Tierhaltung

Ausblick auf eine „Schöne neue Fleischwelt“


Die Fleischproduktion, so wie sie heute ist, wird es bald nicht mehr geben. Diese These vertritt der deutsche Philosoph Prof. Richard David Precht. „Kunstfleisch“ könnte eine Lösung sein, den Hunger der Welt zu stillen. Ein Umbruch in der Fleischerzeugung wird kommen, da ist sich Richard David Precht sicher. Es gebe eine wachsende Zahl derer, die nicht Veganer oder Vegetarier seien, aber Massentierhaltung ablehnten. Umfragen zufolge seien es etwa 80 Prozent der Bevölkerung in Deutschland.

Aufmerksamer Vordenker
Richard David Precht, geboren 1964, ist Philosoph, Publizist, Autor und einer der profiliertesten Intellektuellen im deutschsprachigen Raum. Er hat Honorarprofessuren für Philosophie an der Leuphana Universität Lüneburg sowie für Philosophie und Ästhetik an der Hochschule für Musik Hanns Eisler in Berlin. Seine Bücher sind internationale Bestseller. Zuletzt erschienen ist „Erkenne die Welt" und „Tiere denken". (az)
„Da Menschen sich bewusster ernähren als noch vor zehn Jahren oder gar 50 Jahren, werden die Themen Was esse ich?, was ist gesund?, was ist ethisch vertretbar? immer wichtiger. Mit dieser Entwicklung hat sich das Image von in landwirtschaftlicher Intensivhaltung hergestelltem Fleisch in Deutschland viel stärker verschlechtert als jemals zuvor“, sagt Precht im Gespräch mit der agrarzeitung (az).

„Die Veganer und Vegetarier haben Zulauf, ebenso diejenigen, die hochwertiges Fleisch anbieten. Aber die Masse, die ‚billiges Fleisch‘ aus Massentierhaltung kauft, schrumpft allmählich. Die Massenproduktion zu sehr günstigen Preisen hat keine Zukunft und das Geschäftsmodell ,intensive Tierhaltung‘ wird sterben", erwartet Precht. Günstiges Fleisch sei zwar gut für den sozialen Frieden, aber einen Anspruch darauf gebe es nicht.

Nachschub kommt aus der Petrischale

„Kulturfleisch“ oder sogenanntes „Cultured Meat“, das aus Nackenzellen von Kühen in der Petrischale gezogen werden kann, ist für Precht der Ersatz für „billiges Massenfleisch“. An dieser Entwicklung komme keiner vorbei. Denn sie wird seiner Meinung nach weltweit erfolgen und unsere Lebenswelten, was Fleischerzeugung, Verarbeitung und Ernährung angeht, ebenso grundlegend verändern wie die Digitalisierung oder die Entwicklung selbstfahrender Autos.

„Von diesen weltweiten Entwicklungen können wir uns nicht abkoppeln. Und Deutschland wird Teil einer globalen Umwälzung sein.“ Jetzt müsste man in Deutschland in diesen Zweig investieren und sich Patente sichern. Darüber hinaus sollte die Politik Investitionen in diesen Zweig subventionieren, um den Umstieg in ein ökologisch und ethisch besseres Modell zu erleichtern, anstatt den Status quo zu sichern, fordert Precht.

Angesichts des Klimawandels, einer wachsenden Weltbevölkerung, geringer Flächenverfügbarkeit und schwindender Ressourcen biete das Kulturfleisch Vorteile: „Es muss kein Tier sterben, es schont Ressourcen, braucht keine Agrarflächen, kein Getreide, kein Wasser und es beruhigt das ökologische Gewissen der Käufer. Wenn das kommt, kann kein Erzeuger mit dem synthetischen Burger preislich konkurrieren“, prognostiziert er.

