Berufsleben

Von Profilneurotikern und Intriganten


Carmen Schön, studierte Psychologin und Juristin.
Foto: Ann-Christine Krings
Carmen Schön, studierte Psychologin und Juristin.

Schwierige Kollegen oder Vorgesetzte können einem den Berufsalltag vermiesen. Auf dem jüngsten Treffen des Netzwerks „Women in Agribusiness“ (WIA) erhielten die Teilnehmerinnen Tipps im Umgang mit Cholerikern, Besserwissern und Co.

Es ist Mittwoch, kurz vor 11 Uhr, in einem großen Unternehmen. Führungskräfte müssen gleich an einem „Jour Fixe“ mit dem Vorstand teilnehmen. Einem Termin, dem sie regelmäßig mit Unbehagen entgegenblicken. Der Vorstand hat nämlich die Angewohnheit, sich auf jedem dieser wöchentlich stattfindenden Treffen einen seiner Untergebenen herauszupicken, um ihn oder sie vor den anderen anzuschreien und herunterzuputzen.

Diese Episode aus ihrem früheren Berufsleben schilderte die Beraterin Carmen Schön kürzlich den Teilnehmerinnen beim Treffen des Netzwerkes „Women in Agribusiness“ („Frauen in der Agrarwirtschaft“), kurz WIA, bei der J. Müller AG in Brake. Die Psychologin und Juristin wollte den rund 30 Teilnehmerinnen Rüstzeug an die Hand geben, um sich für den Umgang mit schwierigen Persönlichkeiten im Berufsleben zu stählen. Wie eben jenem Vorstand, der sein cholerisches Verhalten strategisch einsetzte, um Leistungsdruck aufzubauen – „und um Untergebene kleinzuhalten, bei denen er selber Ambitionen vermutete, weiter nach oben zu wollen – übrigens eine beliebte Strategie“, so Schön. Generell bezeichnet die Beraterin, die vor ihrer Tätigkeit als Coach unter anderem die Rechtsabteilung der Mobilcom AG leitete und Gründungsmitglied von freenet.de war, Menschen als „schwierig, die häufig anders reagieren als wir selbst“. Sie beschrieb den Netzwerk-Teilnehmerinnen bestimmte „Typen“ von schwierigen Persönlichkeit.

Devise lautet: Abreagieren lassen

Dazu zählt besagter „Choleriker“. Ist der Choleriker Chef, können Untergebene nicht viel mehr tun als „sich zu schützen und Ausbrüche nicht persönlich zu nehmen“, so die Beraterin. „Man kann versuchen, sich ein Stück weit mental aus der Situation zu lösen, indem man die Vogelperspektive einnimmt und sich innerlich auf die Metaebene begibt“, bis das Gewitter vorübergezogen sei. Auf keinen Fall sollte man in einem „Schreianfall“ dagegenhalten: „Choleriker müssen sich zunächst abreagieren“, weiß Schön. Ein weiterer Weg: Den Raum verlassen unter Ankündigung, man würde das Gespräch fortsetzen, wenn sich die Stimmung gemäßigt habe. Aber: „Das erfordert, je nach Hierarchie, viel Mut.“

Fernhalten und wenig preisgeben

Der wohl unangenehmste Typus neben dem Choleriker: die intrigante Person. Sie zeichnet sich dadurch aus, im Unternehmen viel „Politik zu machen“. Konkret bedeutet dies, Fehler von Kollegen oder belastende Informationen aus vertraulichen Gesprächen bewusst auszunutzen, um sich selbst einen Vorteil zu verschaffen. Im Umgang mit diesen Zeitgenossen empfiehlt Schön vor allem Wachsamkeit: „Solchen Menschen sollte man möglichst wenig erzählen, um keine Angriffsflächen zu bieten.“ Außerdem empfehle es sich, Absprachen mit Intriganten immer zu dokumentieren, indem man beispielsweise im E-Mail-Verkehr „Zeugen“ in Kopie setzt, um sich abzusichern. Aber: „Letztlich hilft am besten, sich von solchen Personen fernzuhalten“, meint Schön. Intriganten würden sich nämlich in den seltensten Fällen zum Positiven verändern. Ein intriganter Vorgesetzter sei daher „ein echter Kündigungsgrund“.

„Besserwisser sollte man für ihre Detailkenntnis loben.“
Carmen Schön, Beraterin, 
Weniger heikel, dafür aber bisweilen nervig, seien die Perfektionisten und Besserwisser. Diese Persönlichkeitstypen seien „letztlich auf Bestätigung aus“, sagt Schön. „Am sinnvollsten ist daher, aufrichtig ihr Detailwissen zu loben – und sie auf diese Weise dazu zu bringen, ihre Rolle abzulegen.“ Sich gernervt oder amüsiert zeigen, sei dagegen kontraproduktiv. Außerdem solle man in Meetings mit Perfektionisten und Besserwissern stets gut vorbereitet gehen und sich auf Erbsenzählerei einstellen.

Profilneurotikern, also Menschen, die ihre eigenen Leistungen und Fähigkeiten stets überhöht darstellen, begegnet man am besten „über Lob statt Konfrontation“, empfahl Schön den WIA-Teilnehmerinnen. Außerdem hilft es, sich klarzumachen, dass diese Menschen „eigentlich nur ihre eigene Unsicherheit kompensieren“, meint die Beraterin. Dann kommt es darauf an, wie ausgebufft der Profilneurotiker zu Werke geht, um seine Karriere voranzutreiben: „Schnappt er oder sie einem selbst regelmäßig interessante Projekte weg, sollte man sich auf den Wettbewerb einlassen und sich behaupten“, empfiehlt Schön.

Bleiben noch die „entscheidungsschwachen Personen“. Sitzt eine entscheidungsschwache Person auf einem Führungsposten, müssen Untergebene sich darauf einstellen, „von unten zu führen, also selbst gute Ideen einzubringen“. Außerdem sollte man die Teamleistung, also das ‚Wir‘ betonen, um dem oder der Entscheidungsschwachen „Unsicherheiten“ zu nehmen. Alles das kann natürlich nur gelten, wenn man es prinzipiell gut mit seinem Chef meint. Ist dies nicht der Fall, bleibt einem natürlich immer noch die Variante des „Auflaufen-Lassens.“

Einblicke in Handelsdrehscheibe

Neben dem „Karriere-Coaching“ besichtigten die Teilnehmerinnen des Netzwerks bei ihrem jüngsten Treffen die Siloanlagen der J. Müller AG am Hafen Brake, eine der wichtigsten Drehscheiben für den Getreidehandel hierzulande mit einer Lagerkapazität von mehr als 500.000 t und einer täglichen Löschleistung von 20.000 t. Das Treffen in Bremen war die mittlerweile dritte Zusammenkunft des WIA, das nun seit gut einem Jahr besteht.
Das Netzwerk
„Women in Agribusiness“, kurz WIA, ist ein Netzwerk von Frauen, die in der Agrarwirtschaft tätig sind. Im Herbst 2017 ins Leben gerufen hat es die Bankerin Hella Otten von der Norddeutschen Landesbank. Ziel von WIA ist es, Frauen in jeder Lebens- und beruflichen Lage einen geschlossenen Raum zum Austausch zu bieten. Bisher haben sich Frauen verschiedener Altersgruppen aus unterschiedlichen Bereichen der Agrarwirtschaft dem WIA-Netzwerk angeschlossen.




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