Prof. Alfons Balmann
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Der Geschäftsführende Direktor des Leibniz-Instituts für Agrarentwicklung in Transformationsökonomien (IAMO), Prof. Alfons Balmann, über die gegenwärtig stellenweise katastrophale Lage in der ukrainischen Landwirtschaft, die Modernisierung der Betriebe in den vergangenen Jahren sowie die Gefahren des Krieges für die internationale Nahrungsmittelversorgung.

Frage: Herr Prof. Balmann, was wissen Sie über die derzeitige Situation der ukrainischen Landwirtschaft?
Prof. Alfons Balmann: Die Lage ist regional sehr unterschiedlich. Während man im Westen des Landes noch versucht, die Frühjahrsbestellung wie geplant durchzuführen, hat man in anderen Teilen des Landes aufgegeben, überhaupt zu wirtschaften. Letzteres betrifft insbesondere die vom Einmarsch betroffenen Gebiete, wie im Norden die Regionen Tschernihiw und Sumy, aber natürlich auch den Osten und Süden. Hier finden intensive Kämpfe statt und die Betriebe sind bestenfalls damit beschäftigt, Anlagen, Maschinen und Vorräte zu schützen, und sofern möglich, die Tiere notdürftig zu versorgen.

Frage: Wo stand die ukrainische Landwirtschaft vor Kriegsbeginn?
Prof. Alfons Balmann: Die ukrainische Landwirtschaft hat sich in den vergangenen Jahren enorm modernisiert. Das gilt insbesondere für viele Großbetriebe. Im Rahmen dieser Modernisierung wurden nicht nur die Erträge enorm gesteigert, sondern es wurde Spitzentechnologie beschafft; die Betriebe sind in einem hohen Grad digitalisiert und Abläufe optimiert. So ist es gelungen, dass manche Marktfruchtunternehmen mit einem PS-Besatz von 0,5 PS/ha für Traktoren, Spritzen und Mähdrescher auskommen. Für Erschwernisse wie derzeit sind die Unternehmen aber nicht ausgelegt.


Frage:
Was bedeutet das?
Prof. Alfons Balmann: Man hat sich zwar auf den Ausfall vom Mobilfunk, eine erschwerte Logistik oder einen Teilausfall von Arbeitskräften durch die Landesverteidigung vorbereitet, aber nicht auf diese Dimensionen der Zerstörung und auch nicht auf die Mobilisierung der gesamten Bevölkerung für die Verteidigung. Entsprechend geht es in den umkämpften Gebieten bestenfalls um den Schutz der Anlagen und Vorräte sowie die Notversorgung der Tiere. Treibstoff wurde dort weitgehend entweder an die Armee abgegeben oder vernichtet.

„Aktuell ist in der Ukraine nicht an wissenschaftliche Arbeit zu denken.“
Prof. Alfons Balmann, 

Frage: Wie sieht es in den nachgelagerten Bereichen aus?

Prof. Alfons Balmann: Kritisch. Verarbeitung und Handel sind in einer äußerst problematischen Situation. Milch etwa kann in den umkämpften Gebieten nicht mehr verarbeitet und bestenfalls an die Bevölkerung verteilt oder an Tiere verfüttert werden. Hierbei ist jedoch zu berücksichtigen, dass nach wie vor ein Großteil der Milch in Hauswirtschaften mit ein oder zwei Kühen produziert wird, die ohnehin nur einen geringen Teil ihrer Milch an Molkereien liefern, sondern diese lokal vermarkten oder selber konsumieren. Zum Erliegen gekommen ist natürlich auch der internationale Handel. Nach wie vor lagern in den Silos im Landesinneren etliche Millionen Tonnen Getreide, insbesondere Mais, die für den Export bestimmt waren.

Frage: Ist die Frühjahraussaat nach Ihren Informationen in größerem Umfang gefährdet?
Prof. Alfons Balmann: Ja, und zwar in erheblichem Maße. Die Ukraine produziert ja neben Winterweizen vor allem Mais, Sonnenblumen und Soja, sowie die Hauswirtschaften Kartoffeln. Entsprechend gibt es in den umkämpften Gebieten wohl kaum noch Möglichkeiten. Aber auch für weite andere Teile in der östlichen Landeshälfte ist die Sicherheitslage für die Feldarbeit problematisch. Und selbst bei einem baldigen Waffenstillstand wäre kaum damit zu rechnen, dass die Aussaat halbwegs ordnungsgemäß erfolgen kann. Gleiches gilt für die erforderliche Düngung, etwa des Weizens. In der Westhälfte ist noch vieles potentiell möglich, aber die Herausforderungen der Beschaffung von Diesel und Dünger sind erheblich, erfordern eine Finanzierung und bis zur Ernte ist es ein weiter Weg. Entsprechend folgen die laufenden Arbeiten vermutlich eher einem Prinzip Hoffnung als dass optimale Erträge angestrebt werden.

