Digitalisierung

Noch zu viele Nullen bei Umstellung auf Arbeit 4.0

Leichte Beunruhigung kam bei den Besuchern der VDL-Tagung „Landwirtschaft 4.0 Digitalisierung in der Arbeitswelt“ in dieser Woche in Berlin auf. Denn nach rund drei Stunden voller Vorträge und anschließender Diskussionen mit versierten Referenten war klar: die Digitalisierung der Arbeitswelt ist eine Mammutaufgabe. Und manche Themen sind noch nicht einmal ansatzweise in Arbeit.

Chance fürs Ehremamt

So zum Beispiel das Ehrenamt. Niemand habe bisher überhaupt Pläne entwickelt, um die ganzen Heerscharen der freiwillig Engagierten in die Digitalisierung einzubinden, erklärt Caroline Dangel-Vornbäumen, stellvertretende Geschäftsführerin des Deutschen Landfrauenverbandes. Sie werde immer noch belächelt, wenn sie das Thema anbringe. Dabei spreche man hier von 31 Mio. Menschen in rund 600.000 Organisationen. Sie vertritt mit den Landfrauen rund eine halbe Millionen Mitglieder. Gerade aber in den Vereinen müssten dringend digitale Kompetenzen vermittelt werden. Das wäre auch eine große Chance, die schwindende Freude am Ehrenamt wieder neu zu beleben.

In der Kombination von Digitalisierung und Landwirtschaft wird viel von den Chancen gesprochen, die die neuen Techniken böten. Doch auch alle weiteren Referenten der VDL-Tagungung, die in Forschung und Lehre im Agrrahandel oder in der Agrarpolitik tätig sind, verdeutlichten, wie rückständig Deutschland eigentlich immer noch ist.

Digital Natives sind weniger it-kompetent als gedacht

Karsten Borchard, Leiter des Multimedialabors Agrar & Ernährung an der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel brachte die Tagungs-Teilnehmer auf den Gedanken, dass das Wort „digital natives“ eigentlich nur ein Missverständnis sein kann. Bei einer Umfrage unter Kieler Agrar-Erstsemestern kam heraus, dass rund 75 Prozent der Befragten die Begriffe GIS und ISOBUS unbekannt sind. Immerhin konnten 93 Prozent die Bedeutung von GPS beschreiben. Es gäbe bei dem Nachwuchs sehr viel fehlendes Wissen und das müsse sich bald ändern, so Borchard.

Der Bereichsleiter Digital Farming bei der Baywa, Jörg Migende, berichtet von der Digitalisierungsstrategie des Landhandelsunternehmens. In den vergangenen zwei Jahren habe der Konzern stark in diesen Bereich investiert und viele Mitarbeiter eingestellt. Dieser Mitarbeiterstab entwickelt digitale Lösungen, die den Landwirt unter anderem darin unterstützen, mehr Euro vom Acker erlösen zu können. Gleichzeitig verändere die Digitalisierung die Arbeitsweise innerhalb des Konzerns. An der Entwicklung einer digitalen Lösung für die teilflächenspezifische Maisaussaat seien bei der Baywa beispielsweise acht Abteilungen beteiligt. Da müsse jede Abteilung ihr Silodenken aufgeben. Auch die Kommunikation sei eine Herausforderung. Es würden Mitarbeiter gebraucht, die in der Lage seien die spezifischen landwirtschaftlichen Anforderungen in die Sprache der Programmierer zu übersetzen. Diese hießen „Product Owner“. 

Und noch einen Begriff führte Migende ein. Den des agilen Projektmanagements: „Digitale Projekte sind nie fertig“, erklärt der Baywa-Bereichsleiter. An diese Arbeitshaltung müsse sich auch so mancher Chef noch gewöhnen.

„Die Digitalisierung ist in der Ausbildung und im Curriculum der Universitäten noch viel zu wenig präsent,“ erklärt der Präsident des Berufsverbandes VDL und Gastgeber der Tagung, Markus Ebel-Waldmann. „Das treibt uns als VDL um.“ Sein Verband bleibe an dem Thema dran, so Ebel-Waldmann. (kbo)
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