Prof. Hubert Speth leitet den Studiengang Agrarwirtschaft.
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Prof. Hubert Speth leitet den Studiengang Agrarwirtschaft.

Die Ausbildungsplätze im Studiengang Agrarwirtschaft an der Dualen Hochschule Baden-Württemberg (DHBW) sind selten komplett belegt. Der Agrarhandel braucht allerdings mehr Nachwuchs.

Für die kommenden Jahre muss dieser die Weichen neu stellen, um auf seine Kosten zu kommen, analysiert Studiengangsleiter Prof. Hubert Speth.

agrarzeitung: Gibt es einen Fachkräftemangel im Agrarhandel?

Hubert Speth: Definitiv. Jährlich haben wir zwischen 10 und 15 Absolventen, allerdings hätten wir die Möglichkeit, in Kooperation mit Firmen im Agrarhandel 30 Studierende dual auszubilden. Das heißt, die Kapazitäten der Unternehmen werden nicht ausgeschöpft, weil der Nachwuchs fehlt.

Woran liegt das? Ist die Branche so wenig attraktiv?

Mitnichten, laut einer Umfrage des VDL Bundesverbands für das Hochschulranking 2018 wollen Studierende Landwirtschaft zu ihrem Beruf machen, weil diese ein abwechslungsreiches Umfeld und mit Natur und Umwelt zu tun hat. Darüber hinaus spielen Familientradition und gesellschaftliche Aufgaben eine Rolle für die Berufswahl im Agrarbereich. Die Generation um die 16-jährige Umweltaktivistin Greta Thunberg will auch wieder mehr gesellschaftliche Verantwortung übernehmen. Diese Interessen kann ein Job in der Agrarwirtschaft durchaus erfüllen.

Geben Sie bitte ein Beispiel, wie die Branche dies transportieren könnte.

Im dualen Studienangebot Agrarwirtschaft bilden wir die Studierenden zwar betriebswirtschaftlich aus, aber ein Drittel der Studieninhalte sind agrarbezogen. Das heißt, die Studierenden lernen zum Beispiel, einen landwirtschaftlichen Betrieb zu analysieren. Später im Berufsleben pflügen sie als Verkaufsberater zwar keine Äcker mehr, dennoch halten diese über ihre Kunden, die landwirtschaftlichen Betriebe, den Kontakt zur Natur, zur Boden- und Pflanzenkunde aufrecht.

Warum bleibt der Nachwuchs trotzdem aus?

Die Kommunikation der Firmen nach außen ist noch verbesserungswürdig. Dass der Agrarhandel all das Obengenannte durchaus zu bieten hat, wird in Stellenanzeigen selten vermittelt. Darüber hinaus fehlt in unserer doch sehr konservativen Agrarbranche das Bewusstsein dafür, dass heutzutage mehr denn je um den Nachwuchs gekämpft werden muss. Andernfalls wandert dieser in andere Branchen ab. Das setzt auch kreativere Formen des Bewerber-Recruitings voraus. Beispielsweise durch eine Zusammenarbeit mit Multiplikatoren. Das könnten schlichtweg die eigenen Mitarbeiter sein. Mit den Worten ‚Wir finanzieren das Studium Eurer Kinder‘ könnte auf deren Gehaltszetteln um Nachwuchskräfte geworben werden. Oder man probiert Recruiting mithilfe sogenannter Influencer aus, das sind Meinungsmacher mit großer Reichweite in sozialen Netzwerken.

Haben Sie da ein Beispiel parat?

In Finnland hat der Verband der privaten Sägeindustrie ‚Suomen Sahat‘ gemeinsam mit einem Influencer einen Film gedreht. Innerhalb weniger Tage nachdem dieser den Film auf der sozialen Plattform Youtube publiziert hat, hatten den Film bereits über 70 000 junge Menschen angeschaut. Das ist für ein kleines Land wie Finnland mit rund fünf Millionen Einwohnern ein unglaublich positives Ergebnis.

Sie bilden im dualen Studienangebot Agrarwirtschaft für Führungspositionen aus. Ist eine steile Karriere für alle Absolventen realistisch?

Die Chancen sind gut aufgrund des bereits erwähnten Nachwuchsmangels. Viele leitende Funktionen werden in den kommenden zehn Jahren neu besetzt werden müssen, weil Mitarbeiter in den Ruhestand gehen. Wer jetzt das dreijährige duale Hochschulstudium startet, hat in sechs Jahren ausreichend Berufserfahrung für die Leitung einer Abteilung. Aus meiner Sicht bietet die Branche daher sehr gute Aufstiegsmöglichkeiten.

Dann sind diejenigen, die jetzt ein Studium absolviert haben, oftmals nicht älter als 24 oder 25 Jahre. Oftmals kritisieren Personalleiter die Unerfahrenheit von Absolventen in diesem Alter.

Wir bilden dual aus. Unsere Absolventen sind bereits nach dem dreijährigen Studium ‚berufserfahren‘, weil diese in Praxisphasen während des Studiums ihr Ausbildungsunternehmen kennenlernen. Darüber hinaus liegt die Übernahmequote unserer Absolventen bei rund 90 Prozent. Die jeweiligen Unternehmen würden nach weiteren drei Berufsjahren jemandem eine leitende Funktion anbieten, der die Unternehmensabläufe und die Firmenkultur wirklich gut kennt.

Das Interview führte Henrike Schirmacher.

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