Selbst wenn alle Stilllegungen für die landwirtschaftliche Produktion genutzt würden, würde die EU nur rund bis zu 4,4 % mehr Getreide erzeugen.
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Selbst wenn alle Stilllegungen für die landwirtschaftliche Produktion genutzt würden, würde die EU nur rund bis zu 4,4 % mehr Getreide erzeugen.
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Das Aussetzen der EU-Flächenstilllegung, um der zu erwartenden Getreidekrise zu begegnen, hat kaum Einfluss auf globale Produktion und Preise. Das ist das Ergebnis einer Analyse der Heinrich-Böll-Stiftung. Die EU setzt dagegen auf die Brachflächen, um die Lebensmittelversorgung zu sichern.

Die geplante Stilllegung von vier Prozent der (Neu) Ackerflächen in der EU hat nur einen marginalen Effekt auf Produktionsmengen und Weltmarktpreise von Getreide . Das stellt eine von der Heinrich-Böll-Stiftung veröffentlichte Analyse fest.  Selbst wenn alle Stilllegungen wegfielen und diese Flächen für die landwirtschaftliche Produktion genutzt würden, wäre lediglich eine Erhöhung der in der EU produzierten Getreidemenge von bis zu 4,4 % zu erwarten, heißt es in der Mitteilung weiter. Das entspreche einer Erhöhung der weltweiten Produktion um nur 0,4 %. Bei Weizen läge in diesem Szenario die EU-Produktion um bis zu 3,8 % höher, was einem Anstieg der weltweiten Weizenproduktion von nur 0,7 % entspräche.

Somit würden auch die Effekte auf die Weltmarktpreise entsprechend gering ausfallen: Unter dem gegebenen Szenario würden die durchschnittlichen Getreidepreise auf dem Weltmarkt lediglich um 0,7 % fallen, während der Weizenpreis um etwa 1 % sinken würde.

Barbara Unmüßig, Vorstand der Heinrich-Böll-Stiftung: „Unsere Analyse zeigt, dass ein Aussetzen der Flächenstilllegung in der EU diese Krise kaum beeinflusst. Um die drohende Hungerkatastrophe in vielen Ländern der Welt abwenden zu können, brauchen wir jetzt in kürzester Zeit eine massive Ausweitung der Finanzhilfen für das WFP – für die Hilfe in der Ukraine selbst und weltweit. Die Nothilfe – gerade in Ländern wie Jemen oder Afghanistan- darf nicht durch mangelnde Finanzierung stocken.“

Gleichzeitig sei es jetzt genau das falsche Signal, die ökologische Wende der Landwirtschaft auszusetzen. Die Klimakrise sei schon heute eine der größten Bedrohungen der Ernährung weltweit. Der Kampf gegen die Klimakrise sei kein Luxus, sondern existentiell und dürfe gerade jetzt nicht aufgekündigt werden. Im Anbetracht der Klimakrise und damit zusammenhängenden Ernteausfällen würden wir auch in Zukunft immer wieder sehr hohe Weltmarktpreise für Nahrungsmittel erleben.

Die wichtigsten Antworten darauf sind laut Unmüßig massive Investitionen in resiliente agrarökologische Systeme weltweit. Außerdem müssen wir die Nutzungsformen unserer Agrarprodukte ändern: „wir können es uns nicht länger erlauben, knapp 60 Prozent unseres Getreides in der klimaschädlichen intensiven Tierhaltung zu verwenden.“ Auch die Beimischungsquoten für Agrartreibstoffe müssten dringend abgeschafft werden.

EU gibt Brachflächen frei

Unterdessen will die EU nun Brachflächen für die Lebensmittelproduktion freigeben. Auf Stilllegungsflächen dürfen 2022 alle gewünschten Feldkulturen angebaut werden. Das steht in einem Entwurf der EU-Kommission zu Versorgung mit Lebensmitteln, der am Mittwoch vorgelegt werden soll. Zunächst war nur von Eiweißpflanzen die Rede. Jetzt sollen auf Stilllegungsflächen alle Ackerkulturen zugelassen werden. In einem implementierten Rechtsakt will die EU-Kommission Ausnahmen für die ökologischen Vorrangflächen im Jahr 2022 zulassen. Wahrscheinlich wird auch die Verwendung von Düngemitteln und Pflanzenschutzmitteln auf den bisherigen Brachflächen zugelassen, da sonst die Maßnahme ins Leere laufen würde. Weiterhin will die EU-Kommission die Krisenreserve von knapp 500 Mio. € aus dem EU-Haushalt mobilisieren, um die hohen Energiekosten für die Landwirte auszugleichen.


Die vollständige Analyse der Heinrich-Böll-Stiftung „Auswirkungen einer Änderung der Flächenstilllegung in der EU auf den globalen Getreidemarkt“ finden Sie hier.

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  1. Gerd Wiesendorfer
    Erstellt 24. März 2022 09:20 | Permanent-Link

    Die Heinrich-Böll-Stiftung macht hier m.E. eine Milchmädchenrechnung auf. Zusätzliche 5 Millionen Tonnen Weizen aus der EU für den Weltmarkt haben durchaus einen Einfluß! Das würde nach derzeitiger Produktionsschätzung für die Ukraine ein Drittel des zu erwartenden Ausfalls kompensieren!

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