Chemikaliencocktail: Nylon, Polyester, Perlon oder Kunststoff-Flaschen enstehen auf Basis einer Wurzelrübe.
-- , Foto: Universität Hohenheim
Chemikaliencocktail: Nylon, Polyester, Perlon oder Kunststoff-Flaschen enstehen auf Basis einer Wurzelrübe.

Chicorée-Salat ziert fast jede Gemüsetheke. Jährlich fallen bei der Produktion des leicht bitter schmeckenden Salateseuropaweit rund 800.000 t Chicorée-Wurzelrüben für den Kompost  oder die Biogasanlage an. Viel zu schade, so die Ansicht zweier Forscherinnen der Universität Hohenheim, Agrarbiologin Dr. Judit Pfenning und Prof. Andrea Kruse. Denn aus diesen Wurzelrüben lässt sich Hydroxymethylfurfural (HMF) gewinnen. Einer der Basisstoffe in der Kunststoffindustrie von morgen, die Chemikalien nicht mehr aus Erdöl gewinnen will, sondern auf nachhaltige Art und Weise. Aus rund 220.000 Wurzelrüben pro Hektar können theoretisch 8,14 t Inulin gewonnen werden. Das kann nach aktuellem Forschungsstand zu 2,87 t HMF umgewandelt werden. Über den Verkauf dieser Menge können rund 5,74 Millionen Euro erzielt werden. Strom aus Biogas dieser Menge Wurzelrüben würde nach EEG jedoch nur rund 21.000 € generieren, so die Forscherinnen.

Auf dem Hohenheimer Versuchsgelände steht die Versuchsstation, ein fensterloser Raum: An den Wänden stehen Regal-Türme mit 3 Etagen voll Wannen, ausgekleidet mit Teichfolie. Darin stehen in Kunststoffkörben aufrecht die 15-20 cm langen Wurzelrüben, aus denen verkaufsfähige Chicorée-Salatknospe innerhalb von 3 Wochen wachsen.

Eine Aquariumpumpe umspült die Pflanzen mit einer Nährlösung. Es ist dunkel, damit die Salatblätter in einem gelben Pastellton verbleiben und keine der Chicorée-typischen Bitterstoffe bilden, die den Verzehr beeinträchtigen könnten.

Ähnlich wie in dieser Versuchsanlage – nur um ein Vielfaches größer – sieht es bei der kommerziellen Produktion von Chicorée-Salat in so genannten Wasser-Treibereien aus: Denn die zweijährige Chicorée-Pflanze verbringt nur die ersten fünf Monate auf dem Acker. Mitte Oktober werden die Blätter abgemulcht, die Wurzelrüben geerntet, kühl gelagert und dann in die Treibräume gebracht. Erst dort treiben neue Blattknospen aus, die als Chicorée-Salat genutzt werden.

Doch anders als in der Lebensmittelproduktion interessiert sich die Universität Hohenheim vor allem für den nicht-essbaren Rübenanteil.

Nylon, Polyester, Perlon oder Kunststoffflaschen

Wie wertvoll diese Wurzelrübe tatsächlich ist, zeigt Prof. Andrea Kruse wenige Schritte entfernt in einem Labor des Instituts für Agrartechnik. Im Hintergrund stehen Bleistift-große Rohrreaktoren aus Edelstahl, die mit Häckseln der Chicorée-Wurzelrübe und Wasser befüllt werden. Am Ende erhält man ein gelb bis braun gefärbtes kristallines Pulver: ungereinigtes Hydroxymethylfurfural (HMF). Es ist eine von 12 Basischemikalien, die zukünftig in der Kunststoffindustrie verwendet werden. Es dient als Ausgangsstoff für Nylon, Perlon, Polyester oder Kunststoffflaschen – sogenannten PEF-Flaschen im Gegensatz zu den PET-Flaschen. Der Wert im Chemikalien-Großhandel liegt aktuell bei 2.000 €/kg.

HMF aus Chicorée als Teil der Bioökonomie

Bisher werden solche Chemikalien aus Erdöl gewonnen. Wie sie sich nachhaltig produzieren lassen, ist eine Fragestellung der Bioökonomie. Denn diese setzt auf Energie und Rohstoffe aus Pflanzen, Tieren oder Mikroorganismen statt weiterhin auf fossile Rohstoffe. (has)
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