Radikale Veränderungen für Tierhalter erwartet

Das bedeute nicht, dass die Welt ohne Nutztierhaltung auskommt. „Wir töten und essen Tiere nur nicht mehr. Aber Tiere und auch Bauernhöfe verschwinden nicht aus der Agrarlandschaft. Wir brauchen sie, beispielsweise zur Landschaftspflege“, sagt Precht. Radikale Veränderungen für die Erzeuger in Deutschland erwartet er aber schon.

Produktion im Reagenzglas
Bei dem Tissue Engineering werden Muskelzellen von Tieren in Bioreaktoren in einem Nährmedium vermehrt. Den ersten rund 120 g schweren „Burger“ aus Zucht-Rinderhack hat 2013 Prof. Mark Post aus Maastricht präsentiert. Er kostete rund 250 000 €. Das US-Unternehmen Memphis Meats versucht sich auch an Hähnchenfleisch. Ein Pfund kostet derzeit noch rund 9 000 US-$. Schwierig ist die Skalierung vom Technikum zur Massenproduktion. Zudem sind die Energiekosten zu hoch, auch das Nährmedium, bislang Kälberserum, ist teuer. Darüber hinaus sind die Hygiene-Anforderungen sehr hoch, da steril gearbeitet werden muss, geben Skeptiker zu bedenken. (AW)
Es müssten neue Strukturen geschaffen werden: „Dort, wo jetzt große Agrarfabriken stehen, wird es irgendwann große Silos geben, in denen Nackenzellen von Tieren gezüchtet werden.“ Den Erzeugern und Fleischverarbeitern empfiehlt er, schon heute über Alternativen nachzudenken und umzusatteln oder in diesen Zweig zu investieren, um an der Entwicklung zu partizipieren.

Neues wird zur Normalität für die nächste Generation

Um die Akzeptanz von Kulturfleisch durch den Verbraucher macht sich Precht keine Sorgen. „Den Verbraucher schreckt das nicht ab, wenn ‚ökologisch gut‘ draufsteht“, sagt er und zeichnet folgendes Szenario: „Zuerst wird natürlich eine eher ‚grüne‘ Klientel etwa vom Prenzlauer Berg als Pioniere auf diesen Zug aufspringen, dann nehmen es die Discounter auf und ganz allmählich wird es zur Normalität.“

Die nächste Generation werde dies schnell verinnerlichen und bald keine Vorstellung mehr von der ursprünglichen Fleischproduktion haben. „Wir vergleichen es ja mit dem Fleisch, das wir kennen. Künftige Generationen stellen sich diese Frage gar nicht mehr. Denn Menschen halten immer das, was sie als Kinder kennengelernt haben, für normal.“ Entscheidend sei viel mehr, dass die Erzeugung von Kulturfleisch auch ökonomisch funktioniere. Hier gebe es noch Entwicklungsbedarf. So müsse die Geschwindigkeit der Zellteilung erhöht, ein Ersatz für Kälberserum gefunden und auch die Frage nach einer guten Beschaffenheit des Kulturfleisches beantwortet werden.

Der Genuss-Faktor bleibe eine Voraussetzung für die Akzeptanz – es müsse einfach schmecken. „Auch das bekommt man hin“, ist Precht überzeugt. Allerdings plädiert er für ein „Reinheitsgebot“ für Cultured Meat, damit nicht wieder Geschmacksverstärker und künstliche Aromastoffe, die heutzutage bereits weitgehend aus unseren Zutatenlisten gestrichen wurden, eingesetzt werden.

Umbruch braucht aber noch Jahrzehnte


Diese „Schöne neue Fleischwelt“ könnte laut Precht in rund 20 Jahren Wirklichkeit werden – unter der Voraussetzung politischer und ökonomischer Stabilität. Er sagt dem Kulturfleisch einen ebensolchen Siegeszug voraus wie dem selbstfahrenden Auto. Alternative Fleischprodukte wie vegetarische Wurst wird es seiner Meinung nach weiterhin geben, genauso wie Fleischspezialitäten, die Verbraucher in „Fleischboutiquen“ teuer erwerben. „In diesen Nischen kann man noch etwas länger überleben“, ist sich Precht sicher. (AW)


stats