Eine Liste mit für den Menschen reservierten Antibiotikaklassen muss jetzt erstellt werden.
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Eine Liste mit für den Menschen reservierten Antibiotikaklassen muss jetzt erstellt werden.
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Die Grünen wollten eine deutliche Verschärfung der Kriterien für Reserve-Antibiotika. Das sah die Mehrheit der EU-Parlamentarier anders. Sie stimmten mehrheitlich dagegen.

Das vom Umweltausschuss eingebrachte Veto gegen den delegierten Rechtsakt der EU-Kommission zur Antibiotikanutzung ist mit großer Mehrheit von den Europaabgeordneten abgelehnt worden. Insgesamt 450 Parlamentarier stimmten in Straßburg gegen die Zurückweisung des Kommissionspapiers. Nach dem Vorschlag der EU-Kommission werden in der Verordnung „Kriterien zur Identifizierung von antimikrobiellen Arzneimitteln, die für die Behandlung von Menschen vorbehalten sind“ festgelegt. Die Definition von Reserveantibiotika – also ausschließlich für den Menschen vorbehaltenen Antibiotika - soll dabei nicht nur von der Weltgesundheitsorganisation WHO festgelegt werden. Stattdessen sollen auch die Folgen von Verboten bestimmter Antibiotika für die landwirtschaftliche Erzeugung Berücksichtigung finden, berichtet agrarzeitung.de. Eine konkrete Liste von Wirkstoffklassen, die der Humanmedizin vorbehalten bleiben sollen, soll noch erstellt werden. Damit kann die neue EU-Tierarzneimittelverordnung im Januar des kommenden Jahres in Kraft treten.

Der grüne EU-Abgeordnete Martin Häusling wollte mit dem Veto strengere Regeln für die Antibiotika-Behandlung von Tieren durchsetzen und beispielsweise ein Verbot der Gruppenverabreichung bestimmter Wirkstoffe in der Nutztierhaltung erreichen. Im Vorfeld der Abstimmung hatte bereits der Bundesverband Praktizierender Tierärzte (bpt) vor erheblichen Therapielücken nicht nur bei Nutztieren, sondern auch bei Haustieren gewarnt.

Tierärzte atmen auf

Die Europäische Plattform für einen verantwortungsvollen Umgang mit Tierarzneimitteln (EPRUMA) begrüßte das Votum ebenso wie die Bundestierärztekammer (BTK). Damit sei für Tierärzte der Zugang zu spezifischen lebensrettenden Behandlungen sowohl für Nutz- als auch Haustiere weiter sichergestellt. Das Parlament habe die Kriterien, um Antibiotika für die Behandlung bestimmter Infektionen beim Menschen zu reservieren, wie von der Europäischen Arzneimittel-Agentur (EMA) empfohlen, als geeignet angesehen.

EPRUMA betonte, dass ein ganzes Maßnahmenpaket in der Tiermedizin inzwischen zu einer eng kontrollierten Anwendung von Antibiotika führe. Diese Anstrengungen hätten in den vergangenen zehn Jahren europäisch und national zu einem deutlichen Rückgang des Antibiotikaeinsatzes geführt. In Deutschland habe die Abnahme in diesem Zeitraum 60,7 % betragen. Auf der Grundlage der abgestimmten Verordnung, welche auf wissenschaftlichen Erkenntnissen aus Human- und Veterinärmedizin basiert, könne nun unter Berücksichtigung des One-Health-Ansatzes eine Liste mit für den Menschen reservierten Antibiotikaklassen erstellt werden, kommentiert die BTK.

Auch die CSU-Europaabgeordnete Marlene Mortler begrüßte die Ablehnung des Vetos. „Anstatt auf Verbote müssen wir uns auf Lösungen konzentrieren“, sagte Mortler. Selbstverständlich gelte es, Reserveantibiotika so sparsam wie möglich einzusetzen. Zum Schutz von Mensch und Tier müsse es aber in Ausnahmefällen klar definierte Umstände geben, unter denen solche Antibiotika angewandt werden dürften. Schließlich sei es notwendig die Heim- und Nutztiere im Krankheitsfall auch in Zukunft effektiv zu behandeln.

Enttäuschung auf der Gegenseite

Für den Grünen Martin Häusling ist das Abstimmungsergebnis ein „gefährlicher Kompromiss auf Kosten der menschlichen Gesundheit und zugunsten einer unbelehrbaren Agrarlobby“. Alle Wirkstoffe, die künftig auf der Liste der Reserveantibiotika stehen, seien dann radikal für alle Tiere gesperrt, egal, ob es sich um Nutz- oder Haustiere handele.

Auch seitens der Deutschen Umwelthilfe (DUH) erntet die Mehrheit der EU-Parlamentarier für ihr Votum Kritik. Es gebe weiter „kein eindeutiges Verbot von Reserve-Antibiotika in der Massentierhaltung“, so die DUH. „Das EU-Parlament hat es versäumt, die Gesundheit von Menschen endlich über die Profitinteressen der Fleischindustrie zu stellen“, erklärt Sascha Müller-Kraenner, DUH-Bundesgeschäftsführer.

Mit Material von Agra Europe

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