Frage: Die ukrainische Landwirtschaft ist von Großunternehmen geprägt. Wie ist deren Bedeutung für die Agrarerzeugung des Landes?
Prof. Alfons Balmann: In der ukrainischen Landwirtschaft müssen wir vor allem drei Arten von Betrieben unterscheiden: Hauswirtschaften, selbständige Großbetriebe mit bis zu 10.000 Hektar sowie Agroholdings mit 10.000 bis etwa 500.000 ha. Insbesondere die letzte Gruppe bewirtschaftet etwa 20 bis 25 Prozent der Ackerfläche in der Ukraine und erzielt etwa 20 Prozent höhere Erträge als die selbständigen Großbetriebe, die jedoch in den letzten Jahren partiell aufgeholt haben. Gerade die Agroholdings haben in den vergangenen zehn Jahren erheblich zur Modernisierung der Landwirtschaft beigetragen und sind vielfach Vorreiter für Innovationen, etwa im Bereich der Digitalisierung. Allerdings gehen Modernisierung, Ertragssteigerungen und Rentabilität nicht Hand in Hand, sondern erfolgen jeweils mit einem gewissen Zeitverzug. Dennoch waren einige der Holdings in den vergangenen Jahren äußerst rentabel. Anders als etwa in Deutschland genießen die Großunternehmen und Holdings eine hohe Wertschätzung in der Ukraine. Ländliche Regionen profitieren deutlich von stetig steigenden Pachtpreisen und Löhnen sowie dem sozialen Engagement der Unternehmen in den Dörfern. Die Akzeptanz wird auch durch die Sichtbarkeit der Unternehmen und ihrer Führungskräfte vor Ort und in den sozialen Medien, wie etwa Facebook, befördert.

Frage: Wie kommen die Großunternehmen mit dem zunehmenden Mangel an Personal und Diesel zurecht?
Prof. Alfons Balmann: Trotz der letztlichen Überraschung des tatsächlichen russischen Angriffs am 24. Februar haben sich viele Unternehmen in den vergangenen Monaten auf den Ernstfall vorbereitet. Allerdings weniger auf die tatsächliche Brutalität und Zerstörung, die ja vor allem die umkämpften Gebiete betrifft. Gerade in den umkämpften Gebieten fehlt jede Möglichkeit überhaupt zu wirtschaften. Anders sieht es in den Regionen aus, die noch nicht umkämpft sind. Allerdings stellen sich hier zumeist andere Fragen als die optimale Bewirtschaftung der Flächen. Zum einen sind die Unsicherheiten zu groß. Niemand weiß, was in den nächsten Wochen passieren wird. Zum anderen geht es aktuell darum, wie man kurzfristig zur Versorgung des Landes und insbesondere der Städte sowie des Militärs und der Freiwilligen beitragen kann. Wenn sich Möglichkeiten etwa zur Frühjahrsbestellung ergeben, wird man gerade in den zentralen Gebieten der Ukraine improvisieren müssen. Das heißt, selbst wenn es gelingt Diesel, Saatgut und Dünger zu beschaffen, muss alles auch zum richtigen Ort kommen. Und dann stellt sich die Frage der Schlagkraft, denn auch Verzögerungen haben ihren Preis.

Frage: Derzeit scheint die Aufrechterhaltung der tierischen Erzeugung nach den vorliegenden Informationen zunehmend schwieriger zu werden. Wie schätzen Sie das ein?
Prof. Alfons Balmann: Hier muss man sehr nach Tierarten unterscheiden. Die Rinder- und Schweinehaltung ist in den vergangenen Jahrzehnten deutlich zurückgegangen. Vor allem die Milchproduktion findet überwiegend in den Hauswirtschaften statt. Betroffen sind von den Problemen besonders die Betriebe und Haushalte in den umkämpften Gebieten und dort insbesondere die vergleichsweise wenigen großen Betriebe, die noch aktiv Schweine und Rinder und insbesondere Milchkühe halten. Ein besonderer Problembereich betrifft die Geflügelhaltung, die enorm gesteigert wurde und nun etwa 57 Prozent der gesamten Fleischerzeugung umfasst. Diese ist überwiegend industriell organisiert und zu einem wesentlichen Teil auf das Unternehmen MHP konzentriert. Zwar wirtschaftet MHP hauptsächlich in bisher nicht extrem betroffenen Regionen, aber diese sind wie in der Region Winnyzja potentiell gefährdet, das gilt vor allem, wenn die Infrastruktur und etwa die Stromversorgung ausfallen sollte. Eine besondere Tragödie scheint sich in einer der größten europäischen Legehennenhaltungen mit etwa 3 Millionen Hühnern bei Cherson abgespielt zu haben, die bereits Anfang März wegen der Kriegsaktivitäten nicht mehr mit Futter versorgt werden konnte. Ähnliches wird aus der Region Charkiw berichtet.

