Nach meiner Ausbildung zur Hauswirtschaftlichen Betriebsleiterin hatte ich das Gefühl, ich müsste noch einmal eine andere Seite der Landwirtschaft sehen. Meine Liebe zur Milchwirtschaft und den Kühen brachte mich nach Neuseeland. Einem Land, in dem Milchvieh als Wirtschaftszweig für viele Einheimische noch eine große Rolle spielt. Gemeinsam mit einer Freundin machte ich mich also für fünf Monate auf den Weg in unser Abenteuer am anderen Ende der Welt.

Ich selbst bin nicht in der Landwirtschaft aufgewachsen. Meine Mutter stammt allerdings von einem Milchviehbetrieb und durch meinen Onkel, dem ich jeden Tag nach der Schule beim Melken geholfen habe, entwickelte ich ein feines Gespür für die Tiere. Natürlich haben auch Gruppen wie die Landjugend oder der Jungzüchterclub mein Interesse weiter gestärkt. Da ich aber von Haus aus keinen Betrieb hatte, habe ich mich für eine Ausbildung zur Hauswirtschafterin entschieden. Die Landwirtschaft wollte ich aber nie aus den Augen verlieren.

Gut organisiert
Den Praktikumsaufenthalt in Neuseeland, inklusive Visum, organisiert die Schorlemer Stiftung des Deutschen Bauernverbands gemeinsam mit der Partnerorganisation Rural Exchange New Zealand (Renz). Da viele Farmen an die Organisation Renz angeschlossen sind, lohnt es sich, Kontakte über den DBV zu knüpfen. Die Flüge habe ich selbst organisiert. Für die Arbeit auf dem Betrieb wurde ich mit rund 15 NZ-$/Stunde entlohnt. Am Ende des Praktikums überweist die Stiftung eine Pauschale von 600 €, sobald man einen Praktikumsbericht vorlegt.
Als ich schließlich auf der saftig grünen Südinsel Neuseelands ankam, bemerkte ich schnell, dass die Landwirtschaft dort noch eine ganz andere Bedeutung hat als in Deutschland: Denn neben dem Tourismus ist die Landwirtschaft das größte Standbein Neuseelands. Durch die Vegetationszeiten ist es den Landwirten in Neuseeland möglich, ihre Tiere ganzjährig auf Weiden zu halten. Außerdem wird dort im Gegensatz zu Deutschland gar nicht schlecht über Landwirte gesprochen. Vielmehr arbeiten die meisten selbst in der Landwirtschaft und helfen sich gegenseitig. Die Neuseeländer gehen alles viel gelassener an und auch die Milchwirtschaft ist da viel einfacher gestrickt als hierzulande. Der Inselstaat ist bekannt dafür, dass viele junge Menschen dort für einige Zeit in der Landwirtschaft arbeiten.

Der Betrieb lag auf der Südinsel, zwischen Invercargill und Dunedin. Gore war die nächstgrößere Stadt, Tapanui das angrenzende Dorf. Das Dorf liegt am Fuß der Blue Mountains und am Pomahaka River. Es ist von der Land- und Forstwirtschaft sowie der Fischerei geprägt. Die Hirschjagd und das Angeln von Forellen sind in der Gegend beliebte Freizeitbeschäftigungen. Der Betrieb hingegen besaß 450 Kühe und rund 200 ha Acker- und Weideland. Gemolken wurde in einem 50er Außenmelkerkarussell. Die Farm war sehr weitläufig auf mehrere Standorte verteilt. Zum Hof gehörte außerdem ein Stall mit 450 Liegeboxen. Das ist eher ungewöhnlich für Neuseeland, da dort die meisten Landwirte ihre Rinder ganzjährig auf der Weide halten. Bei uns wurden sie im Winter mit Silage zugefüttert und auch die trockenstehenden Kühe wurden kurz vom Kalben im Stall gehalten. Die Kälberaufzucht fand auf dem Hof statt, etwa zwei Kilometer entfernt vom Melkstand. Die Rinderaufzucht wurde ausgelagert. Kurz vor dem Kalben wurden die Tiere dann wieder auf den Betrieb geholt.

Die Serie „Praktikum im Ausland“ ist in der Ausgabe 15 gestartet. Alle Reportagen finden Sie unter Karriere-News in unserem Online-Portal.
Mein Arbeitstag begann morgens um sieben und endete abends um sechs. Ich war erst für die Kinder und den Haushalt zuständig, bevor es dann zum Kälberfüttern nach draußen ging. Durch die Saisonabkalbungen kam das Füttern immer in geballter Form, es dauerte meistens den ganzen Vormittag. Dazu kam dann noch das Einsammeln und Registrieren der neuen Kälber. Manchmal waren es bis zu 15 Kälber am Tag. Live dabei zu sein, wenn ein Kälbchen das Licht der Welt erblickt, ist toll. Zu den nicht so schönen Erlebnissen gehörte für mich das „Totenloch“: Da es in Neuseeland keinen Verwertungshof für Tierkadaver gibt, wurden die Tiere in einem Loch angesammelt und entweder verbrannt oder nach und nach mit Erde zugeschüttet. Da es aber auf allen Farmen so war und es öfter mal vorkam, dass Tiere verendeten, gewöhnte ich mich irgendwann doch daran.

Ich bin sehr glücklich und dankbar über die Entscheidung, nach Neuseeland gegangen zu sein. Dieses Land ist für mich das schönste der Welt. Von meinen Erfahrungen kann ich ein Leben lang zehren. Rückblickend wäre ich gern länger geblieben. Meine Gastfamilie hat mir immer das Gefühl von Geborgenheit gegeben und ich denke, dass ich perfekt in das Leben in Neuseeland integriert worden bin. Der Blick über den Tellerrand hat meinen Blickwinkel geweitet und ich möchte alles Erlernte später im eigenen Betrieb einbringen.
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