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Casimir Funk (1884 – 1967) konnte nicht erahnen, welche Resonanz er einmal auslösen würde, als er vor über 100 Jahren (1911) für verschiedene lebensnotwendige organische Verbindungen das wohlklingende und vokalreiche Wort „Vitamine“ einführte. Er ging dabei von dem Irrglauben aus, dass die seit Ende des 19. Jahrhunderts erforschten Nahrungsinhaltsstoffe Aminogruppen enthielten, sodass er „Vitamine“ für „Amine für das Leben“ für gerechtfertigt hielt.

Anfangs wurden beispielsweise die B-Vitamine in der Reihenfolge ihrer Entdeckung mit Ziffern versehen, wie beispielsweise Vitamin B1 für Aneurin; Vitamin B2 für Riboflavin; Vitamin B3 für Niacin; Vitamin B4 für Cholin; Vitamin B5 für Pantothensäure, Vitamin B6 für Pyridoxin etc. Mit zunehmender Verbesserung der Analytik und der Kenntnisse über ihre physiologische Bedeutung verloren viele dieser Substanzen den „Vitamin-Status“, da bei ihnen keine essenzielle(n) Wirkung(en) belegt werden konnte. Diese Feststellung trifft unter anderem auf Betain, L-Carnitin (Vit. BT), Inositol, Laetril (Vit. B17), Methylmethioninsulfoniumchlorid (Vitamin U), Orotsäure (Vit. B13), Pangamsäure (Vit. B15), Taurin, Ubichinon (Q10) und mit Einschränkungen auch auf Cholin zu.

Aus wissenschaftlicher Sicht gelten gegenwärtig 13 Vitamine (Vitamin A, C, D, E, K, B1, B2, B6, B12 sowie Folsäure, Biotin, Niacin und Pantothensäure) als lebensnotwendig (essenziell); das heißt, dass sie nicht im Körper synthetisiert werden können (wobei das nicht für Vitamin D zutrifft sowie für Vitamin C nur für wenige Spezies einschließlich des Menschen), also mit der Nahrung als Vitamine oder Pro-Vitamine (z.B. -Karotin als Provitamin für Vitamin A) zugeführt werden müssen und eine physiologische Funktion ausüben.

Der Status „vitaminähnliche“ Substanzen hält jedoch verschiedene Hersteller nicht davon ab, diese Stoffe mit speziellen Wirkungen unter spezifischen Bedingungen sowohl für Lebensmittel liefernde Tiere als auch für Heimtiere (und den Menschen) auf dem Markt anzubieten. Im Feedap-Panel der Efsa werden alle diese Substanzen von einer Arbeitsgruppe bezüglich ihrer Sicherheit für Mensch, Tier und Umwelt sowie ihrer Wirksamkeit bewertet.

Das Feedap-Panel hat sich in den zurückliegenden Jahren wiederholt mit Anträgen zu verschiedenen Vitaminen und vitamin-ähnlichen Verbindungen beschäftigt. Umfangreiche Diskussionen aus der Sicht des Verbraucherschutzes gab es dabei vor allem bei der Festlegung von Obergrenzen für Vitamin A. Vitamin A wird in hohen Mengen in der Leber der Tiere gespeichert. Unter Berücksichtigung mehrerer wissenschaftlicher Stellungnahmen des Efsa-NDA-Panels (Panel on Dietetic Products, Nutrition and Allergies) und umfangreicher Tierversuche zur Einlagerung von Vitamin A in die Leber, Milch und Eiern hat das Feedap-Panel in Abhängigkeit von Tierart und Kategorie entsprechende Höchstwerte für Vitamin A im Futter vorgeschlagen (beispielsweise EFSA Journal 2008, 873, 1-81; EFSA Journal 2013, 11: 3037), die später – leider nicht vollständig – von der EU-Kommission übernommen wurden.

Ein anderes Beispiel einer kritischen Bewertung ist der Umgang mit einem stoffwechselmäßig sehr aktiven Vitamin D3-Metaboliten. Blätter von Solanum glaucophyllum, einem in Südamerika wachsenden Nachtschattengewächs, enthalten in beachtlichen Mengen den Vitamin-D-aktiven Metaboliten 1,25-Dihydroxycholecalciferol (1,25(OH)2D3).

