das TaskDoc-System an. Hier kann der Landwirt oder Lohnunternehmer Aufträge über geplante oder getätigte Arbeiten einfach zwischen Traktor, Spritze, Mähdrescher oder Feldhäcksler und seiner kompatiblen Schlagkartei austauschen.

 

Same Deutz-Fahr
Alexander Hörmann,  Produktspezialist, Precision Farming, Same Deutz-Fahr: Durch GPS-Steuerung in Verbindung mit den am Markt verfügbaren Softwareprodukten können Prozesse optimiert und Kosten gesenkt werden. Bei unseren Schleppern ab 100 PS und Mähdreschern bieten wir entsprechende Terminals und Module zur Datenerzeugung und -übertragung bereits ab Werk an. Grundsätzlich kann aber auch jede Maschine mit einer entsprechenden Technik nachgerüstet werden.

 

Wo sehen Sie die größten Probleme bei der Umsetzung der Digitalisierung in den Agrarbetrieben?


Georg Larscheid, John Deere: 
In den ländlichen Gebieten sind die lückenhafte Abdeckung und der fehlende Ausbau mobiler Breitbandnetze eine große Herausforderung. Darüber hinaus sind die Standardisierung und Harmonisierung notwendiger Datenschnittstellen in der Landtechnik und den angelagerten Industrien (Pflanzenschutz, Düngung und Saatgut) rasch umzusetzen, was wir vonseiten des Konzerns aktiv unterstützen. Wir möchten den Landwirten/Lohnunternehmern praxistaugliche digitale Lösungen anbieten, mit denen sie schrittweise nachhaltige Produktivitätssteigerungen erzielen können.

 

Philip Vospeter, Claas: Unsere Kunden erwarten Lösungen, mit denen sie ihre landwirtschaftlichen Betriebe ganzheitlich managen können. Dabei spielt die Durchgängigkeit der Daten, die heute noch aus zu vielen Einzellösungen entstehen, eine entscheidende Rolle. Der Austausch von Daten muss also herstellerübergreifend vereinfacht werden, damit aus diesen auch Mehrwerte für unsere Kunden entstehen. Die Daten gehören dem Kunden! Diesem Leitgedanken und dieser Maxime folgend, muss das Vertrauen und damit einhergehend die Offenheit für digitale Lösungen und Systeme noch weiter erhöht werden.

 

Peter-Josef Paffen Agco/Fendt: Die Digitalisierung findet nicht als Revolution statt, sondern ist eher evolutiv. So gehören digitale Lösungen wie Lenksysteme oder Telemetrie-Systeme auf modernen Schleppern zur Standardausrüstung. Aber auch die automatische Teilbreitenschaltung ist heutzutage Standard auf den entsprechenden Anbaugeräten. Die Vorteile dieser Lösungen sind unmittelbar ‚erfahrbar‘ für den Anwender. Aber die Daten müssen in nützliche Information und letztendlich Handlungsempfehlungen konvertiert werden.

 

Alexander Hörmann, Same Deutz-Fahr: Oft möchten sich Betriebe beispielsweise nicht auf eine Marke in ihrem Fuhrpark festlegen – das kann zu Problemen bei der Kompatibilität des Datenaustausches führen. Eine weitere Herausforderung ist die Datenerstellung und -verarbeitung. Schließlich müssen zum Beispiel Ertragskarten von Feldern in einem Datenformat erstellt werden, die der Landwirt verarbeiten kann. Zudem muss noch mehr Aufklärungsarbeit im Hinblick auf den Nutzen digitaler Lösungen und auch zum Thema Datensicherheit geleistet werden. Viele Landwirte sind noch skeptisch aus Angst vor einem ‚gläsernen Betrieb‘. Als Hersteller sehen wir unsere Aufgabe vor allem auch darin, Landwirte und Lohnunternehmer intensiv zu beraten und zu schulen.

 

Wird die ‚Landwirtschaft 4.0‘ den Strukturwandel im Agribusiness beschleunigen?


Georg Larscheid, John Deere: 
Die Digitalisierung wird vorrangig von den größeren Betrieben gefordert und gefördert, da komplexere Managementprozesse zu bewältigen sind. Wir sehen darüber hinaus eine riesige Chance für kleinere und mittlere Betriebe. Sie können mit der Digitalisierung notwendige Produktivitäts- und Kostenoptimierungspotenziale erschließen, um nachhaltig konkurrenzfähig am globalen Markt bestehen zu können.

 

Philip Vospeter, Claas: Digitale Lösungen – vor allem Softwareprodukte – haben niedrige Zutrittsbarrieren und sind keine Frage von Größenskalierungen. Moderne Farmmanagementsysteme sind in ihren Grundmodulen kostenlos oder in den zahlungspflichtigen Modulen betriebsgrößenabhängig zu bezahlen. Somit können landwirtschaftliche Betriebe unabhängig von ihrer Größe mithilfe digitaler Technologien effizienter bewirtschaftet werden.

Peter-Josef Paffen, Agco/Fendt: Landwirtschaft 4.0 wird den Strukturwandel beeinflussen, aber nicht unbedingt beschleunigen. Denn die Vorteile der digitalen Lösungen lassen sich in allen Betriebsgrößen zukünftig vernünftig einsetzen. Die Digitalisierung wird dem Landwirt helfen, mehr faktenbasierte und bessere Entscheidungen aufgrund von zusätzlichen Informationen zu treffen. Aufgrund der Nachhaltigkeitsdiskussionen werden wir zukünftig wesentlich effizienter und genauer die Betriebsmittel ausbringen müssen.

Alexander Hörmann, Same Deutz-Fahr: Wichtig ist, dass wir auf die Bedürfnisse der Landwirte eingehen und dies entsprechend bei den Angeboten auf dem Markt berücksichtigen. Ich selbst stamme aus einer Region, wo ich den Strukturwandel hautnah miterlebe – Stichwort ‚Höfesterben‘. Kleinere Betriebe geben auf, weil sie sich den neuen Anforderungen nicht mehr gewachsen sehen. Allerdings kann Landwirtschaft 4.0 eben mit den vielen Technologien für viele Betriebe eine Chance darstellen, sich an dem Wandel zu beteiligen, um dann schließlich auch den neuen Herausforderungen gerecht zu werden.

Die Fragen stellte Olaf Schultz
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