az-Interview

„Wir haben zu viele Einzelkämpfer“

Innovationen und neues Denken sollen die Landwirtschaft zukunftsfähig machen. Gründergeist ist mehr denn je gefragt. Benedikt Bösel, der Start-ups im Agrarbereich berät und unterstützt, sagt, welche Hürden dafür abzubauen sind.


-- , Foto: Privat

az: Warum braucht die Agrarwirtschaft Start-ups?

Bösel: Die Landwirtschaft steht vor erheblichen praktischen und gesellschaftlichen Herausforderungen. Sie muss ganz neue Antworten geben, wenn es um Fragen der Umweltbelastung, des Umgangs mit Tieren oder um die Abhängigkeit von Subventionen geht. Dazu braucht es Innovation, zu denen Start-ups erheblich beitragen können.

Gibt es genug Gründer?

Bösel: Der Gründergeist an Agraruniversitäten und Forschungseinrichtungen nimmt zu. Auch die großen Agrarfirmen haben mittlerweile erkannt, dass die Zusammenarbeit mit Start-ups auf lange Sicht sehr hilfreich ist. Die Newcomer stehen aber vor großen Schwierigkeiten, da es weder genug spezialisierte Gründerzentren noch Investoren mit Agrarkompetenz gibt. Viele der Start-ups sind heute noch Einzelkämpfer.


Vertraut mit Agrar- und Finanzfragen
Benedikt Bösel (Jahrgang 1984) ist studierter Agrarökonom und nach zehn Jahren im Investmentgeschäft heute Geschäftsführer eines ökologischen Landwirtschaftsbetriebs in Branenburg, auf dem er Start-ups und Forschungseinrichtungen Versuchsfläche anbietet. Er ist Vorsitzender der Fachgruppe AgTech im Bundesverband Deutscher Start-ups, Mentor des Agro Innovation Labs und Investmentberater für Bioenterprise Capital, ein auf Agrartechnologien spezialisierter Accelerator und Wagniskapitalgeber. (db)

Was muss besser werden?

Bösel: Start-up-Unternehmen benötigen zum einen Kapital, aber auch unternehmensspezifisches Know-how und Kontakte. Üblicherweise wird dies über themenbezogene Gründerzentren, Business Angels und Wagniskapitalinvestoren ermöglicht. Wir brauchen im Agrarbereich flächendeckend eine solche Infrastruktur mit Versuchsflächen und Kapital. Nur so können wir zukünftige Entwicklungen mitgestalten. Ferner müssen für Investoren die steuerlichen und regulatorischen Rahmenbedingungen verbessert werden. Besonders wichtig schließlich: Wir brauchen auf dem Land endlich ein flächendeckendes Internet.

Wo stehen deutsche Agrar-Start-ups im internationalen Vergleich?

Bösel: Im Vergleich zu den USA und Israel sind wir bereits weit abgeschlagen, auch in Europa fallen wir schon leicht zurück. Die Politik, aber auch Verbände müssen dringend erkennen, dass neue Technologien und Innovationen allen Beteiligten helfen. Das Einrichten von Agrargründerzentren und das Auflegen von Wagniskapitalfonds, die aus verschiedenen Quellen gespeist werden, könnten als Initialzündung dienen und so den Abstand Deutschlands zu anderen Ländern verkürzen. Allerdings darf man nicht nur davon reden, man muss es auch tun!


Die Fragen stellte Dagmar Behme
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