Im Stoffwechsel von Mensch und Tier entsteht dieser Metabolit erst durch Aktivierung von Vitamin D in der Leber und anschließend in der Niere. Er hat dann Hormoncharakter, vor allem was die Steuerung des Ca- und P-Stoffwechsels betrifft. Bei Milchkühen hat die Substanz durchaus Potenzial, zur Vermeidung von Gebärparese (Milchfieber) beizutragen; das Problem ist ein praktikables Dosierungsschema. Die wissenschaftliche Stellungnahme des Feedap-Panels (s. EFSA Journal 2015; 13: 3967) gibt verschiedene Antworten, vermittelt jedoch auch Anregungen für zukünftige Forschungsansätze zum Thema Solanum glaucophyllum. Während bei der Formulierung von Höchstwerten für Vitamin A der Verbraucherschutz im Vordergrund stand, sind das bei Vitamin-D-Hochdosierungen vor allem der Tierschutz bzw. die Tiergesundheit.

Eine andere Thematik ist die Stabilität der Vitamine bei Lagerung, in Vitamin-Mineralstoff-Vormischungen, im Mischfutter und bei der Pelletierung. Dabei zeigte sich beispielsweise, dass das Vitamin K3 (vor allem Menadione Sodium Bisulphite; MSB) in Vitamin-Mineralstoff-Vormischungen wenig stabil ist, was zu der Empfehlung von Lagerzeiten unter einem Monat führte (EFSA Journal 2014, 12(1)3532).

In Feedap-Stellungnahmen zur Beurteilung von Zusatzstoffen werden Ja/Nein-Antworten, vergleichende oder relative Aussagen – so sinnvoll sie auch wären – bewusst vermieden. Damit wird die missbräuchliche Verwendung von Stellungnahmen zu Werbezwecken durch Antragsteller ebenso ausgeschlossen wie ein unbewusstes und ungewolltes Auftreten des Gremiums als Ratgeber/Schiedsrichter in einem „umkämpften“ Markt.

Bezüglich der wasserlöslichen Vitamine und von Vitamin-ähnlichen Verbindungen gab es bisher kaum Probleme hinsichtlich des Verbraucherschutzes. Wasserlösliche Vitamine werden nur in geringen Mengen im Körper gespeichert oder mit Milch und Eiern ausgeschieden. Andererseits nützen Überdosierungen weder dem Nutztier noch dem Landwirt.

Diese Feststellung trifft auch auf die Vitamin-Supplementierung von Tränkwasser zu, da das Futter meist ausreichend mit den entsprechenden Vitaminen ergänzt ist und die Aufnahme über das Wasser infolge verschiedener Einflussfaktoren (Temperatur, Tierart, Kategorie, Leistungshöhe, Wassergehalt der Futtermittel und andere) kaum im Voraus zu schätzen ist. Die Verabreichung von Vitaminen über das Tränkwasser ist nur sinnvoll, wenn der Gesamtgehalt im Futter bekannt oder diese dem Futter gar nicht zugesetzt wurden. Beide Situationen sind in der Fütterungspraxis unwahrscheinlich.

Die Einhaltung von Höchstgrenzen wird dann fraglich, wenn, wie im Beispiel von Vitamin A, die Exposition von Verbrauchern über ein vernünftiges Maß ansteigen kann.
Die Autoren
Die Autoren – (Gerhard Flachowsky und Jürgen Gropp) – sind langjährige Mitglieder des EFSA Gremiums für Zusatzstoffe, Erzeugnisse und Substanzen in der Tierernährung (FFEDAP). Sie berichten aus der Arbeit des FEEDAP Gremiums. Die Artikel enthalten persönliche Darstellungen und Ansichten, nicht solche der EFSA oder der EU, und stimmen daher nicht notwendigerweise mit den Auffassungen der EFSA oder der EU überein. Die Autoren unterliegen als für die EFSA tätige Experten bestimmten Geheimhaltungsverpflichtungen.

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