Milcherzeuger plädieren für Absicherung am Warenterminmarkt. Betriebe müssen auf Umsatzschwankungen angemessen reagieren können.

Von Prof. Holger D. Thiele, Fachhochschule Kiel/Institut für Ernährungswirtschaft (IfE), Kiel

Bereits seit dem Jahr 2007 ist – ähnlich wie vorher bereits auf anderen Märkten – auch auf den europäischen Milchmärkten eine steigende Preisvolatilität festzustellen. Hintergrund sind neben anderen Faktoren die Deregulierung der Milchmärkte in der Europäischen Union, zunehmende Extremwetterereignisse und politische Instabilitäten. Aufgrund größer werdender Wachstumsinvestitionen, der Umsetzung technischer Fortschritte sowie höheren Anforderungen an die Kreditvergabe ist zeitgleich die Fähigkeit einer Anpassung der Milchbetriebe an Umsatzschwankungen gesunken.

Prof. Holger D. Thiele spricht sich für Warenterminkontrakte zur Preisabsicherung aus.
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Prof. Holger D. Thiele spricht sich für Warenterminkontrakte zur Preisabsicherung aus.

EEX erweitert permanent die Angebote

Daher besteht eine sehr große Notwendigkeit zum Risikomanagement in der Milchbranche. Befragungen aus dem vergangenen Jahr zeigen, dass mittlerweile auch 40 Prozent der deutschen Milcherzeuger eine Absicherung am Warenterminmarkt wünschen. Zwei Drittel der befragten Erzeuger sehen allerdings die Molkereien in der Verantwortung, die Preisabsicherung an den Börsen durchzuführen. Nur 21 Prozent meinen, dass die Landwirte selbst an der Börse aktiv werden sollten. Angesichts steigender Preisschwankungen werden seit Mai 2010 in Europa Warenterminkontrakte angeboten, die börsliche Milchpreissicherungen von Magermilchpulver, Butter und Molkenpulver direkt erlauben. Über diese Kontrakte können sogar mit entsprechenden Umrechnungen auch Preissicherungen für Flüssigmilch, Käse, Frischprodukte und weitere Erzeugnisse betrieben werden. Aufgrund der Nachfrage aus der europäischen Milchbranche erweitert die für die Börsengeschäfte zuständige European Energy Exchange ( EEX) in Leipzig fortlaufend ihre Angebote.

So können seit August 2018 Marktteilnehmer auch erstmalig Flüssigmilch direkt ohne Umrechnungen absichern. Alle Kontrakte erlauben Sicherungen von Preisen bis 18 Monate in die Zukunft. Seit dem Börsenstart bei Milchprodukten wurden 77120 Kontrakte gehandelt, davon allein 18107 Kontrakte im laufenden Jahr. Multipliziert mit der Kontraktgröße von 5 t je Kontrakt wurden bisher rund 185000 t Butter, 183000 t Magermilchpulver und 18000 t Molkenpulver gehandelt. Steigende Handelsmengen für Butter und Pulver verdeutlichen, dass immer mehr europäische Molkereien und Unternehmen der Milchbranche Preissicherungen über die Warenterminbörse betreiben.

Für die kommenden sechs bis acht Monate stehen häufig rund 2000 gehandelte Positionen in den Büchern der Börse, also rund 250 Kontrakte je Liefermonat. Auch wenn dieser Umfang an gehandelten Kontrakten bei den lang etablierten Kontrakten für Getreide und Ölsaaten in Europa oder für Milch in den USA sehr viel umfangreicher ist, können mittlerweile die meisten Kontrakte – wenn sie realistische Marktpreise ausdrücken – ausgeführt werden. Durch besondere Instrumente wie das sogenannte „Trade Registration“ wird auch das Handeln von sehr großen Produktmengen erleichtert. Das Steigerungspotenzial ist aber noch groß, da bisher nur wenige deutsche Molkereien und Milcherzeuger an der Börse handeln. Ein großer Teil der Börsenaktivitäten stammt von europäischen Unternehmen. In der Presse wurde auch davon berichtet, dass ein großes neuseeländisches Unternehmen an der EEX handelt.

Allerdings planen laut einer Mitgliederbefragung des Milchindustrie-Verbands (MIV ) im Juli dieses Jahres 38 Prozent der befragten Molkereien Preisabsicherung über die Börse. Je nachdem, welchen Anteil der Gesamtmilchmenge eine Molkerei über die Börse absichert, könnten danach bald 14 bis 28 Prozent der deutschen Milch börslich gesichert sein. Dies sind Größenordnungen, wie wir sie auch aus den USA kennen. Dort gehört dieses Instrument schon seit Jahren zur Routine. Folgt man dieser Abschätzung, dann wird die börsliche Preissicherung hierzulande in nicht allzu weiter Ferne zum Standard im Segment der Risikomanagementinstrumente auch für Milch werden.

Zunehmende Aktivitäten sind auch bei den verschiedenen Absicherungsmodellen der Molkereien zu beobachten. Eine Variante, bei der die Molkerei im Auftrag des Landwirts die Preisabsicherung an der Börse durchführt – das sogenannte „Ammerland-Modell“ –, besteht bereits seit bald zwei Jahren. Eine neue Variante sind börsenbasierte Festpreismodelle, bei denen die Milcherzeuger kein Börsenwissen benötigen, sondern die Molkerei das Absicherungsgeschäft durchführt.

Molkerei Müller als Vorreiter

Erstmals in Europa Ende 2017 durch die Molkerei Müller in Großbritannien eingeführt, wird dieses Modell seit Mai 2018 auch von der Osterhusumer Meierei eG in Norddeutschland angeboten. Laut MIV läuft die Einführung dieser Vertragsmodelle gerade bei den verschiedenen Molkereien an. Es darf also erwartet werden, dass in den kommenden Monaten immer mehr Milcherzeugern in Deutschland Festpreise für Milch für verschiedene Liefertermine in der Zukunft angeboten werden. Daher stehen in den Molkereien nun Umsetzungsfragen im Vordergrund. Im Sinne der Milcherzeuger und Molkereien ist zu hoffen, dass diese so schnell als möglich geklärt werden.

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