Führungskultur

„DBV führt Mitglieder in die Irre“

Christoph Daun
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Christoph Daun

Christoph Daun, ehemaliger stellvertretender Vorsitzender des BDL, hat sich für durchlässigere Verbandsstrukturen stark gemacht. Er vermutet, dass dieses Engagement seine Abwahl provozierte. Nun kritisiert er die Führungskultur im Deutschen Bauernverband.

az: Wie erklären Sie sich Ihre Abberufung in einer außerordentlichen Bundesmitgliederversammlung?

Daun: Warum mir gegenüber Vorwürfe erhoben wurden, ohne in Absprache mit anderen Vorstandsmitgliedern gehandelt zu haben, ist mir schleierhaft. Sowohl das Positionspapier zur Anbindehaltung als auch der Antrag auf Satzungsänderung im DBV-Vorstand waren einstimmig im BDL-Vorstand verabschiedet worden. Auch darüber hinaus habe ich nie entgegen eines Vorstandsbeschlusses gehandelt. Denkbar ist, dass sich der ein oder andere Landesbauernpräsident angegriffen gefühlt und daraufhin innerhalb der Landjugend Unmut geschürt hat, weil ich mich sehr für ein Aufbrechen der starren Strukturen im DBV eingesetzt habe.

Was wollten Sie ändern?

Daun: Es ging mir um folgende drei Punkte: Erstens wollte ich die Altersbegrenzung für eine Wahl in den DBV-Vorstand von 64 Jahre auf 59 ändern. Damit wäre gewährleistet, dass ein DBV-Vorstandsmitglied mit dem Einzug ins Rentenalter aus der berufsständischen Vertretung ausscheidet. Zweitens wollte ich die Wiederwahl auf zwei mögliche Perioden begrenzen.

Drittens halte ich es für besonders wichtig, den Kreis an potenziellen Kandidaten für das Präsidentenamt und die Vorstandsmitglieder zu erweitern. Zurzeit sind nur die jeweiligen Landesbauernpräsidenten für ein Amt auf Bundesebene wählbar. Das begrenzt die Auswahl unnötig und lässt zum einen fähige Mitglieder außen vor, die sich in ihrem Landesverband verdient gemacht haben, beispielsweise andere Vorstandsmitglieder neben dem Präsidenten, oder aber Mitglieder, die nicht im Landesvorstand vertreten sind. Zum anderen stellt es – vor allem für den DBV-Präsidenten – ein kaum erfüllbares Arbeitspensum dar, wenn man beiden Ämtern gerecht werden will. Es schafft aber auch Abhängigkeiten gegenüber dem eigenen Landesverband. Der Vorstand sollte allerdings unabhängig von Befindlichkeiten eines Landesverbandes agieren können.
Zur Person
Der 30-jährige Christoph Daun ist ehemaliger stellv. Vorsitzender des Bundes der Deutschen Landjugend. Im November 2018 ist er gemeinsam mit der ehemaligen BDL-Bundesvorsitzenden Nina Sehnke in einer außerordentlichen Bundesmitgliederversammlung „unfreiwillig“ abgesetzt worden. Daun ist Vizepräsident des Europäischen Rates der Junglandwirte und stellv. Vorsitzender der Landjugend Rheinland-Nassau. In Hörscheid in der Vulkaneifel bewirtschaftet er gemeinsam mit Bruder und Vater einen Milchviehbetrieb.


Wie wollen Sie so die Basis zufriedenstellen?

Daun: Klar, es kann mal der Vorwurf laut werden: ‚Du weißt wohl nicht mehr, wo du herkommst.‘ Allerdings ist es die Aufgabe des Vorstands, seinen Mitgliedern die Probleme der Zukunft aufzuzeigen und ihnen bei deren Lösung behilflich zu sein. Viel wichtiger, als öffentlich immer auf dem Status quo zu beharren, ist es, intern an zukunftsfähigen Alternativen zu arbeiten. Die Erfahrung zeigt, dass ein von seinem Landesverband abhängiger DBV-Vorstand leider geneigt ist, Klientelpolitik für diesen zu machen. Im Berliner Politikbetrieb bekommt man frühzeitig mit, welche Strömungen es gibt und was als Nächstes auf der Agenda stehen könnte. Der Vorstand muss die Basis auf diese Entwicklungen vorbereiten und gemeinsam mit ihr einen Plan B entwerfen. Ein Verleugnen dieser Entwicklungen hat einen gesellschaftlichen Vertrauensverlust zur Folge und führt die eigenen Mitglieder in die Irre.