„Die Herausforderungen der Beschaffung von Diesel und Dünger sind erheblich. “
Prof. Alfons Balmann, 

Frage: Funktionieren die Logistikketten noch?

Prof. Alfons Balmann: Die Logistik in der Ukraine war schon in Friedenszeiten ein Engpass. Das gilt gerade für Getreidetransporte zu den Exporthäfen, was man etwa daran erkennen kann, dass die Frachtraten in Jahren mit hohen Erträgen regelmäßig enorm anstiegen. Allerdings sind die Häfen derzeit ohnehin nicht erreichbar. Im Moment kommt hinzu, dass durch Kontrollstationen auf den großen Straßen der Verkehr erheblich beeinträchtigt wird. Entsprechend sind erhebliche Schwierigkeiten zu erwarten, etwa den in der Ukraine vorhandenen, aber knappen Dünger zu den Betrieben zu transportieren, die ihn tatsächlich nutzen können. Das gilt umso mehr, weil offensichtlich auch Düngemittelfabriken geschlossen wurden. Für Diesel sieht es nicht anders aus.

Frage: Welche Probleme ergeben sich aktuell in der Versorgung der ukrainischen Bevölkerung mit Lebensmitteln?
Prof. Alfons Balmann: Versorgungsprobleme bestehen natürlich vor allem in den Kriegsgebieten und insbesondere in den weitgehend umzingelten oder belagerten Städten, wie Mariupol und Charkiw. Entlastet wird die Situation einerseits durch die große Solidarität innerhalb des Landes und dadurch, dass sehr viel improvisiert wird und andererseits durch die Fluchtbewegungen aus den Städten in ländliche Gebiete sowie in Richtung der Westukraine und der westlichen Nachbarländer. Die Frage ist allerdings, wie lange die improvisierten Versorgungsketten funktionieren werden.

Frage: Was würde es bedeuten, sollte die Ukraine als Getreideproduzent und -exporteur in diesem Jahr weitgehend ausfallen?
Prof. Alfons Balmann: Leider muss man davon ausgehen, dass die Ukraine in diesem und dem nächsten Jahr weitgehend als Exporteur ausfällt. Wir reden hier über beträchtliche Mengen, die selbst im Dürrejahr 2020 etwa 45 Mio. t an Getreideexporten ausmachten. Mit fast 7 Mio. t trug die Ukraine zu gut 50 Prozent des internationalen Handels mit Sonnenblumenöl bei. Etwa zwei Drittel der Exporte gehen nach Asien und Afrika, etwa ein Drittel nach Europa. Sorgen machen muss man sich insbesondere über die bereits drastisch gestiegenen Weizenpreise, die natürlich vor allem viele ärmere Länder treffen. Neben dem Ausfall für die direkte menschliche Ernährung werden vor allem auch die Märkte für Futtermittel betroffen sein. Das gilt insbesondere für Mais sowie GVO-freie Eiweißfuttermittel. Davon werden nicht zuletzt auch die ohnehin stark gebeutelten Tierhalter in Deutschland betroffen sein.

Frage: Sollte das ukrainische Getreideaufkommen künftig in russischer Hand liegen - was wären die Folgen?
Prof. Alfons Balmann: Das ist natürlich eine spekulative Frage. Allerdings sollte man sich bewusst sein, dass die ukrainische Landwirtschaft nicht erst seit dem jetzigen Krieg sehr westlich orientiert ist. Auch wenn die großen ukrainischen Agrarholdings überwiegend im Eigentum von Ukrainern sind, haben viele ihren offiziellen Firmensitz in der EU, wie etwa in Luxemburg. Zudem gibt es eine besondere Mentalität. In der Ukraine sagen viele Vertreter der Landwirtschaft, dass der Unterschied zwischen der russischen und ihrer Landwirtschaft darin liege, dass in Russland Politik bestimmen würde und bei ihnen Business. Man ist froh, eine Nullsummenproblematik überwunden zu haben, bei der man durch Korruption nur gewinnen konnte, was andere verlieren. Stattdessen herrscht Stolz darüber, was man in den letzten Jahren selber aufgebaut hat. Das zeigt sich etwa sehr deutlich auch in der engen Zusammenarbeit zwischen den großen Agrarunternehmen und deren Partnern in Vorleistung und Handel. Ich kann mir nicht vorstellen, dass diese Motivation bei einer russischen Besatzung aufrechterhalten würde. Hinzu kommt jetzt eine tiefe Abneigung. Daher wäre zu erwarten, dass viele führende Köpfe abwandern. Ihren internationalen Marktwert dürften diese Leute kennen.

