Ideenwettbewerb Agrar & Ernährung 2018

Weiterdenken lautet die Devise

Stephan Hackenberg (links) von der Rabobank und Matthias Kastriotis von BASF (rechts) ehren die Macherinnen des "haenlein"-Konzepts für ihre Innovationskraft.
Foto: Phil Dera / Zeit
Stephan Hackenberg (links) von der Rabobank und Matthias Kastriotis von BASF (rechts) ehren die Macherinnen des "haenlein"-Konzepts für ihre Innovationskraft.

Vier junge Frauen wollen die Welt ein bisschen besser machen und haben dabei Nachhaltigkeit und vor allem das Tierwohl im Blick – genauer gesagt das Wohlleben der Bruderhähne von Legehennen.

Denn das bisherige Verfahren, die männlichen Küken einfach zu töten, kommt für Annalina und Leonie Behrens sowie Lisa Hiddemann und Marleen Benkwitz auch angesichts der öffentlichen Diskussion um das „Kükenschreddern“ nicht infrage. Sie haben das Haehnlein-Konzept von der Aufzucht bis zur Vermarktung entwickelt und sind damit die Preisträgerinnen des Ideenwettbewerbs Agrar & Ernährung 2018.

Die „haehnlein“-Initiatorinnen Annalina und Leonie Behrens sind Quereinsteiger. Sie haben zwar agrarwirtschaftliche Wurzeln und sind auf dem Öko-Betrieb der Familie aufgewachsen, der zum Erzeugerzusammenschluss Fürstenhof zählt und Bio-Eier produziert mit Legehennenhaltung sowie eigener Futterproduktion. Aber eigentlich wollten sie etwas ganz anderes machen: Annalina Behrens widmete sich zunächst dem Studium der Kommunikation und des Medienmanagements, Leonie Behrens studierte Wirtschaftspsychologie. „Auf dem Fürstenhof haben wir aber viel in der Familie diskutiert, wie das Kükentöten vermieden werden kann“, erklären die Schwestern. Mit der praktischen Erfahrung auf dem Fürstenhof reifte die Idee: Ziel war, die Bruderhähne mit aufzuziehen und das Fleisch auch zu vermarkten. 2012 wurde dann das „haehnlein-Konzept“ innerhalb des EZ Fürstenhof Realität.

Es mussten zuvor jedoch viele Informationen gesammelt werden – beispielsweise über das Fress- und Sozialverhalten der Bruderhähne, welche Legerasse sich am besten eignet und Erfahrungen in der landwirtschaftlichen Praxis. Auch für die Schlachtung und Verarbeitung mussten geeignete Kooperationsbetriebe gefunden werden. 2014 wurde sogar eine eigene Elterntierhaltung eingerichtet mit angeschlossener Bio-Brüterei. Ihr Credo: Alle Prozesse müssen ineinandergreifen - vom Ei bis zum fertigen Verkaufsprodukt.

Was passt zu uns?

Die Qualität spielt eine zentrale Rolle. Marleen Benkwitz leitet seit 2012 das Qualitätsmanagement. Im Herbst 2017 verstärkte die Lebensmitteltechnologin Lisa Hiddemann das Team. Qualität muss kontrolliert, Verkostungen organisiert, neue Produkte getestet werden. Denn das Team hat hohe Ansprüche und setzt auch eigene Qualitätsstandards. Benkwitz und Hiddemann sorgen dafür, dass das komplexe Räderwerk rund läuft.

Auch das Verpackungskonzept ist quasi „homemade“. Anregungen sammelte Leonie Behrens beim Stöbern im Lebensmitteleinzelhandel: Wie machen es die anderen und was passt zu uns? „Unser erstes Logo war einen Bleistiftzeichnung“, erinnert sich Annalina Behrens. Gemeinsam entwickelten sie eine eigene Markenführung mit Wiedererkennungswert. Im Angebot sind bereits „haehnlein“-Eier sowie „haehnlein“-Filet, Keule und Flügel als Tiefkühlware, die bundesweit im Einzel- und auch Naturkosthandel zu finden sind.

