Vieh hält sich in virtuellen Grenzen

Freiheit für die Kuh: Apps und elektronische Halsbänder könnten bald konventionelle Weidezäune ersetzen.
IMAGO / Countrypixel
Freiheit für die Kuh: Apps und elektronische Halsbänder könnten bald konventionelle Weidezäune ersetzen.
Artikel anhören
:
:
Info
Abonnenten von agrarzeitung Digital können sich diesen Artikel automatisiert vorlesen lassen.

Die moderne Nutztierhaltung ist hochgradig spezialisiert und intensiviert. Smart Farming könnte der Weidehaltung jedoch eine Renaissance bescheren. Zukäufe von Futtermitteln könnten dadurch wegfallen.

Eine sachgerechte und effiziente Weidenutzung kann derzeit nur durch eine zeit- und kostenintensive Zäunung realisiert werden. Denn übliche Weidezäune sind starre Systeme. Für eine optimale Weidenutzung – mit kurzen Beweidungszeiten und schnellen Umtrieben zwischen den Flächen – sind diese nur schwer einsetzbar. Die seit Jahren fehlende technologische Innovation in der Weidewirtschaft macht die Freilandhaltung wenig konkurrenzfähig.

Um hier Abhilfe zu schaffen, hat sich der Forschungsverbund „GreenGrass“ formiert, der vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) im Rahmen des Programms „Agrarsysteme der Zukunft“ mit insgesamt 5,5 Mio. € für fünf Jahre gefördert wird. Das Konsortium aus interdisziplinären Wissenschaftlern von sieben deutschen Universitäten, zwei Praxispartnern der Agrartechnik und dem Grünlandzentrum Niedersachsen/Bremen will durch die Entwicklung und Einführung neuer Technologien die landwirtschaftliche Tierhaltung nachhaltig und tiergerechter gestalten.


Zur Seite steht den Forschern eine Vielzahl von strategischen Partnern aus Landwirtschaft, Naturschutz, der verarbeitenden und vermarktenden Industrie sowie der Veterinärmedizin. Durch die Entwicklung und Anpassung von Smart-Farming-Technologien wollen die Wissenschaftler innovative Weidesysteme schaffen und auf ihre ökonomische und ökologische Tragfähigkeit prüfen.

Die Zukunft wird smart

Zum Einsatz kommen dabei flexibel einsetzbare virtuelle Zäune. Diese Systeme bestehen in erster Linie aus einem Halsband, das die Tiere tragen. Bei Annäherung an eine unsichtbare, im Vorfeld per App und Satellitenkarte festgelegte Grenze sendet das Halsband akustische Warnsignale. Versucht das Tier, das durch den virtuellen Zaun begrenzte Flächenstück der Weide dennoch zu betreten, stößt das Halsband einen kurzen elektrischen Impuls aus. Die Stromstärke beträgt dabei nur ein Zehntel der eines konventionellen elektrischen Weidezauns.

„Nach einer kurzen Lernphase haben die Rinder mehrheitlich die Abmessungen des virtuellen Zauns anhand des Warntons erlernt, und sie passen sich auch bei räumlicher Verschiebung der Fläche innerhalb weniger Stunden an“, sagt Projektkoordinatorin Dr. Juliane Horn von der Abteilung Graslandwissenschaft der Universität Göttingen. Negative Effekte des virtuellen Zäunens auf die Aktivität und das Verhalten der Tiere wurden bislang nicht festgestellt. „Nach wenigen Tagen liefen die Tiere nur noch bis zum Piepton – und nicht mehr bis zum Stromimpuls“, so Horn.

Doch damit sind die Möglichkeiten noch längst nicht ausgeschöpft. Die Wissenschaftler von „GreenGrass“ arbeiten auch daran, mittels Drohnenbildern detaillierte Informationen über den Zustand der Weideflächen zu erhalten. So könnte man Kühe halten, ohne auf zugekaufte Futtermittel angewiesen zu sein – und gleichzeitig ökologisch sensible Bereiche und Habitatstrukturen schützen. „Durch die Möglichkeit, virtuelle Zäune räumlich und zeitlich variabel zu setzen, kann die strukturelle und biologische Vielfalt des Grünlands verbessert werden“, sagt Juliane Horn. So könnten gezielt Altgrasstreifen oder Nistplätze für bodenbrütende Vögel gefördert werden.
    stats