Frage: Derzeit weiß niemand, welche mittel- und langfristigen Folgen die „Zeitenwende“ durch den russischen Angriff auf die Ukraine für die globale Agrarwirtschaft und den internationalen Agrarhandel hat. Was hoffen Sie, was befürchten Sie?
Prof. Alfons Balmann: Ich hoffe sehr, dass es in Russland ein Einsehen gibt, dass man in der Ukraine nur verlieren kann und sich zurückzieht. Wenn das passiert, kann ich mir bei entsprechendem Zugang zu Krediten vorstellen, dass in der ukrainischen Landwirtschaft innerhalb weniger Jahre ein zügiger Wiederaufbau erfolgt. Zu befürchten ist vor allem ein Szenario, bei dem die Ukraine besetzt werden würde. Denn dann gäbe es möglicherweise auf absehbare Zeit kaum jemanden, der dort mit entsprechendem Elan das bisher Erreichte wiederaufbauen möchte. Und das hätte längerfristig erhebliche Auswirkungen auf die internationale Nahrungsmittelversorgung.

Frage: Das IAMO arbeitet seit vielen Jahren mit agrarwissenschaftlichen Einrichtungen in der Ukraine zusammen. Wie hat sich das gestaltet?
Prof. Alfons Balmann: Die Zusammenarbeit mit wissenschaftlichen Einrichtungen hat sich grundsätzlich positiv entwickelt. Zahlreiche intensive Projektpartnerschaften und Netzwerke konnten im Rahmen verschiedener Projektinitiativen etabliert beziehungsweise ausgebaut werden. Allerdings ist die Art der Zusammenarbeit nicht mit der westlicher Partnereinrichtungen vergleichbar. Dies gilt im Übrigen gleichermaßen für Forschungseinrichtungen anderer Länder der früheren Sowjetunion. Statt gemeinsamer wissenschaftlicher Forschung ging und geht es zumeist eher um Wissenstransfer, insbesondere durch Qualifizierung von Nachwuchswissenschaftlerinnen und -wissenschaftlern. Problem all dieser Länder ist nach wie vor, dass die Universitäten unter erheblichen strukturellen und finanziellen Defiziten leiden. Die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler sind oftmals mit Lehraufgaben überfrachtet und die Gehälter an den dortigen öffentlichen Einrichtungen sind nicht mit dem Lohnniveau in westeuropäischen Ländern oder der dortigen lokalen Privatwirtschaft vergleichbar. Das IAMO ist daher in den vergangenen Jahren dazu übergegangen, sich insbesondere an ausgewählten „Leuchtturmprojekten“ zu beteiligen, wozu sich vor allem die Ukraine als freies und aufstrebendes Land anbot. Konkret haben wir an Plänen zur Etablierung einer festen Arbeitsgruppe in Kiew gearbeitet, die in der Lage ist, auf internationalem Niveau zu forschen und zu lehren. Neben Universitäten hat das IAMO in den vergangenen 10 Jahren aber auch intensiv mit Politik, Verbänden und Wirtschaft kooperiert. Dies umfasst insbesondere auch unser Engagement im Rahmen des bilateralen Kooperationsprojektes Deutsch-Ukrainischer Agrarpolitischer Dialog.

Frage: Ist die Zusammenarbeit derzeit vollends zum Erliegen gekommen?
Prof. Alfons Balmann: Aktuell ist in der Ukraine nicht an wissenschaftliche Arbeit zu denken. Die Einrichtungen ebenso wie ihre Mitarbeitenden stehen gerade vor existenziellen, lebensbedrohlichen Herausforderungen. Wir als Institut stehen in enger Verbindung mit zahlreichen Kooperationspartnern und Freunden in der Ukraine. Derzeit loten wir beispielsweise die Möglichkeiten aus, wie wir über die Vergabe von Stipendien ukrainischen Forschenden kurzfristig Perspektiven in Deutschland anbieten können.

