Vorbeugender Einsatz: In der Geflügelmast wird Antibiotika ins Futter gemischt.
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Vorbeugender Einsatz: In der Geflügelmast wird Antibiotika ins Futter gemischt.
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In der Tierhaltung sollen weniger Antibiotika verabreicht werden. Mit ihrer „Farm-to-Fork“-Strategie will die EU eigentlich weltweit vorangehen und den Gebrauch bis 2030 halbieren. Doch jetzt sieht es nach einem glatten Fehlstart aus.

Missstände in der Haltung dürfen nicht durch Antibiotika ausgeglichen werden. So steht es in der EU-Tierarzneimittelverordnung (EU2019/6), die zu Jahresbeginn in Kraft getreten ist. In der Praxis werden allerdings noch immer, vor allem in der Puten- und Hühnermast, Antibiotika für den gesamten Bestand vorbeugend eingesetzt. Umstritten ist dabei vor allem der Wirkstoff Colistin, der in der Humanmedizin als Reserveantibiotika eingesetzt wird. Lediglich Dänemark und die Niederlande haben es geschafft, dessen Einsatz zu reduzieren (siehe Übersicht).

Quelle: Deutsche Umwelthilfe
Quelle: Deutsche Umwelthilfe

Warnung vor Resistenzen verhallt

Nach Inkrafttreten der EU-Tierarzneimittelverordnung hat die EU-Kommission zwar eine Liste zum Verbot bestimmter Antibiotika vorgelegt. Doch darauf stehen lediglich Wirkstoffe, die in der Tierhaltung ohnehin kaum noch eine Rolle spielen. Die für die Humanmedizin wichtigen Stoffgruppen der Fluorchinolone, der Cephalosporine und Colistin sollen in der EU weiterverwendet werden dürfen. Hingegen rät die Weltgesundheitsorganisation (WHO) wegen der zunehmenden Antibiotikaresistenz, die drei Stoffgruppen dem Menschen vorzubehalten. Weltweit sterben jährlich 1,2 Millionen Menschen an multiresistenten Keimen, gegen die es keine wirksamen Medikamente mehr gibt. Trotzdem missachtet die EU-Kommission den Rat der WHO und folgt der Einschätzung ihrer eigenen Europäischen Arzneimittelagentur (EMA). Diese kommt zu dem Schluss, dass Fluorchinolone, Cephalosporine und Colistin in der Tierhaltung unverzichtbar seien.
Anfang April debattierten die EU-Mitgliedstaaten über den Kommissionsvorschlag. Mit großer Mehrheit schlossen diese sich der Brüsseler Behörde an. Lediglich Deutschland und zwei weitere EU-Mitgliedstaaten sprachen sich zumindest für ein Verbot von Colistin aus. An Fluorchinolonen und Cephalosporinen in der Veterinärmedizin wollen hingegen alle festhalten. Diese beiden Wirkstoffgruppen seien vereinzelt in der Nutztierhaltung, aber vor allem bei Haustieren unverzichtbar, erklärt Prof. Markus Schick aus dem Bundeslandwirtschaftsministerium auf einer Veranstaltung der Deutschen Umwelthilfe. Schick geht davon aus, dass die Verbotsliste im Laufe der Zeit noch verlängert wird. Die Verminderung des Antibiotikaeinsatzes müsse über eine bessere Haltung und kleinere Stalleinheiten laufen, führte Schick aus. Doch dazu brauche es eine finanzielle Unterstützung der Landwirte und einen „langen Atem“.

Der Grüne-Europaabgeordnete Martin Häusling wirft der EU-Kommission hingegen eine „Bauchlandung“ vor. EU-Gesundheitskommissarin Stella Kyriakides sei weit hinter ihren Ankündigungen zurückgeblieben, kritisiert er und fordert eine Verbotsliste nach den Vorgaben der WHO. Er ziehe eine Klage gegen die EU-Kommission in Erwägung, kündigte Häusling auf der Videokonferenz der Deutschen Umwelthilfe an. Schließlich habe die Brüsseler Behörde gegen Prinzipien der EU-Tierarzneimittelverordnung verstoßen, nach der Missstände bei der Haltung nicht durch Antibiotika ausgeglichen werden dürfen. Antibiotika im Futter für alle Tiere im Stall sind für Häusling ein eindeutiger Hinweis auf eine Routineverabreichung, die Mängel in der Züchtung und in der Haltung ausgleichen soll.

