Interview

„Bei uns kommen positive Signale an“

Wollen vom Landwirt über Vion bis hin zum Handel eine Lieferkette aufbauen: Frans Stortelder (l.) und John de Jonge.
Tim Wegner
Wollen vom Landwirt über Vion bis hin zum Handel eine Lieferkette aufbauen: Frans Stortelder (l.) und John de Jonge.

Vor der Stabübergabe von Vions COO Pork, Frans Stortelder, an seinen bisherigen Stellvertreter John de Jonge zum 1. Januar 2019 äußern sich die Manager des niederländisch-deutschen Fleischkonzerns über den Schweinefleischsektor.

az: Wie ist das Jahr 2018 gelaufen?

de Jonge: Die schweinefleischproduzierende Branche ist in unseren Heimatmärkten mit guten Preisen gestartet und wir richteten uns auf eine positive Entwicklung ein. In der zweiten Jahreshälfte sind die Fleischunternehmen stark unter Preisdruck geraten. Das Angebot wurde nicht groß erhöht, gleichzeitig hatten wir eine zurückhaltende Nachfrage auch im Export. Dadurch wird das Gesamtergebnis belastet.

Was waren die Gründe?

Stortelder: Der Handelsstreit zwischen den USA und China hat zur Jahresmitte großen Einfluss auf die weltweiten Geschäfte gehabt. Zwar haben die Chinesen durch den Ausfall der US-Lieferungen ihre Nachfrage in Europa verstärkt, aber das hat bis jetzt noch nicht viel gebracht. Denn die Amerikaner haben global gesehen andere Märkte aufgemacht und zu Preisen beliefert, zu denen wir in Westeuropa nicht produzieren können. Die amerikanischen Konkurrenten liefern zu Preisen, die für europäische Wettbewerber nicht marktgerecht sind.

Blicken Sie düster in die Zukunft?

de Jonge: Nein, das nicht. Das Schweinefleischgeschäft hat sich immer schon in Zyklen bewegt. Das schätzen wir richtig ein. Wir nehmen auch positive Signale wahr. Erste Anzeichen bekommen wir aus China, dass in den nächsten Monaten die Nachfrage steigen könnte. Ohne eine solche Unterstützung aus China für den Weltmarkt ist es nicht einfach, eine Wende zu schaffen.

Sie werden sich als Vion nicht nur der Nachfrage der globalen Märkte aussetzen?

Stortelder: Nein, das tun wir nicht. Wir bauen zudem auf unser Kettenkonzept, das die nachfrageorientierten Märkte in den Fokus nimmt. Wir nennen diese Lieferkettenproduktion Good Farming Balance, die wir nach der erfolgreichen Umsetzung in Holland nun auch in Deutschland ausrollen. Nur wenn wir gemeinsam vom Landwirt über den Fleischkonzern bis hin zum Handel eine verlässliche Lieferkette aufbauen, können wir in den nächsten Jahren international und im Heimatmarkt eine Kontinuität schaffen, um nicht mehr so abhängig von Tagespreisen und tagespolitischen Ereignissen zu sein.

Wie weit sind Sie mit Ihrem Konzept?

de Jonge: Das Interesse bei den Erzeugergemeinschaften und Landwirte ist groß. In Süddeutschland haben wir bereits die ersten Kontrakte unterschrieben. Vion nutzt dabei den großen Vorteil der regionalen Präsenz in Deutschland.

Woran bemerken Sie ein Interesse bei den Landwirten?

de Jonge: Wenn wir mit Landwirten sprechen, wird uns klar, dass ein einseitiger Blick auf den Wochenpreis nicht die Zukunft sein kann. Der Preis soll zwar wettbewerbsfähig sein, aber im Markt durchsetzbar. Der Wochenpreis dividiert manchmal die rote und die grüne Seite zu weit auseinander. Wenn wir aber erfolgreich sein wollen, müssen wir gemeinsam auf den Markt schauen. Die Chancen der Bauern liegen bei der Kettenproduktion Good Farming Balance nicht nur beim Preis, sondern auch auf ihren eigenen Höfen, in der Verbesserung der Tiergesundheit, in der Futterverwertung, in der optimalen Stallauslastung.

„Landwirte müssen bereit sein, zu investieren. “
Frans Stortelder, Vion, 

Wie positioniert sich Vion 2019 in der Schweineproduktion?

de Jonge: Wir planen keine Ausweitung der Schweinefleischproduktion. Für uns ist vielmehr entscheidend, wie wir im Markt angenommen werden und wie wir uns positionieren. Unsere Strategie ist die Umsetzung der Valorisierung, wir wollen einen Mehrwert schaffen durch die optimale Ausnutzung der Rohware. Die Erfahrung lehrt uns, dass die Investition von einem Euro in Valorisierung einen fünfmal höheren Ertrag ergibt als der Einsatz von einem Euro in Kostensenkung zum Beispiel durch Produktionserhöhung.

Die Verwertung des gesamten Rohstoffs ist auch ein Thema, das den Bereich Tierschutz betrifft. Die deutsche Tierschutzlabel-Produktion kommt nicht so richtig in Gang.

Stortelder: Wir müssen dafür sorgen, dass das Tierschutzlabel in Deutschland nach vorne kommt. In Holland haben wir von Beginn an auf eine Kettenproduktion gesetzt, vom Landwirt bis zum Handel. Nur so konnten wir erfolgreich das niederländische Tierschutzlabel Beter Leven platzieren. Heute hat es beim Schweinefleisch eine Marktabdeckung von mehr als 90 Prozent, der Verbraucher kennt quasi nichts anderes als den Mindeststandard 1 Stern, die Einstiegsstufe. Wir haben das nur geschafft, weil der Handel darauf gesetzt und den direkten Kontakt zum Verbraucher geschaffen hat. Der Schlüssel liegt also beim Handel.

Den entscheidenden Durchbruch hat es allerdings vor zwei Jahren gegeben, als wir nicht nur Frischfleisch im Markt platzieren konnten, sondern der Handel auch seine Fleisch- und Wurstwaren aus der Rohware Tierschutzlabel produziert hat. Damit hatten wir eine Ganzkörperverwertung, denn nur ein Drittel eines Schweins landet in der Frischfleischtheke.

Was muss also in Deutschland passieren?

Stortelder: Landwirte müssen bereit sein, zu investieren. Denn wer für das Tierschutzlabel produzieren will, hat gewisse Auflagen für die Zertifizierung in der Aufzucht und Mast zu erfüllen. Diese Kosten müssen natürlich durch einen Preiszuschlag pro Kilo kompensiert werden. Das gelingt aber nicht, wenn wir uns ausschließlich auf die Frischfleischvermarktung konzentrieren. Ohne Fleischwaren, die zwei Drittel des Volumens verarbeiten, kriegen wir das nicht hin. Der Lebensmittelhandel könnte mit seinen eigenen Fleischwerken vorangehen beim Tierschutzlabel. Die Lösung liegt in der Gesamtfleischvermarktung. Wir brauchen ein Statement des Handels. Jeder muss seine Verantwortung übernehmen. Vion hat seine Aufgaben gemacht und ist seit Jahren Vorreiter beim Tierschutzlabel.

Interview: Horst Hermannsen

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