Wie viel Arbeit steckt eigentlich in einem reifen Kürbis oder einem Reiskorn? Der 27-jährige Agrarstudent Christian Genenger wollte dies nach einer Ausbildung zum Großhandelskaufmann genau wissen. „Back to the roots“, so lautete sein Motto, das ihn für ein Praxissemester in die Stadt Zentsuji im Südwesten Japans zog. Denn dort, so war er überzeugt, kann man besonders gut sehen, wie viel Handarbeit nötig ist. Schließlich gehören Hilfsmittel wie chemischer Pflanzenschutz und maschinelle Unterstützung noch nicht zum Standardrepertoire der japanischen Landwirtschaft. Auch in Japan gibt es einen Strukturwandel, er ist gewollt: Die durchschnittliche Betriebsgröße von 2 ha soll sich auf 20 ha erhöhen. Dafür empfiehlt die lokale Absatzgesellschaft, die eigenen Produkte mithilfe von Internetpräsenz selbst zu vermarkten.

Gut organisiert
Den Praktikumsaufenthalt in Japan, inklusive Visum, organisiert die Schorlemer Stiftung des Deutschen Bauernverbands mit der Partnerorganisation Japan Agricultural Exchange Council (JAEC). Dafür erhält diese rund 1700 €, darin enthalten sind Flüge und Sprachkurs. Die Arbeit der Praktikanten wird von den Betrieben entlohnt.
Bei der Familie Kondo, die eine 20 ha große Fläche mit Reis- und Gemüseanbau bewirtschaftet, lernte er Lauch und Salat zu ernten und Unkraut zu jäten. Alles mit bloßen Händen. Fünf Monate, von Ende April bis Ende September, verbrachte er im vergangenen Jahr damit, einem der vier japanischen Vorarbeiter nachzuarbeiten. Jedes Feld wird knapp dreimal pro Jahr bestellt, erzählt Genenger. Traktoren mit angehängter Bodenfräse sorgen dafür, dass der Boden aufgelockert wird, außerdem werden breite Erdwälle angehäuft, die gleichzeitig mit einer biologisch abbaubaren Folie überspannt werden. Diese Folie ist je nach Kultur mit Pflanzlöchern vorgestanzt. Anschließend müssen die Feldarbeiter ans Werk: Dann wird gepflanzt, gedüngt, gejätet und schließlich geerntet.

Die Serie „Praktikum im Ausland“ ist in der Ausgabe 15 gestartet. Reportagen finden Sie auf agrarzeitung.de.
„Trotz der geringen Betriebsgröße war die körperliche Arbeit hart“, meint Genenger. Seine Erfahrungen als Feldarbeiter in der Landwirtschaft will er nutzen, um später eine Brücke zwischen Landwirt und Einzelhandel bauen zu können. Denn in Zukunft, sobald er das Studium der Agrarwirtschaft an der Hochschule für Wirtschaft und Umwelt in Nürtingen-Geislingen abgeschlossen hat, sieht er sich eher im Handel verankert. „Einen Hof zu gründen oder zu übernehmen ist leichter, wenn man von klein auf landwirtschaftliche Erfahrungen sammeln konnte. Mir fehlt diese Erfahrung. Ein Gespür für den Handel habe ich bereits.“

Neben der intensiven Feldarbeit blieb trotzdem viel Zeit, um die japanische Kultur näher kennenzulernen. Genenger lernte die japanischen Kunst des Bogenschießens Kyodo. Die Mentalität der Menschen erlebte er im täglichen Miteinander. „Es ist wichtig, sensibel und zurückhaltend zu agieren, denn Hierar chien spielen eine große Rolle.“ Es ginge dabei allerdings nicht darum, das Gegenüber einzuschüchtern. Andere Sichtweisen ließen sich durchaus schildern. „Ich war überwältigt von der Neugierde und Freundlichkeit, gleichzeitig wurde ich sehr wachsam beobachtet“, schätzt er die Lage ein. Ein Blick über den Tellerrand lohnt sich. (has)
stats