Ohne eine rechtzeitige Frühjahrsdüngung dürften die Weizenerträge in der Ukraine deutlich niedriger ausfallen.
Foto: IMAGO / ITAR-TASS
Ohne eine rechtzeitige Frühjahrsdüngung dürften die Weizenerträge in der Ukraine deutlich niedriger ausfallen.
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Vor drastischen Folgen für die globale Ernährungssicherheit warnt die Kiewer Hochschule für Ökonomie (KSE), sollte der Krieg in der Ukraine noch länger andauern. Viele Millionen Tonnen an Getreide und Ölsaaten fehlen in der internationalen Bilanz.

In einer aktuellen Analyse weisen die Ökonomen darauf hin, dass Weizen und Mais weltweit fast 30 % aller verzehrten Kalorien ausmachten. Die Ukraine exportierte bisher etwa 10 % des international gehandelten Weizens und etwa 16 % vom Mais. Nach den Berechnungen der Fachleute sind weltweit rund 400 Millionen Menschen von diesen Lieferungen abhängig, die meisten davon im Nahen Osten und Nordafrika.

Nur Hälfte der Vorjahresernte erwartet

Vor diesem Hintergrund stellen die Autoren der Analyse klar, dass große Produktions- und Exportausfälle in der Ukraine bereits nicht mehr zu verhindern seien. Zwar seien die Winterkulturen noch in einem guten Zustand, doch ohne eine rechtzeitige Frühjahrsdüngung seien deutlich kleinere Weizenerträge als in anderen Jahren unvermeidlich. Allerdings fehlten schon jetzt in den meisten Teilen des Landes Düngemittel und Treibstoff. Auch von den Sommerungen dürfe aus den gleichen Gründen nur ein Bruchteil in den Boden kommen, was das Aufkommen auch hier stark begrenze.

Die Einschätzung der Kiewer Ökonomen wird durch aktuelle Meldungen bestätigt. Nach Angaben vom Chefredakteur des ukrainischen Landwirtschaftsmagazins Zerno, Yuri Goncharenko, sind die Feldarbeiten im Norden, Süden und Osten des Landes praktisch zum Erliegen gekommen. Im Westen und in der Mitte der Ukraine seien die Arbeiten derzeit aber noch in vollem Gange. Goncharenko geht davon aus, dass die Ukraine unter diesen Bedingungen maximal die Hälfte der Vorjahresernte erzeugen kann.

Logistische Probleme verschärfen die Situation

Zusätzlich rechnet die KSE damit, dass angesichts der Ertragseinbußen und der zerstörten Verladekapazitäten an den Seehäfen sowie weiterer logistischer Probleme im kommenden Wirtschaftsjahr kaum mit nennenswerten Getreideausfuhren aus der Ukraine zu rechnen ist. Auch Russland dürfte nach ihrer Einschätzung weitgehend als Exporteur ausfallen. Im schlimmsten Fall bedeute dies, dass rund 60 Mio. t Weizen, 38 Mio. t Mais und 10,5 Mio. t Ölsaaten in der internationalen Versorgungsbilanz fehlen könnten.

Die Ökonomen befürchten deshalb eine „große humanitäre Krise“ mit hunderten Millionen betroffenen Menschen, sollten die Kriegshandlungen in der Ukraine noch weitere Monate andauern. Selbst danach sei nicht mit einer schnellen Normalisierung zu rechnen, heißt es in der Analyse. Die Experten gehen davon aus, dass die Ukraine zwei bis drei Jahre benötigen würde, um bei der Getreideerzeugung und den Ausfuhren wieder das Vorkriegsniveau zu erreichen. AgE

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