Veterinäre pochen auf Einsatz bei Haustieren

Vor allem Veterinärmediziner warnen, dass Verbote die Gesundheit von Hunden, Katzen und anderen Lieblingen des Menschen gefährden könnten. Häusling hält eine Einigung mit den Haustierveterinären dennoch für möglich und möchte eine Einzeltierbehandlung mit den umstrittenen Reserveantibiotika weiterhin zulassen. Der Umweltausschuss des Europaparlaments hat sich zwar über alle Fraktionen hinweg gegen den Kommissionsvorschlag gestellt. Doch das Parlament hat im Gegensatz zu den EU-Mitgliedstaaten keine Entscheidungsbefugnis. Voraussichtlich wird die Brüsseler Behörde ihren Vorschlag für eine Verbotsliste durchsetzen.

Geflügelbranche unterstützt Brüsseler Pläne

In der deutschen Veredelungswirtschaft regt sich kein Widerstand gegen die in Brüssel diskutierten Vorschläge zur Einstufung der Antibiotika. Unterstützung für den Entwurf signalisiert der Zentralverband der Deutschen Geflügelwirtschaft (ZDG): „Die von der EU getroffene Auswahl ist wissenschaftlich nachvollziehbar und fachlich gut begründet“, lobt Dr. Ann-Kathrin Stoldt, die beim ZDG für das Thema Tiergesundheit zuständig ist. Probleme in der Umsetzung sieht der Verband nicht. Das sei aber ganz anders zu bewerten, wenn sich die Kritiker des aktuellen Entwurfs durchsetzen würden. Diese fordern, weitere Wirkstoffe in der Tiermedizin zu verbieten. Colistin wird zumindest übergangsweise in der Geflügelhaltung für unverzichtbar gehalten. Der Verband verweist auf die jahrelangen Anstrengungen, den Einsatz von Colistin zu senken, das vor allem bei der Behandlung bakterieller Darmerkrankungen genutzt wird.

Neue Ansätze in der Forschung machen Hoffnung

Der Wirkstoff steht aber unter besonderer Beobachtung, weil 2015 ein Mechanismus entdeckt wurde, mit dem Bakterien die Eigenschaft der Colistin-Resistenz an andere Bakterien weitergeben können. Der ZDG hatte daraufhin ein Konzept für einen möglichen Verzicht auf Colistin vorgelegt. „Wenn wir in der Hähnchen- und Putenhaltung komplett auf den Einsatz von Colistin verzichten wollen, bedarf es einer erheblichen Kraftanstrengung der Branche“, betont Stoldt. Aus diesem Grund sei der Staat gefordert, den Weg beispielsweise für Alternativen freizumachen. Dazu zählen Bakteriophagen, das sind Viren, die gegen die Vermehrung ihrer Wirtsbakterien kämpfen. Einen anderen Ansatz bieten „Competitive Exclusion“-Kulturen (CE-Kulturen), die die Geflügeldarmflora besiedeln und dadurch eine Besiedelung mit unerwünschten Krankheitserregern und resistenten Keimen deutlich erschweren. „Im Sinne des Tierschutzes braucht es aus tierärztlicher Sicht zwingend derartige alternative Behandlungsmethoden, um unnötiges Tierleid zu verhindern“, stellt die Tierärztin fest. Insbesondere bei der Legehennen- und Putenhaltung sei man darauf angewiesen.

Beim Bundesverband der Praktizierenden Tierärzte will man sich derzeit nicht zu den Brüsseler Plänen äußern und erst den Beschluss abwarten. Im August des vergangenen Jahres hatte der Verband mit einer breit angelegten Kampagne dafür geworben, die Therapiemöglichkeiten in der Tiermedizin nicht zu stark einzuschränken, und hat damit in Brüssel offenbar Gehör gefunden.

Der Text erschien zuerst auf agrarzeitung.de
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