Die anvisierte Umsetzung des Green Deal kann je nach Produktions- und Konsumstruktur zu einer stark asymmetrischen Verteilung der Kosten- und Nutzen zwischen den EU-Ländern wie auch innerhalb der Landwirtschaft zwischen Tier- und Pflanzenproduzentenführen.
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Die anvisierte Umsetzung des Green Deal kann je nach Produktions- und Konsumstruktur zu einer stark asymmetrischen Verteilung der Kosten- und Nutzen zwischen den EU-Ländern wie auch innerhalb der Landwirtschaft zwischen Tier- und Pflanzenproduzentenführen.
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Die Agrarproduktion in der EU wird bei vollständiger Umsetzung der Farm-to-Fork-Strategie erheblich zurückgehen, insbesondere die Tierhaltung. Auch die angestrebten Klimaeffekte werden nicht erreicht. Dennoch hat die F2F-Strategie Potenzial: Höhere Ökoleistungen implizieren ein Nachfragepotenzial und damit auch höhere Einkommen für die Landwirte. Das sind Ergebnisse einer Studie zur Folgenabschätzung der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel (CAU).

Bei Getreide, Ölsaaten und Rindfleisch beträgt die Reduktion jeweils rund 20 Prozent, teilt der Grain Club mit. Die Tierzahlen gehen noch stärker zurück. Bei rindern um 45 % bei Milchkühen um 13,3 %, während die Flächenrückgänge bei Getreide und Ölsaaten sich nur auf 2,6 % bzw. 6 % belaufen. Damit gingen Preissteigerungen für Agrarprodukte in der Europäischen Union (EU) einher, darunter fast 60 Prozent für Rindfleisch, rund 50 Prozent für Schweinefleisch, über 30 Prozent für Rohmilch sowie zwischen 10 und 20 Prozent für Obst und Gemüse, Ölsaaten und Getreide. Zu diesem Ergebnis kommt eine heute veröffentlichte Studie zur Folgenabschätzung von Prof. Dr. Dr. Christian Henning, Institut für Agrarpolitik und Agrarökonomie der Universität Kiel im Auftrag der Verbändeallianz Grain Club sowie weiterer Verbände.

CO2-Einsparungen der Agrarwirtschaft werden nivelliert

Studienleiter Henning erklärt: „Das Maßnahmenpaket steigert zwar die Ökosystemleistungen in der EU, erzielt jedoch den angestrebten positiven Effekt auf das Klima weltweit noch nicht. Die prognostizierten Treibhausgas-Einsparungen (THG) durch eine Verringerung der europäischen Agrarproduktion werden durch eine Erhöhung der THG-Emissionen der Landwirtschaft außerhalb der EU sowie durch Landnutzungswandel in der EU vollständig nivelliert.”

„ Eine Win-win-Situation für die ganze Gesellschaft ist möglich, erfordert aber eine smarte innovative Umsetzung durch die Politik. “
Prof. Christian Henning
Andere individuelle Farm-to-Fork-Maßnahmen, die auf eine pauschale Förderung spezieller Produktionstechniken – wie den „Ökologischen Landbau“ nach EU-Richtlinien – abzielen, seien nicht kosteneffizient, so Henning. Es gebe andere Maßnahmen, die mehr Ökosystemleistungen zu niedrigeren Kosten generieren könnten. Darüber hinaus ergebe sich bei anvisierter Umsetzung je nach Produktions- und Konsumstruktur eine stark asymmetrische Verteilung der Kosten- und Nutzen zwischen den EU-Ländern wie auch innerhalb der Landwirtschaft zwischen Tier- und Pflanzenproduzenten. Dennoch könnten sich Chancen für alle Seiten ergeben.

Verbraucher kostet es 10 % ihre Pro-Kopf-Einkommens

So steigerten die kompletten Farm-to-Fork-Maßnahmen die Ökosystemleistungen, wie Wasser- und Klimaschutz, in allen EU-Mitgliedstaaten und gleichzeitig könnte laut Studie das Einkommen der EU-Landwirtschaft sogar um bis zu 35 Mrd. € jährlich steigen. „Aus Sicht der Verbraucher lohnt sich der Green Deal, solange der Nutzenwert des erhöhten Klima- und Wasserschutz sowie der gesteigerten Biodiversität höher ist als die Anpassungskosten von 157 Euro pro Kopf und Jahr“, führt Henning weiter aus. Die berechneten Anpassungskosten von 157 € entsprechen 0,3 Prozent des Pro-Kopf-Einkommens in der EU. Tatsächlich schätzt die Studie, dass EU-Verbraucherinnen und -Verbraucher bis zu 10 Prozent ihres Pro-Kopf-Einkommens für die gesamte Umsetzung der Green Deal-Ziele zahlen würden. Dies impliziert ein Nachfragepotenzial nach Ökosystemleistungen der Landwirtschaft von rund 320 Mrd. € oder 715 € pro Kopf und Jahr. Laut der Studie wird dieses Potenzial aber in der aktuellen Umsetzung der Farm-to-Fork Strategie noch nicht voll umgesetzt.

Der Markt allein setzt falsche Anreize

„Grundsätzlich birgt die Farm-to-Fork-Strategie Potenzial für Landwirte und die gesamte Gesellschaft. Allerdings ist hierfür eine innovative agrarpolitische Umsetzung erforderlich. Eine bürokratische Vorgabe spezieller Technologien ist nicht zielführend, da diese Unternehmeranreize blockiert bzw. falsch setzt. Umgekehrt führt der Markt allein ebenfalls zu den falschen Anreizen, da wichtige Ökosystemleistungen wie Wasser- und Klimaschutz über den Markt nicht hinreichend honoriert werden können. Wir brauchen politische Steuerungsmechanismen, die gesellschaftliche Bedürfnisse in korrekte Anreize für die Landwirte übersetzen. Gleichzeitig sollten auch auf der Verbraucherseite Anreize geschaffen werden, nachhaltige und gesunde Lebensmittel ohne übermäßige Verschwendung zu konsumieren“, resümiert Studienleiter Henning.

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