Siemens, Bayer, Beiselen

Trend zu Eigengewächsen


Hat eine lange Laufbahn bei Beiselen hinter sich: Bernhard Schwegler.
Foto: Beiselen
Hat eine lange Laufbahn bei Beiselen hinter sich: Bernhard Schwegler.

In der deutschen Wirtschaft schaffen es immer wieder altgediente Mitarbeiter ganz nach oben. Auf eine solche Karriere blickt auch Ex-Beiselen-Manager Bernhard Schwegler zurück.

Wenn Bernhard Schwegler Unternehmenslenkern und Personalentwicklern einen Rat geben dürfte, dann diesen: Der Mix aus „Eigengewächsen“ und aus so genannten High Potentials, die schon andernorts Karriere gemacht oder gerade einen Hochschulabschluss erworben haben, ist aus seiner Sicht für den Erfolg eines Unternehmens entscheidend. Schwegler zählt selbst zu den Eigengewächsen. Im Jahr 1969, mit gerade einmal 15 Jahren, hat er als Auszubildender zum Groß- und Außenhandelskaufmann bei dem privaten Agrarhandelsunternehmen Beiselen in Ulm angefangen. Als er das Unternehmen 2019 verlassen hat, war er Geschäftsführer für den Vertrieb.

Auch Großkonzerne setzen auf das Bewährte

Schweglers Modell des Aufstiegs vom Azubi in die oberste Etage des Ulmer Agrarhandelsunternehmens ist gerade in den vergangenen Jahren auch in Großkonzernen häufiger zu beobachten gewesen. Der Vorstandsvorsitzende der Deutschen Bank, Christian Sewing, hat Ende der 1980er Jahre ebenfalls als Azubi in einer Bielefelder Filiale des Frankfurter Kreditinstituts seine berufliche Laufbahn begonnen bevor er knapp 30 Jahre später CEO wurde. Auch Joe Kaeser, der 2013 Vorstandschef der Siemens AG wurde, hat in den 1980ern direkt nach seinem Studienabschluss bei dem Konzern angeheuert. Auch der heutige Bayer-Vorstandschef Werner Baumann ist so ein Eigengewächs, das nach knapp 30 Jahren im Unternehmen Vorstandschef wurde.

Gut Ding will also Weile haben in der deutschen Wirtschaft? Der Ruf in die Geschäftsführung von Beiselen kam für Schwegler im Jahr 2016. Vergleichsweise spät, könnte man jetzt einwenden, hatte er doch sein gesamtes Berufsleben bei dem privaten Agrarhandelsunternehmen zugebracht. Doch Schwegler bezeichnet diesen Schritt als „Sahnehäubchen“ auf seiner Karriere. Ein entscheidender Wendepunkt für seine berufliche Laufbahn sieht er rückblickend in den frühen 1980er Jahren: Damals hatte Rainer Schuler das Unternehmen Beiselen von seinem Vater übernommen. „Beiselen hat von da an stetig und deutlich expandiert. Auch die Mitarbeiter waren da natürlich viel gefordert“, erinnert sich Schwegler.

Arbeitsintensive Zeit als Chance begriffen

Er habe diese sicher auch arbeitsintensive Zeit als Chance begriffen und den sich eröffnenden „Raum für Entwicklung“ genutzt. Und die Geschäftsleitung habe erkannt, dass er mehr Verantwortung haben und mehr erreichen wollte. Schritt für Schritt sei Schwegler an sein späteres Aufgabengebiet, den Verkauf beziehungsweise Vertrieb, herangeführt worden: Angefangen habe es mit der Betreuung von Garten- und Landschaftsbau sowie genossenschaftlichen Wiederverkäufern im Ulmer Haustürgebiet. Im Jahr 1993, da sei er noch nicht einmal 40 Jahre alt gewesen, habe er Prokura bekommen: „Das war zu dieser Zeit, und dazu noch in einer konservativen Branche wie dem Agrarhandel, eher Fünfzig- Sechzigjährigen vorbehalten. Dass ich als vergleichsweise junger Mann zum Prokuristen gemacht wurde, war von der Unternehmensleitung ein klares Zeichen der Anerkennung“, erinnert sich Schwegler. Die Geschäftsbereichsleitung Düngemittel übernahm er 1997 und hatte diese Aufgabe gut 20 Jahre inne, nicht nur für das Deutschlandgeschäft, sondern auch für Osteuropa.

Kenner der Unternehmenskultur – mit allen Höhen und Tiefen

Unternehmensberater sehen in Deutschland den Trend zu Eigengewächsen an den Unternehmensspitzen darin begründet, dass altgediente, interne Kandidaten die Kultur eines Unternehmens gut kennen – und auch schon Höhen und Tiefen dort durchgestanden haben. Zudem betreiben Unternehmen heute häufig viel Zeit und Aufwand in der Qualifikation und Weiterbildung von Führungskräftenachwuchs. Und: Vor allem in Krisenzeiten gelten interne Kandidaten bei der Besetzung von Spitzenposten als Garanten der Stabilität – dürfen sich aber gleichzeitig nicht als „Bewahrer“ präsentieren. Einer anderen Tradition folgen angelsächsische Unternehmen: Dort setzen Konzerne eher auf das Neue, Disruptive, auf Führungskräfte von außen.  

Ob Schwegler zwischenzeitlich mal mit dem Gedanken gespielt habe, Beiselen zu verlassen? Er verneint dies. Als seine Karriere richtig durchgestartet sei, im Alter von rund 40 Jahren, hätten sich zwar immer mal wieder Headhunter gemeldet und versucht, ihn für andere Unternehmen zu gewinnen, doch: „Da gab es gute Perspektiven für mich bei Beiselen, deswegen hat mich das nie wirklich interessiert.“ Wenn überhaupt, dann hätten Versuche, ihn abzuwerben, zumindest theoretisch wohl eher in den ersten Jahren direkt nach seiner Ausbildung Chancen gehabt, als die weitere Entwicklung von Beiselen aber auch seiner eigenen Karriere noch weitaus offener gewesen sei, meint Schwegler.

Aufbruchsstimmung nach der Wende

Hält Schwegler selbst eine Berufslaufbahn wie seine heute noch für möglich – vom Auszubildenden zum Geschäftsführer? Heute seien die Ausbildungswege „viel stärker formalisiert“, meint er dazu. Wer im Unternehmen ganz nach oben wolle, bräuchte wohl von Anfang eine höhere Qualifikation, müsse wahrscheinlich Agraringenieur oder Betriebswirt sein. In den Zeiten der Expansion und der Aufbruchsstimmung im Agrarhandel rund um die Wendezeit Ende der 1980er Jahre hätten die Unternehmen dagegen viel stärker „die mitgezogen, die mitgestalten wollten“; die formale Qualifikation sei da eher zweitrangig gewesen.

Schwegler ist jedoch davon überzeugt, dass auch heute Eigengewächse, die im Betrieb ihre berufliche Laufbahn beginnen und kontinuierlich weiterentwickelt werden, maßgeblich zum Unternehmenserfolg beitragen – nicht zuletzt wegen der Loyalität, die durch so eine Förderung von Mitarbeitern entsteht. „Ich denke auch nach meiner Pensionierung immer noch in der ‚Wir-Form‘, wenn es um Beiselen geht“, sagt Schwegler. „Ich frage mich: Wie kommen „Wir“ durch die aktuelle Marktlage, wie geht es ‚uns‘?“ So oder so werde er weiter den Kontakt mit dem Unternehmen halten – in mehr als 50 Jahren sei einfach eine „enge Bindung“ gewachsen.

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