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Glaubt man einzelnen Interessenvertretern, so muss ein Futterzusatzstoff allein sicher sein – für das Zieltier, den Verbraucher, den Anwender und die Umwelt. Dessen Nutzen, seine Wirksamkeit würde sich dann schon in der Praxis erweisen; tauge er nicht, würde er von selbst wieder verschwinden. Dem steht die Basisverordnung über Zusatzstoffe zur Verwendung in der Tierernährung (VO (EG) Nr. 1831/2003) entgegen. Futterzusatzstoffe werden dort über ihre Funktion bestimmt (Art. 2 (2)). Diese Funktionen werden in Art.5 (3) beschrieben. Der Zusatzstoff muss demnach mindestens eine der folgenden Anforderungen erfüllen:

a) die Beschaffenheit des Futtermittels positiv beeinflussen;

b) die Beschaffenheit der tierischen Erzeugnisse positiv beeinflussen;

c) die Farbe von Zierfischen und -vögeln positiv beeinflussen;

d) den Ernährungsbedarf der Tiere decken;

e) die ökologischen Folgen der Tierproduktion positiv beeinflussen;

f) die Tierproduktion, die Leistung oder das Wohlbefinden der Tiere, insbesondere durch Einwirkung auf die Magen- und Darmflora oder die Verdaulichkeit der Futtermittel, positiv beeinflussen oder

g) eine kokzidiostatische oder histomonostatische Wirkung haben.

Die Gründungsakte der Efsa (VO (EG) Nr. 178/2002, Kapitel III) definiert die Aufgabe der Behörde als „wissenschaftliche Beratung sowie die wissenschaftliche und technische Unterstützung für die Rechtsetzung und Politik der Gemeinschaft in allen Bereichen, die sich unmittelbar oder mittelbar auf die Lebensmittel- und Futtermittelsicherheit auswirken“. Von einer Wirksamkeitsbeurteilung ist hier nicht die Rede, sie gehört folglich nicht zum Kernaufgabengebiet der Efsa. Die EU-Kommission behilft sich, indem sie in das Mandat zur Bewertung eines Antrags auf Zulassung (das offizielle Ersuchen an die Efsa, das Dossier zu bewerten) einfach die Wirksamkeitsprüfung mit aufnimmt. Somit ist die Prüfung auf Wirksamkeit eines Zusatzstoffes in der Praxis der Zusatzstoffbewertung beim FEEDAP Panel angekommen.

Wie viele Unterlagen und Versuchsberichte benötigt ein Gremium, um auf Wirksamkeit schließen zu können? Nach „einmal ist keinmal“ und „zweimal ist nicht viel besser als einmal“ hat man (Kommission und FEEDAP) sich auf die Vorlage von drei Wirksamkeitsnachweisen bei den Zieltieren geeinigt. Dabei gibt es einige Ausnahmen etwa bei den ernährungsphysiologischen Zusatzstoffen, bei denen ein Versuch und dieser sogar nur bei Labortieren genügt, und den Kokzidiostatika, bei denen sechs Versuche verlangt werden. Wirksamkeit bei technologischen Zusatzstoffen wird in aller Regel durch In-vitro- Versuche belegt; Wirksamkeit, die sich im Zieltier etabliert, bedarf auch des Nachweises bei diesen Tieren. Die nachstehenden Ausführungen beschäftigen sich ausschließlich mit In-vivo-Versuchen.

Was kann man aus der Vorlage von drei positiven Versuchen mit einer signifikanten „Verbesserung“ ausgewählter Kriterien schließen? Wie viele Versuche mit negativem Ausgang gibt es, die nicht vorgelegt wurden? Wie repräsentativ waren die Versuchsbedingungen (Rasse, Haltung, Futter, Klima), gibt es diese überhaupt für 27 Mitgliedstaaten? Welcher Wirkstoffhersteller wird sich wohl mit drei Versuchen begnügen, um sich selbst und dann seine potenziellen Kunden zu überzeugen? Sollte nicht eine Verpflichtung des Inverkehrbringers vorliegen, die Ergebnisse aller Versuche, die er hat durchführen lassen, der Behörde vorzulegen?

Ist es nicht so, dass die tatsächlich überzeugende Wirkung je nach zu prüfender Substanz und Tierart/-kategorie erst nach einem Praxistest von etwa zwei Jahren nachgewiesen werden kann?

Das FEEDAP Gremium schließt daher konsequenterweise auch nach Vorlage von drei Wirkungsversuchen mit signifikant positivem Ausgang nicht auf „wirksam“, sondern (nur) auf „potenziell wirksam“.