Frage: Wie viele ukrainische Wissenschaftler waren im Laufe der Jahre am IAMO tätig?
Prof. Alfons Balmann:  Seit der Gründung 1995 waren etwa 25 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler am IAMO beschäftigt oder erhielten Stipendien. Nicht mitgezählt sind dabei Hilfskräfte, Praktikanten und Gastaufenthalte. Allein in den vergangenen 20 Jahren hatten wir etwa 100 Gastaufenthalte von ukrainischen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern, die teilweise mehrere Monate am Institut tätig waren.

Frage: Welche Funktionen nehmen IAMO-Ehemalige in der ukrainischen Landwirtschaft wahr?
Prof. Alfons Balmann: Leider haben wir hier keine umfassende Datengrundlage. Die Gastwissenschaftlerinnen und Gastwissenschaftler sind jedoch ganz überwiegend an Universitäten und Akademieinstituten tätig. Auch haben wir einen regen Austausch mit dem Ukrainian Agribusiness Club, der 2008 von unserem ehemaligen Mitarbeiter Alex Lissitsa gegründet wurde und dessen jetziger Geschäftsführer Roman Slaston auch bereits am IAMO tätig war. Anders sieht es bei vielen ehemaligen Beschäftigten und Stipendiatinnen und Stipendiaten aus, die etwa im Rahmen ihrer Tätigkeit am IAMO promoviert haben. Die haben lange Zeit eher gezögert, überhaupt in die Ukraine zurückzugehen. Die Arbeitsbedingungen an den Universitäten waren und sind mit Blick auf Struktur, Bezahlung und Entwicklungsmöglichkeiten leider nach wie vor für international ausgebildete Nachwuchswissenschaftler vergleichsweise unattraktiv. Lange Zeit galt das auch für öffentliche Verwaltung und Wirtschaft. In den letzten Jahren haben sich nicht zuletzt im Zuge des Assoziierungsabkommens mit der EU neue Perspektiven in Politik und Wirtschaft aufgetan. Auch haben sich einige vielsprechende Initiativen in der Forschung und Lehre entwickelt, wie etwa an der international ausgerichteten Kyiv School of Economics.

Frage: Verfügen Sie aktuell über Kontakte zu Kooperationspartnern in der Ukraine sowie zu ehemaligen ukrainischen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern?
Prof. Alfons Balmann: Ja. Vor allem über die sozialen Medien stehen wir in engem Kontakt. Viele unserer Mitarbeitenden haben enge persönliche und familiäre Kontakte in die Ukraine. Diese Kolleginnen und Kollegen - aber auch viele andere - kümmern sich intensiv um Flüchtende oder engagieren sich anderweitig in dieser Ausnahmesituation.

Frage: Was wissen Sie über deren Lebensumstände?
Prof. Alfons Balmann: Natürlich bekomme ich in diesen Tagen, wie auch viele andere Kolleginnen und Kollegen, die in engem Kontakt mit Projektpartnern, Angehörigen und Freunden in der Ukraine stehen, erschütternde und bedrückende Nachrichten zu den Lebensumständen. Aber letztlich lassen sich diese persönlichen Eindrücke nur schwer verallgemeinern. Gerade in den umkämpften Gebieten oder auch in Städten wie Kiew und Zhytomyr sowie deren Umgebung sorgen Bomben- und Raketenangriffe für eine stetige Verunsicherung und die Menschen verbringen viel Zeit in Schutzkellern. Viele sind auf der Flucht, und Familien werden zerrissen.

Frage: Wie stellt sich nach Ihren Informationen die Lage an den ukrainischen Universitäten dar, mit denen Sie in Kontakt stehen?
Prof. Alfons Balmann: Besonders hart betroffen sind unsere Kooperationspartner in Melitopol und Sumy, wo intensive Kampfhandlungen stattfinden. In Sumy etwa war die Agraruniversität nach Bombenangriffen von einem Zusammenbruch der Infrastruktur betroffen und es mussten Notmaßnahmen ergriffen werden, um die Tiere in ihren Versuchsbetrieben weiter versorgen zu können. Viele Studierende dort haben ihre Unterkünfte und Wohnheime verlassen und sind zurück zu ihren Familien oder auf der Flucht. Teilweise waren sie eingekesselt. Das traf übrigens auch viele Studierende aus Asien oder Afrika, die in den letzten Tagen evakuiert werden konnten. Aktuell bestehen auch besonders große Sorgen um unsere vielen Partnereinrichtungen in Kiew. AgE

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