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Eine Systemtransformation im Agrar- und Ernährungssektor ist dringlich. Darin sind sich alle Vertreter aus Wirtschaft, Wissenschaft, Politik und Nichtregierungsorganisationen auf dem Zukunftsdialog Agrar & Ernährung einig. Eine Reduktion des Fleischkonsums, Biodiversität und Klimaschutz dürfen aber nicht aus den Augen verloren werden.

In diesem Jahr hat sich die Situation durch den Krieg in der Ukraine um einen Faktor erweitert, welcher bei zukünftigen Weichenstellungen zu berücksichtigen ist. Die Konsequenzen diskutierten Teilnehmer des 9. Zukunftsdialogs Agrar & Ernährung 2022 von agrarzeitung (az) und DIE ZEIT in dieser Woche in der Alten Münze in Berlin. Einigkeit bestand darin, dass die Ernährungssicherheit zwar mehr Aufmerksamkeit braucht, aber trotzdem Ziele wie Biodiversität und Klimaschutz nicht vernachlässigt werden dürfen, wenn die Agrarbranche zukunftsfähig gestaltet werden soll. Details werden aber in Wirtschaft, Wissenschaft, Politik und Nichtregierungsorganisationen durchaus kontrovers diskutiert.

Die Weichen müssen so gestellt werden, dass die Landwirtschaft mehr Planungssicherheit erhält. Gleichzeitig dürfen die knappen natürlichen Ressourcen nicht noch stärker strapaziert werden. Außerdem sind weitere Ziele, die die Landwirtschaft erfüllen soll, hinzugekommen. Dazu zählen beispielsweise Biodiversität, Gesundheit, Klimaschutz und Tierwohl. Mit der Verknappung steigt die Dringlichkeit für eine Systemtransformation.

Politischer Gestaltungswillen gefordert

Um diese Herausforderungen zu bewältigen, empfahl Lukas Fesenfeld, Klimaforscher an der Universität Bern sowie Dozent an der ETH Zürich, ein Bündel von Maßnahmen. „Die rasche Reduktion des Fleischkonsums, der Lebensmittelabfälle sowie des Anbaus von Energiepflanzen für die Herstellung von Bioethanol spielen eine besonders wichtige Rolle“, so Fesenfeld. Für eine umfassende Transformation des Ernährungssystems müssten rasch produktions- und konsumseitige Maßnahmen strategisch ineinandergreifen. Die kurzfristige Freigabe von Brachflächen sei dagegen keine ausreichende Lösung, so der Wissenschaftler. Vernetzung von Maßnahmen statt flächendeckende Brache.

Für Michael Wagner von der BASF-Agrarsparte wäre mehr Flexibilität anstatt starrer politischer Vorgaben wünschenswert, um die agrar- und umweltpolitischen Pläne der Bundesregierung umzusetzen. „Um das Dilemma zwischen Ernährungssicherheit und mehr Biodiversität sowie Klimaschutz zu lösen, brauchen wir weniger Ordnungsrecht, aber mehr Planungssicherheit und Flexibilität in der Umsetzung.“ Es sei nicht zielführend, wenn jeder landwirtschaftliche Betrieb flächendeckend 4 Prozent Brache auf seiner produktiven Ackerfläche anlegt. „Wir erreichen viel mehr für die Menschen und die Umwelt mit individuellen Managementplänen sowie der Förderung von vernetzten Biodiversitätsmaßnahmen und neuen Technologien“, so Wagner weiter.


Die Parlamentarische Staatssekretärin im Bundesumweltministerium, Bettina Hoffmann, betonte, dass es unter dieser Bundesregierung „sehr sicher“ Fortschritte im Klima- und Gewässerschutz geben werde. Den Willen, noch in dieser Legislatur neue Akzente zu setzen, gebe es in den grün geführten Ministerien.

Lidl setzt auf ambitionierte und erreichbare Ziele

Unter dem Motto „Reality-Check Handel und Verbraucher“ erklärte Christoph Graf, stellvertretender Geschäftsleiter im Einkauf bei Lidl Deutschland, wie Lidl einen nachhaltigeren Konsum und Produktion unterstützen will.  „Wir möchten Landwirt:innen keine unrealistischen Vorgaben zur Umsetzung von Nachhaltigkeitsstandards machen. Unsere Botschaft lautet, dass wir uns im Dialog mit der Landwirtschaft ambitionierte sowie erreichbare Ziele setzen wollen und einen realistischen Zeitplan mit unseren Partnern zur Umsetzung entwickeln. Somit stellen wir sicher, dass wir unsere Landwirte behutsam auf dem Weg zu diesen höheren Standards mitnehmen“, führte der studierte Betriebswirt aus, der beim Discounter verantwortlich für Food- Sortiment, Qualitätssicherung und Corporate Social Responsibility ist.

Suche nach Label für Nachhaltigkeit

Graf unterstrich darüber hinaus die Notwendigkeit eines Meta-Labels, unter dessen Dach alle Nachhaltigkeits-Auswirkungen transparent gemacht werden, und verwies auf die Pilotierung eines möglichen Kennzeichnungsansatzes in allen Berliner Lidl-Filialen seit vergangenem Jahr. Wie ein solches Meta-Label perspektivisch am Ende ausgestaltet sein könnte, könne er aufgrund der dynamischen Diskussion und Entwicklungen „aktuell nicht final beantworten“, sagte Graf. Der Discounter will grundsätzlich dazu beitragen, hierzulande und in der EU zeitnah eine Nachhaltigkeitskennzeichnung für Lebensmittel zu etablieren, um nach eigener Aussage möglichst hohe Nachhaltigkeitsstandards in der Lieferkette umzusetzen.
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