Fachkräftemangel und Nachwuchsprobleme, Konkurrenz durch die Industrie sowie ständig steigende Anforderungen durch technischen Fortschritt sind zwar keine grundsätzlich neuen Herausforderungen für das deutsche Handwerk. Und doch dürften sich die Probleme künftig verdichten, immer mehr Gewerke erfassen und den Wandel im Handwerk rasant beschleunigen. Hierfür sind vor allem der allmähliche Renteneintritt der geburtenstarken Jahrgänge und ein technischer Innovationsschub im Rahmen der Digitalisierung verantwortlich, stellen die Autoren der DZ Bank-Studie fest. .

Nicht alle Gewerke lassen sich industrialisieren

Verschiedene Gewerke, wie Bäcker und Konditoren oder Metzger werden zunehmend durch industrielle Formen der Produktion verdrängt. Dabei spiele weniger die Wettbewerbsfähigkeit der Handwerksprodukte eine Rolle, sondern vielmehr das Problem, qualifiziertes Personal zu finden oder die Unternehmensnachfolge zu regeln. Andere Gewerke lassen sich nicht so einfach „industrialisieren“ und spielen gleichzeitig eine Schlüsselrolle für die gesamtwirtschaftlichen Investitionen.

Schlüsselposition für Realisierung von Investitionen

Das gelte in allererster Linie für das Bau- und Ausbauhandwerk, das über 70 Prozent Umsatzanteil am gesamten Baugewerbe in Deutschland hat und damit für die Realisierung von über einem Drittel aller Bruttoanlageinvestitionen der deutschen Volkswirtschaft verantwortlich zeichnet. Hinzu komme die Bedeutung von Systemelektronikern, Kfz-Mechatronikern und weiterer technischer Handwerksberufe für Ausrüstungsinvestitionen im Bereich von Maschinen, technischen Anlagen und Fahrzeugen.

„Die Schlüsselfunktion des Handwerks für die Realisierung von Investitionen macht drohende Engpässe im Handwerk zu einem gesamtwirtschaftlichen Problem“, warnt die Studie. Die Risiken für Investitionsstaus wachsen. Das könnte nicht nur das jeweilige Wirtschaftswachstum abbremsen, sondern gefährde vor allem auch das Potenzialwachstum der Volkswirtschaft.

Wenn es darum geht, die Herausforderungen zu bewältigen, sei das Handwerk zunächst einmal selbst gefordert. Das geschehe auch bereits. So begegne man dem wachsenden Problem des Fachkräftemangels damit, qualifiziertes Personal stärker an die Betriebe zu binden und auch bei dünner Auftragslage zu halten. Gleichzeitig reagieren Handwerksunternehmen auf fehlende „Manpower“ mit verstärktem Maschineneinsatz und der Verwendung industriell vorgefertigter Komponenten.

Das Lebensmittelhandwerk reagiert auf die wachsende Konkurrenz durch die Ernährungsindustrie, indem größere Handwerksbetriebe expandieren und selbst industrielle Fertigungsmethoden nutzen. Dagegen grenzen sich kleinere Handwerke gerne von der Massenproduktion ab und setzen auf Qualität, individuelle Angebote und eine tiefe Verankerung in der Heimatregion.

In Genossenschaften kooperieren

Insgesamt gelte es jedoch, die Bemühungen um eine Bewältigung der Herausforderungen zu verstärken. Dabei sollten auch neue Wege eingeschlagen werden, die dazu beitragen, die Attraktivität des Handwerks für Nachwuchs, Fachkräfte und Kunden zu steigern. Zu denken sei beispielsweise an die Entwicklung ansprechender Ausbildungskonzepte, an Kooperation in Form von gemeinschaftlichem Marketing oder an die Gründung von Produktivgenossenschaften für die Unternehmensnachfolge, gewerkeübergreifenden Handwerksgenossenschaften sowie Familiengenossenschaften.

Genossenschaftliche Kooperation könne das Handwerk im Wettbewerb mit Großunternehmen nicht nur auf den Beschaffungsmärkten unterstützen, sondern auch auf den Absatzmärkten und bei der Personalanwerbung und –bindung. Ein besonderes Augenmerk sei auf die Digitalisierung im Handwerk zu richten. „Handwerk 4.0“ mache die Branche nicht nur fit für die Zukunft, sondern lasse sie vor allem für junge Menschen als attraktiven Arbeitgeber erscheinen.

Gräben zwischen Hochschulen und Handwerk beseitigen

Vor allem wegen der Schlüsselfunktion des Handwerks für die gesamtwirtschaftlichen Investitionen sei jedoch auch der Staat gefragt. Er sollte die Digitalisierung des Handwerks und anderer Wirtschaftsbereiche mit Beratungsangeboten, Fördermaßnahmen und einem zügigen Ausbau der technischen Infrastruktur begleiten. Gleichzeitig gelte es, den noch bestehenden Graben zwischen Hochschulen und Handwerk zu beseitigen, indem stark praxisorientierte und speziell auf die Bedürfnisse des Handwerks ausgerichtete Studienangebote geschaffen werden. Ebenso sollte das zulassungspflichtige Handwerk für bestimmte technische Studienabschlüsse auch ohne Meisterbrief geöffnet werden, wenn eine ausreichende Handwerkspraxis nachgewiesen werden kann. (az)
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