In puncto Vermarktung war klar: Der Verkauf subventioniert über einen höheren Preis die Aufzucht der Bruderhähne. Die lange Lebenszeit der Bio-Hähne liefert zwar gute Fleischqualität, aber der reine Verkaufserlös deckt nicht die Kosten. Das soll nicht auf Dauer so bleiben. So arbeiten die Preisträgerinnen an weiteren Produkten. Sie haben den Convenience-Markt im Visier und haben dafür gemeinsam mit Kooperationspartnern eine Palette an Bio-Fertiggerichten entwickelt. Ihre Zielgruppe: junge Menschen mit wenig Zeit, die aber Wert auf eine leckere, nachhaltige und qualitativ hochwertige Bio-Kost legen und denen Tierwohl wichtig ist. Die Fertiggerichte sollen in diesem Jahr auf den Markt kommen. Auch ein Protein-Snack für unterwegs, den sogenannten Power-Mampfer – eine fettarme und proteinreiche Minisalami - ist bereits in der Entwicklung.

Mit ihrem Konzept wollen die Vier ein Umdenken in Politik, Handel und bei den Verbrauchern erreichen. Neue Ideen haben sie schon im Kopf: So sind Hof-Tage in Planung und auch als Gastronomie-Anbieter aufzutreten können sie sich vorstellen. Denn sie wollen immer einen Schritt weiterdenken und nicht beim Bestehenden haltmachen.

Die Köpfe hinter dem "haenlein"-Konzept

Annalina Behrens (30) studierte Kommunikation und Medienmanagement mit Schwerpunkt Betriebswirtschaft. In ihrer Bachelorarbeit beschäftigte sie sich mit Suchmaschinen am Beispiel der Lebensmittelindustrie, machte sich dann selbstständig und entwickelte eine Lebensmittelsuchmaschine für Allergiker. Da sich die Datenverfügbarkeit sehr schwierig gestaltete, gab sie das Projekt auf und stieg bei dem EZ Fürstenhof im mecklenburgischen Finkenthal ein. Seit 2012 ist sie Produktmanager „haehnlein“ . Sie will vor allem Tierwohl allen Menschen schmackhaft machen und das Bewusstsein dafür weiter stärken.

Annalina Behrens
Foto: Holland
Annalina Behrens

Leonie Behrens (27) hat Wirtschaftspsychologie mit Schwerpunkt Betriebswirtschaft studiert. Ihre Identifikation mit dem Haehnlein-Konzept entwickelte sich aber erst mit der Master-Arbeit zum Thema „Wie sich emotionale Aufklärung am Point of Sale auf die Kaufentscheidung auswirkt“. Seit 2017 ist sie Teil der Geschäftsführung und im Vertrieb tätig. Sie will vor allem mit ehrlichen Bio-Produkten Zukunft gestalten. Für sie muss alles stimmen von der Fleischqualität, der Verpackungsoptik, dem fertigen Gericht bis zur Präsentation im Handel. Mit offenem und kritischem Blick streift sie durch Supermärkte, um neue Ideen zu entwickeln.

Leonie Behrens
Foto: Holland
Leonie Behrens

Lisa Hiddemann (27) ist die Verantwortliche in Sachen Lebensmitteltechnologie. Nach dem Studium dieses Faches mit Schwerpunkt Produktmanagement an der Hochschule Neubrandenburg ist sie für „haehnlein“ nun verantwortlich für die Sensorik, die Einhaltung der Produktspezifikationen, die Organisation von Verkostungen bis zur Präsentation der Produkte auf Messen. Produkte vom Acker bis zur Theke zu begleiten und mit ihrem Know-how Prozesse zu beschleunigen, das reizt sie besonders an ihrem Job. Denn ihr Herz schlägt sowohl für die Lebensmitteltechnologie als auch für die ökologische Landwirtschaft.
Lisa Hiddemann
Foto: Holland
Lisa Hiddemann


Marleen Benkwitz (34) studierte Demografie und Soziologie. Durch Zufall gelangte sie 2011 zum EZ Fürstenhof. Die Chemie stimmte sofort, also blieb sie. Als Autodidaktin fuchste sie sich in die Themen ein. Sie baute das Qualitätssystem Ei auf, entwickelte es mit neuen Qualitätsstandards weiter und leitet seit 2012 das Qualitätsmanagement für „haehnlein“. Die vielfältige Zusammenarbeit mit Verarbeitern, mit den landwirtschaftlichen Praktikern, den Packstellen und Verbrauchern macht ihr besonders viel Freude. Ihr ist es wichtig, sichere Nahrungsmittel zu produzieren und einen kleinen Beitrag zum Umweltschutz zu leisten.
Marleen Benkwitz
Foto: Holland
Marleen Benkwitz


Die Kommentare für diesen Artikel sind geschlossen.

stats