Geschäftsführer Christof Buchholz und Martin Courbier von "Der Agrarhandel e.V."
Quelle: Der Agrarhandel
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Der Bundesverband Agrarhandel in Berlin und der Verein der Getreidehändler der Hamburger Börse verschmelzen zu dem neuen Branchenverband „Der Agrarhandel“. Die Mitgliedsunternehmen beider Verbände beschließen die Fusion heute auf ihren Mitgliederversammlungen in Berlin.

Der Agrarhandel e.V. soll den Mitgliedern aus dem Bundesverband Agrarhandel (BVA) in Berlin und dem Verein der Getreidehändler der Hamburger Börse (VdG) künftig umfangreiche Facharbeit zum bundesweiten sowie internationalen Agrarhandel bieten sowie ein internationales Schiedsgericht und Rechtsberatung. Mit vereinter Kraft soll er sich noch besser in die öffentliche und politische Diskussion einbringen und die Interessen der Branche vertreten können. Der Agrarhandel wird Geschäftsstellen in Hamburg und Berlin unterhalten.

Die beiden bisherigen Verbandspräsidenten Rainer Schuler, geschäftsführender Gesellschafter der Beiselen GmbH, und Thorsten Tiedemann, Vorstandsmitglied der Getreide AG, führen den neuen Verband bis zu den ersten Wahlen im September 2022. Die Leitung der Geschäftsstellen übernehmen die bisherigen Geschäftsführer Martin Courbier (BVA) und Christof Buchholz (VdG). Alle Arbeitsstellen der beiden bisherigen Büros bleiben auch in dem neuen Verband vollständig erhalten. OD

Gemeinsam stärker

Interview mit den beiden Geschäftsführern Christof Buchholz und Martin Courbier über die Hintergründe.

Frage: Was versprechen Sie sich von der Fusion?
Martin Courbier: Unser Ziel ist in erster Linie eine stärkere Spitzenvertretung mit einem breiten fachlichen Profil. Gerade in Krisenzeiten zeigt sich, wie wichtig eine starke Interessenvertretung für alle im Agrarhandel tätigen Unternehmen ist. Natürlich geht es auch um Zukunftssicherung. Eine schrumpfende Branche verlangt nach Optimierung von Aufgaben, Prozessen und dem Heben von Synergien im Informationsangebot. Die Mitglieder erwarten ein gesteigertes Leistungsangebot für die Gesamtheit. Jeder Verband bringt ein individuelles Profil mit, welches das des anderen sehr gut ergänzt.

Christof Buchholz: Uns geht es in erster Linie darum, für die Mitglieder da zu sein. Beide Verbände haben eine lange Geschichte. Obwohl die Mitgliederstruktur der beiden Verbände unterschiedlich ist, sind die Interessen vergleichbar. Deswegen war die Zusammenlegungen für uns nur folgerichtig.

Frage: Doch wann entstand die Idee zu dieser Fusion? Gab es eine Initialzündung?
Christof Buchholz: Die Idee gibt es schon recht lange. Von den beiden Verbänden gingen immer mal wieder Vorstöße in diese Richtung. Im Januar 2020 haben wir schließlich angefangen, nicht nur darüber zu reden, sondern effektiv zusammen zu arbeiten. Wir haben einen gemeinsamen Auftritt bei Social Media entwickelt,  Veranstaltungen für unsere Mitglieder gemeinsam durchgeführt, wie beispielsweise Seminare unter dem Titel „Gut zu wissen im Agrarhandel“. Wir haben angefangen, auf fachlicher Ebene Synergien zu schaffen. Das machen wir nun seit rund zwei Jahren. Nun wollen wir im März verschmelzen.

Martin Courbier: Der Verschmelzung liegt ein klarer Auftrag aus beiden Mitgliederkreisen zu Grunde. Unser Erfolgsrezept lag aus unserer Sicht darin, dass wir dieses Projekt step by step angegangen sind. Stark verkürzt dargestellt haben wir mit einer Kooperationsvereinbarung begonnen, anschließend wöchentliche Team-Meetings etabliert  und am Ende stand die Verschmelzung. Wir haben das im Grunde so aufgebaut, wie auch Partnerschaften entstehen. Da wird nicht erst geheiratet, und dann lernt man sich kennen, sondern genau umgekehrt. In diesem gesamten Prozess hat das  Ehrenamt viel Vertrauen und Verantwortung in uns als Geschäftsführer gesetzt, wofür wir sehr dankbar sind.

Frage: Gibt es künftig eine Arbeitsteilung?
Christof Buchholz: Grundsätzlich werden wir gleichberechtigte Geschäftsführer sein. Weil Martin Courbier in Berlin sitzt, ist er natürlich viel näher an der deutschen Politik dran. Ich kenne dagegen die europäische Ebene sehr gut, weil ich in Brüssel gelebt habe. Ich werden mit dem Team den internationalen Aspekt, den Kontakt nach Brüssel und zu europäischen Verbände pflegen und intensivieren. Martin Courbier macht den Job in Richtung deutsche Politik.

Martin Courbier: In dieser ersten Phase werden wir beide uns auch noch einmal intensiver abstimmen, als in den vergangenen Wochen und Monaten ohnehin. Denn bekanntlich steckt der Teufel im Detail, so gilt es dann die Kommunikationsstrategie im Team zu etablieren und umzusetzen, Vorlagen abzustimmen, eine neue Homepage aufzusetzen und und und. Mit einem Verschmelzungbeschluss ist zwar schon sehr viel getan, aber eben noch nicht alles.

Frage: Welche Entwicklungen gibt es in der Branche?
Martin Courbier: Im Moment dreht sich fast alles um die schrecklichen Geschehnisse in der Ukraine und den damit für die Agrarmärkte verbundenen Folgen. Es geht um das Aufrechterhalten von Märkten und um Lieferketten, die bedroht sind. Unabhängig davon bleibt die entscheidende Frage dieses Jahrzehnts, die durch die derzeitige Krise noch lauter gestellt wird: Welche Art der Landwirtschaft und der Agrarwirtschaft wollen wir in Zukunft haben? Wollen wir Extensivierung, Intensivierung oder sollten wir nicht vielleicht mehr über eine intelligente Optimierung sprechen, die Klimaschutz und Produktivität vereint?


Christof Buchholz: Die Herausforderungen kommen ja einerseits aus Brüssel durch den Green Deal und die Farm-to-Fork- Strategie und auf nationaler Ebene durch die Ackerbau-Strategie und viele weitere politische Vorhaben. Der Strukturwandel hat in der Regel zur Konsequenz, dass wir weniger Unternehmen haben und diese Unternehmen größer werden. Das ist eine Entwicklung, die wir seit vielen Jahren sehen, und die ist auch nicht noch nicht am Ende. Deshalb haben wir uns als Verbände gefragt, wo wollen wir in fünf oder zehn Jahren stehen, wenn wir weiterhin die Branche effektiv vertreten wollen? Dieser Konzentrationsprozess oder Strukturwandel hängt nicht so sehr an der digitalen Veränderung wie wir einst dachten. Ich könnte mir vorstellen, dass durch das Lieferketten-Gesetz die Bedeutung der Rückverfolgbarkeit steigen wird und damit auch die digitalen Anforderungen an die Unternehmen, möglichst die Produkte bis zum Ursprung zurückverfolgen zu können. Der Strukturwandel ist eingetreten, aber nicht wie befürchtet aufgrund einer erhöhten Digitalisierung.
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