Viel Futter, vergleichsweise wenig Fleisch: Die Bruderhahnaufzucht ist eine ethische Entscheidung.
Demeter
Viel Futter, vergleichsweise wenig Fleisch: Die Bruderhahnaufzucht ist eine ethische Entscheidung.

FRANKFURT Muss sich die Bio-Geflügelhaltung aus wirtschaftlichen Gründen neu orientieren? Die Anbauverbände antworten.

Welch ein Dilemma: Angesichts des russischen Angriffskriegs in der Ukraine haben sich Bio-Futtermittel verteuert und sind teilweise knapp. Die Aufzucht der Bruderhähne der auf Hochleistung gezüchteten Lege-Hybride ist bei den meisten Bio-Anbauverbänden Pflicht. Dabei verbrauchen die Tiere vergleichsweise zu viel Futter und bringen zu wenig Fleisch; der ökologische Fußabdruck ist entsprechend groß. Ob sich die Bio-Geflügelhaltung neu orientieren muss, erläutern die Anbauverbände Bioland, Naturland, Demeter und Biokreis.

Ist die von allen Anbauverbänden mit Ausnahme von Biopark vorgeschriebene Bruderhahn-Aufzucht in der aktuellen Lage ökologisch und wirtschaftlich noch zu rechtfertigen?

„Die Aufzucht von Bruderhähnen ließ sich zu keiner Zeit wirtschaftlich nachhaltig rechtfertigen. Das Ganze verschärft sich durch die Verknappung von Futtermitteln natürlich noch mehr. Trotzdem ist es eine ethische Pflicht, Tiere nicht ohne triftigen Grund zu töten“, teilt Biokreis-Geschäftsführer Josef Brunnbauer mit.

Bioland, Naturland, Demeter und Biokreis sind sich einig, weiterhin die Bruderhähne der Lege-Hybride aufzuziehen. Weil deren Genetik für die Mast ungeeignet ist, arbeiten seit 2015 Bioland und Demeter im Rahmen der gemeinnützigen Ökologischen Tierzucht an Zweinutzungsrassen, drei stehen bereits für die Erwerbslandwirtschaft bereit. Naturland hat dafür das Projekt RegioHuhn ins Leben gerufen, hier werden alte Rassen mit modernen Züchtungen gekreuzt.
„Grundsätzliche Entscheidung für den Start in einen langfristigen Veränderungsprozess. “
Markus Fadl, Naturland
„Die verpflichtende Aufzucht der Bruderhähne als Brücke auf dem Weg zum Zweinutzungshuhn war eine grundsätzliche Entscheidung für den Start in einen langfristigen Veränderungsprozess. Es macht wenig Sinn, dies jetzt in Frage zu stellen, nur weil kurzfristige Probleme auftauchen“, teilt Naturland-Pressesprecher Markus Fadl mit.

Insgesamt sei es ökologischer weniger Fleisch und tierische Produkte zu konsumieren und dafür  verstärkt auf eine gute Qualität und Tierwohl zu achten. Henne und Hahn und damit auch Eier und Fleisch gelte es konsequent zusammen zu denken, wie Demeter grundsätzlich anmerkt.

Sind dennoch Ausnahmen für die Aufzuchtspflicht der Bruderhähne geplant? Wäre das zeitweise Erlauben der Geschlechtsbestimmung im Ei ein Weg, bei der männliche Embryonen samt Ei vor dem Schlupf aussortiert werden?

Keiner der Verbände plant in absehbarer Zeit Ausnahmen, die Aufzucht sei der ethisch richtige Weg. „Es ist nicht hilfreich, sich jetzt anders zu orientieren – auch weil landwirtschaftliche Betriebe investiert haben und in der Produktion stehen. Diese Wertschöpfungsketten nun abzuschalten, würde eine Struktur gefährden, für die viel Energie aufgebracht wurde, um sie dahin zu entwickeln, wo sie heute steht“, erklärt Brunnbauer von Biokreis.

Demeter lehnt eine Rolle rückwärts konsequent ab, da man als erster Anbauverband die Geschlechtsbestimmung im Ei ausgeschlossen habe. „Die Methode verschiebt das Kükentöten nur zeitlich nach vorne und zementiert das fehlentwickelte System der auf Hochleistung gezüchteten Lege-Hühner.“

Mindestens die Hälfte der Futtermittel müssen die Mitgliedsbetriebe der Anbauverbände auf dem eigenen Hof produzieren. Soll der Anteil qua Richtlinie erhöht werden, um noch unabhängiger zu werden?

Die Eigenversorgung bei Bioland Betrieben sei real deutlich höher, als über die Richtlinien vorgeschrieben. Bei Futtergetreide lag nach eigenen Angaben die Eigenversorgung in den vergangenen Jahren bei nahezu 100 Prozent, bei Leguminosen über 60 Prozent. Eine Anhebung der Richtlinie brauche es in dieser Hinsicht nicht. Auch Naturland, Demeter und Biokreis sehen keinen Grund einen höheren Selbstversorgunsgrad vorzuschreiben. Den Anteil weiter zu erhöhen, stieße auch an technische Grenzen, die sich aus der Landwirtschaft ergeben: Fruchtfolge, Klima, Boden. Das betreffe vor allem den Anbau mit Eiweißpflanzen, wie Biokreis zu bedenken gibt. Es sei darüber hinaus lohnenswert, sich über neue intelligente Nahrungskreisläufe Gedanken zu machen, meint Demeter. Alleine das täglich im Handel nicht verkaufte Brot gäbe ein hervorragendes Hühnerfutter ab.

Welche Bio-Betriebe bereits Zweinutzungsrassen halten, zeigt die interaktive Karte des Onlinemagazins „über bio“. Autor: Jens Brehl



Dieser Text erschien zuerst auf www.fleischwirtschaft.de.

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