Serie: Praktikum im Ausland

Berufswunsch mit Tier


„Ich liebe Tiere“, schwärmt die 25-jährige Agrarwissenschaftlerin Leonie Schmidt. Ursprünglich wollte sie deswegen Tiermedizinerin werden. Als klar wurde, dass dies nach dem Abitur wegen des hohen Numerus Clausus nur mit einiger Wartezeit klappen würde, suchte sie eine Alternative. Sie hat es nie bereut, den Sprung in die Landwirtschaft gewagt zu haben. Im Gegenteil, nach dem Bachelor entschied sie ohne lange zu zögern, praktische Erfahrungen als landwirtschaftliche Hilfskraft im Ausland zu sammeln. Dafür hatte sich die damals 23-jährige Leonie Schmidt ein Jahr als Auszeit vom Studium genommen. Ihre Reise ging ins niederländische Scherpenzeel. Dort lebte sie zuerst von Anfang März bis Ende August 2015 auf einem Schweinebetrieb. Anschließend zog sie um auf einen Milchviehbetrieb, ebenfalls für sechs Monate. Während des Studiums hatte sie bereits ein sechsmonatiges Praktikum auf einem Ackerbaubetrieb mit Sonderkulturen wie Erdbeere und Apfel gemacht. Danach war ihr klar, dass sie in dieser Branche nicht zu Hause ist, sodass sie im Ausland im Tierstall arbeiten wollte.
Gut organisiert
Den Praktikumsaufenthalt in den Niederlanden organisiert die Schorlemer Stiftung des Deutschen Bauernverbands mit der Organisation Stichting Uitwisseling. Die Arbeit der Praktikanten wird von den Betrieben entlohnt.


„Ich mochte es, dass mir mein Chef auf dem Milchviehbetrieb vom ersten Tag an die Verantwortung für den Abkalbebereich übertrug.“ Das habe sowohl ihr Selbstvertrauen gestärkt als auch das nötige Maß an Selbstständigkeit abverlangt. Mit einem positiven Endergebnis: Die Begeisterung für das Tier ist ihr nicht abhanden gekommen. Obwohl es sogar eine brenzlige Situation gab. Eines Morgens, kurz nachdem eine Kuh gekalbt hatte, wollte sie schauen, ob es ein Bullen- oder ein Kuhkalb war. Die enthornte Mutterkuh griff sie an und warf sie mit ihren „imaginären“ Hörnern gegen den Zaun. Ihr Chef sagte daraufhin, das Tier müsse beobachtet werden. Wenn sich nicht mit der Kuh arbeiten ließe, werde sie geschlachtet. Traumatisiert ist Leonie Schmidt jedoch nicht, was sie gut für die Arbeit mit Tieren wappnet. „Zu Hause arbeite ich mit Pferden, ich bin im Reitsport aktiv. Die Tiere erschrecken sich auch hin und wieder. Das gehört für mich dazu.“
Die Serie „Praktikum im Ausland“ ist in der Ausgabe 15 gestartet. Alle Reportagen finden Sie unter Karriere-News im Online-Portal.


Im Schweinestall hat sie neben ihrer Arbeit im Abferkelbereich dreimal einen „Tag der offenen Stalltür“ begleitet. Der Betriebsleiter des Schweinebetriebs wurde während ihres Aufenthalts Mitglied in der Organisation „Vallei boert bewust“, die sich in der Öffentlichkeitsarbeit engagiert. Zwischen fünf und zehn Verbraucher hätten pro Termin vorbeigeschaut, die jedes Mal Leonie Schmidt durch die Anlage führte. „Im ersten Moment sagten alle ‚Hier stinkt’s!‘.“ Anschließend hätten sich aber alle in die jungen Ferkel verliebt. Einige fragen allerdings, wie sie noch Schwein essen könne. Für Leonie Schmidt ist der Verzehr von Schweinefleisch neben der Arbeit im Stall kein Problem. „Ich sehe, wie die Kollegen mit den Tieren umgehen. Ich weiß, wie ich mit den Tieren umgehe“, erklärt sie ihr Vertrauen ins Tierwohl. Während die Leute in Overall und Gummistiefel gebannt lauschten, erklärte sie also den Zweck des Ferkelschutzkorbs. Darüber hinaus musste sie den Ferkeln aber trotzdem Achtsamkeit beibringen: Neu geborene Ferkel sperrte sie deshalb morgens für kurze Zeit in ihrem Ferkelnest ein, damit diese lernen, nicht unter der Mutter herzulaufen, wenn diese während des Fressens steht. Anschließend ließ sie die Ferkel wieder frei. Nach dieser Erfahrung weiß Leonie Schmidt sehr genau, was sie will: Fest steht, dass sie nach ihrem Masterabschluss weder im Ackerbau noch im Schweinestall arbeiten will. Die junge Frau will Milchviehbetriebe beraten. Neben der Kälberaufzucht interessieren sie automatische Melksysteme besonders. (has)
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