Besonders kritisch wird das „3-Versuche-Prinzip“ von Antragstellern bewertet, wenn der Futterzusatz bei verschiedenen Tierkategorien verwendet werden soll. Müssen dann jeweils drei Versuche beispielsweise bei Mastschweinen und Sauen oder bei Mastrindern und Milchkühen oder bei Broilern und Legehennen vorgelegt werden? Das FEEDAP Panel ist bisher davon ausgegangen, dass eine bei Ferkeln durch einen 42-Tage-Versuch nachgewiesene Wirksamkeit nicht automatisch auf Sauen übertragen werden kann. Daran wird das Gremium wohl auch festhalten.

Genügt ein signifikanter Unterschied (P<0,05, bei Wiederkäuern P<0,1) in einem Leistungsparameter, um potenzielle Wirksamkeit zu attestieren? Es gibt Versuche, in denen eine Senkung des Futteraufwandes je kg Zunahme bei Broilern von 1,63 auf 1,60 (also um 0,03 bzw. 30 g Futter/kg Zunahme) als signifikant ausgewiesen wurde – statistisch einwandfrei. Wer sich jeweils mit der Berechnung dieses Quotienten selbst befasst hat, wird unsere Zweifel verstehen.

Für bestimmte Funktionsgruppen von Zusatzstoffen werden Kurzzeitversuche als Wirkungsnachweis akzeptiert, etwa Verdaulichkeitsversuche bei Enzymen oder vergleichende Bioverfügbarkeitsstudien bei neuartigen Verbindungen von Spurenelementen. Hier werden oft zugelassene Zusatzstoffe in einer Art positiven Kontrollgruppe eingesetzt und der „neue“ Zusatzstoff im Ergebnis der Untersuchungen als besser oder hochwertiger charakterisiert. Seit Beginn der Zusatzstoff-Bewertung durch FEEDAP hat das Gremium sich „angewöhnt“, keine derartigen Klassifizierungen vorzunehmen, weil die Datengrundlage dafür, für eine öffentlich zugängliche vergleichende Bewertung, zu schmal ist. Gleiches gilt für Substanzen, die im Vergleich schlechter abgeschnitten haben.

Die Standardformulierungen lauten hier, der Stoff „ist zumindest so wirksam wie“ oder „hat das Potenzial wirksam zu sein“. „Ungewissheiten“ in der Interpretation der Daten, die sogenannten „Uncertainties“, werden zunehmend bei der Bewertung der Daten berücksichtigt.

Einen aus der Sicht von Antragstellern und FEEDAP-Mitgliedern derzeit nicht zufriedenstellend gelöster Aspekt stellt die Wahl von Parametern (Endpoints) dar, welche letztlich zur Wirksamkeitsbeurteilung herangezogen werden sollen.

Das liegt zum einen daran, dass die Wirksamkeitskriterien der Artikels 5 der VO 1831/2003 nicht konsequent in die Zusatzstoffkategorien des Artikels 6 derselben Verordnung übertragen wurden.

Die Wirkung von Mikroorganismen (Probiotika) wird nicht aus einer möglichen (positiven?) Beeinflussung der Darmflora abgeleitet, sondern dann als gegeben angesehen, wenn die Leistung des Zieltieres messbar beeinflusst wurde.

Im Gegensatz dazu werden bei Enzymen substratspezifische Verdaulichkeitsversuche zunehmend als Beleg für eine wahrscheinliche Beeinflussung der Leistung (Wachstum, Futterverzehr, Futteraufwand) akzeptiert. Bessere und fundierte Hinweise zur Wirkungsweise („Mode of action“) sind zwar hilfreich, können das Problem insgesamt aber nicht lösen. Immunologische Parameter, bei neuen Funktionsgruppen etwa, so willkommen sie aus wissenschaftlicher Sicht auch sein mögen, werden es schwer haben, die Relation zur Leistungsbeeinflussung bei gesunden Tieren dauerhaft und überzeugend zu etablieren.

Das Panel ist derzeit mit einer weitreichenden Überarbeitung des entsprechenden Guidance Dokuments zu „Efficacy“ beschäftigt; interessierte Stakeholder sind im Rahmen einer Diskussionsgruppe beteiligt. Der Entwurf wird der Öffentlichkeit zur Kommentierung vorgelegt (voraussichtlich im Herbst 2017).
Die Autoren
Die Autoren – (Gerhard Flachowsky und Jürgen Gropp) – sind langjährige Mitglieder des EFSA Gremiums für Zusatzstoffe, Erzeugnisse und Substanzen in der Tierernährung (FFEDAP). Sie berichten aus der Arbeit des FEEDAP Gremiums. Die Artikel enthalten persönliche Darstellungen und Ansichten, nicht solche der EFSA oder der EU, und stimmen daher nicht notwendigerweise mit den Auffassungen der EFSA oder der EU überein. Die Autoren unterliegen als für die EFSA tätige Experten bestimmten Geheimhaltungsverpflichtungen.



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