Haben Sie ein Beispiel für Entwicklungen, die verschlafen wurden?

Daun: Das Verbot für die betäubungslose Ferkelkastration ab 2019 war mit der Reform des Tierschutzgesetzes im Jahr 2013 beschlossen worden. Im Januar 2019 sollte das Verbot in Kraft treten, die Branche war allerdings immer noch nicht darauf vorbereitet. Nur mit Glück wurde die Frist bis zu einem Verbot um zwei Jahre verlängert.

Ist das nicht eher gute Lobbyarbeit, wenn es gelingt, die eigene Wirtschaftsweise als alternativlos darzustellen und so politische Entscheidungen aufzuschieben?

Daun: Möglicherweise hat dies früher einmal funktioniert. Doch mittlerweile schwindet der Einfluss des Deutschen Bauernverbands auf Bundesebene. Viele andere Akteure mit Schwerpunkt Landwirtschaft und Umwelt, wie beispielsweise BDM, AbL, Peta, Greenpeace und andere mischen mittlerweile mit. Zudem sinkt die Anzahl der Landwirte und somit deren Bedeutung als Wähler täglich.

Wir können froh sein, dass es noch ein Bundeslandwirtschaftsministerium gibt. Ich denke, dass der Trend hin zu einem Ministerium für Nachhaltigkeit nach dem Vorbild Österreichs kaum aufzuhalten ist. Mit Julia Klöckner an der Spitze des Bundeslandwirtschaftsministeriums ist dies bereits spürbar. Hinter den Kulissen verlangt die Ministerin mehr Bewegung von der Landwirtschaft. Ihre Politik richtet sie stärker am Konsumenten aus, da dessen Stimme immer lauter wird.

Wie stellen Sie sich einen zukunftsfähigen Verband vor?

Daun: Ich will, dass der DBV eine Politik für Bauern macht, die ihren Betrieb auch noch an die nächste Generation weitergeben möchten. Zurzeit ist der DBV nicht dafür bekannt, dass er mit der Zeit geht. Der DBV braucht mehr persönliche Führungsstärke. Mutige Vordenker, die auch einmal etwas riskieren. Dafür ist eine Mischung aus Jung und Alt notwendig.

Was würden jüngere Mitglieder besser machen?

Daun: Junge Menschen würden nicht alles besser machen, aber sie würden es mit einem anderen Schwerpunkt machen. Ich bin beispielsweise darauf angewiesen, meinen Betrieb für die nächsten 30 Jahre zukunftsfähig zu gestalten. Als Milchviehhalter plane ich schon jetzt damit, dass irgendwann die Forderung nach Weidehaltung kommt. Die Haltung im Laufstall wird irgendwann ähnlich in der Kritik stehen wie die Anbindehaltung heute.

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  1. Andreas Heumer
    Erstellt 18. Januar 2019 21:55 | Permanent-Link

    Sehr interessant zu lesen und konstruktive Kritik am Verband, die eben nicht von den Ökospinnern kommt, ist wertvoll. Leider springt der Herr viel zu kurz und die Probleme sind vielschichtiger und das Hauptproblem ist der Bauer selbst. Das bisherige Motto: „Wenn jeder an sich denkt, ist auch an allen gedacht“, wird bei den Herausforderungen wie Tierrechtsterror und Ökopopulismus, so nicht mehr Herr.
    Das größte Problem ist, dass der Bauernverband in erster Linie ein Wirtschaftskonzern ist, dem die Bauern erst mal egal sind. Der Bauernverband geht entsprechend „brutal“ mit Bauern um und so kommen keine Ideen von der Basis hoch. In der Führungsriege drischt man alte eingeprobte Phrasen die weder Bauern noch die Gesellschaft noch hören kann. Noch nie war der Ruf des Bauernverbandes so ramponiert wie jetzt und da helfen wirklich nur frische Leute mit guten Ideen. Keine Selbstdarsteller sondern kluge Strategen die kampagnenfähig sind.
    Was besonders hier in der Agrarzeitung gesagt werden muss ist, dass die Vor und Nachgelagerte Industrie die Bauern nicht hängen lassen sollten. Die sollten Geld und Know-how beisteuern.
    Wichtig auch die Grundsatzfrage nach dem Ziel eines Interessenverbandes: Den mageren Kuchen an viele Familienunternehmen verteilen oder weiter Strukturwandel fördern in der schwachen Hoffnung, dass die Stücke größer werden?

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