Exporterleichterungen für die Ukraine: Der Agrarhandel fordert eine priorisierte LKW-Abfertigung an den EU-Grenzen, eine Anhebung des zulässigen Gesamtgewichts von Getreidetransporten von jetzt 40 t auf 44 t in Deutschland sowie die Prüfungen phyto- und sanitärrechtlicher Zertifikate auf ein Minimum zu reduzieren.
imago/Photothek
Exporterleichterungen für die Ukraine: Der Agrarhandel fordert eine priorisierte LKW-Abfertigung an den EU-Grenzen, eine Anhebung des zulässigen Gesamtgewichts von Getreidetransporten von jetzt 40 t auf 44 t in Deutschland sowie die Prüfungen phyto- und sanitärrechtlicher Zertifikate auf ein Minimum zu reduzieren.
Artikel anhören
:
:
Info
Abonnenten von agrarzeitung Digital können sich diesen Artikel automatisiert vorlesen lassen.

Um die Ernährung weltweit für Mensch und Tier langfristig zu sichern, muss der technologische Fortschritt genutzt werden, fordern die im GrainClub organisierten Branchenverbände. Kurzfristig müssten für ukrainische Getreideexporte Lösungen gefunden werden. Konkrete Vorschläge haben die Agrarhändler in einem offenen Brief an die zuständigen Bundesministerien vorgelegt.

Der Krieg in der Ukraine hat im Agrarhandel und auf den globalen Agrarmärkten viel durcheinandergewirbelt. Da die Ukraine als wichtiger Weltmarktexporteur ausfalle, müsse diese Lücke durch andere Ursprünge kompensiert werden. „Offene Grenzen sind dafür nötig“, erklärte Thorsten Tiedemann, zweiter Vorsitzender des Branchenverbandes „Der Agrarhandel“ gestern während eines Pressegesprächs des GrainClubs in Berlin. Es sollten keine weiteren Handelshemmnisse aufgebaut werden. Stattdessen sollten Sorten, die beispielsweise mit Crispr-Cas gezüchtet worden sind, für den Import zugelassen werden. Für einen freien Handel plädierte auch Franz-Josef Holzenkamp, Präsident des Deutschen Raiffeisenverbandes (DRV) und GrainClub-Vorsitzender: „Freier Handel ist eine wichtige Voraussetzung für das Recht auf Nahrung.“ Nicht immer seien Agrarprodukte auch dort verfügbar, wo sie benötigt würden.

Koordinierungsstelle für die Ukraine gefordert

Die Logistik sei für den Agrarhandel zentral, sagte Rainer Schuler Präsident des Branchenverbandes „Der Agrarhandel“. So lagerten in der Ukraine schätzungsweise 15 bis 20 Mio. t Getreide, die nicht transportiert werden könnten, weil nur noch LKW und Bahn zur Verfügung stünden. „Da klemmt es hinten und vorne.“ 20 bis 30 km lange Staus an den EU-Grenzen erschwerten die Abwicklung. Er forderte mehr Unterstützung durch die Politik und den Aufbau einer nationalen Koordinierungsstelle. In einem Offenen Brief an die Bundesminister für Finanzen, Wirtschaft, Verkehr und Landwirtschaft unterbreitete der Verband eine Reihe von konkreten Vorschlägen, wie logistische Hürden kurzfristig gemeistert werden könnten.   

Zeitaufwändige Prüfungen phyto- und sanitärrechtlicher Zertifikate müssten auf ein Minimum reduziert werden. Auch eine Vorsortierung der LKW mit priorisierter Abfertigung sei sinnvoll. Darüber hinaus sollten weiter Getreidewaggons kurzfristig aktiviert werden. Für sinnvoll hält Schuler zudem eine Anhebung des zulässigen Gesamtgewichts von Getreidetransporten von jetzt 40 t auf 44 t in Deutschland. So könne schnell und unbürokratisch deutlich mehr Nutzlast auf die Straße gebracht werden. Denn die Läger in der Ukraine müssten für die neue Ernte dringend geräumt werden. Denkbar wäre als Zwischenlösung auch der Einsatz von Silobags oder Siloschläuchen, so Schuler.

Sorgen bereitet dem Verbandspräsidenten mit Blick auf die Versorgung mit Düngemitteln der Ausstieg aus günstigem russischen Erdgas. Ohnehin seien in Europa bereits Werke stillgelegt worden, weil sie unrentabel waren. Diese Entwicklung könnte sich durch die Umstellung auf teureres Flüssiggas fortsetzen und die europäische Düngemittelindustrie zum „kollabieren“ bringen. Global gesehen sei die Verfügbarkeit mit Betriebsmitteln wie Dünge- und Pflanzenschutzmittel kein Problem. Lediglich bei Pflanzenschutzmitteln machten sich Störungen der Lieferkette bemerkbar, da viel Mittelkomponenten oft in China produziert würden.

Für Produktionswachstum ist technischer Fortschritt zentral

Global sind die Agrarhändler mit Blick auf die neue Ernte und die Versorgungssicherheit mit Agrarprodukten zuversichtlich. Die Ohnehin schon, witterungsbedingte – etwa durch Dürre in Kanada - knappe Getreide- und Ölsaaten Bilanz wurde zwar durch die Ukraine-Situation verschärft, erläutert Jaana Kleinschmit von Lengefeld, Präsidentin des Verbandes der ölsaatenverarbeitenden Industrie in Deutschland (OVID). Aber das könnte kompensiert werden durch Flächenausdehnungen in anderen Ländern.

Langfristig sei aber die Ausdehnung von Flächen nur noch bedingt möglich, um die Ernährung global zu sichern, sagte Prof. Stephan von Cramon-Taubadel, Dekan der Agrarwissenschaftlichen Fakultät der Universität Göttingen. Das globale Produktionswachstum habe sich abgeschwächt und betrage nur mehr 2,1 %. In der konsequenten Nutzung des technischen Fortschritts liegt seiner Ansicht nach die Zukunft. Nur so könnten die Ziele Nachhaltigkeit und Produktivität verbessert werden.

Dies unterstrich auch der DRV-Präsident Holzenkamp. „Wir müssen uns auf technischen Fortschritt fokussieren, um beides – also Produktivität und Nachhaltigkeit - miteinander zu verbinden.“  Dafür bedarf es in Deutschland und Europa einer Offenheit gegenüber neuen Technologien wie Crispr-Cas oder Precision Farming, um die Aufwandmengen von Betriebsmitteln ohne Ertragsverluste zu senken.  

    stats