Start-up

„Ganze Tiere akzeptiert der Kunde nicht“

Um niemals an der eigenen Zielgruppe vorbeizuentwickeln, ist der enge Kontakt zum Kunden die halbe Miete. So sehen es die Berliner Gründer Marcus Fiedrich und Diana Ohl, die Grillenmehl für ihre Snacks verwenden.

Foto: Bearprotein GmbH

az: Insekten lösen bei den meisten Menschen Ekel aus. Warum sollte Ihr Insektensnack Erfolg haben?

Fiedrich: Wir stürzen mit unserem Produkt ja nicht unvorbereitet auf den Markt. Die Akzeptanz haben wir bereits getestet. Rund 800 Personen, größtenteils zwischen 20 und 35 Jahren, teilweise auch bis 40 oder 50, haben den Snack probiert und anschließend unsere Fragen zu Aussehen, Geschmack und Konsistenz positiv beantwortet. Als Unternehmer schließt man sich ja nicht im Keller ein, um Antworten zu finden, und grübelt vor sich hin. Unsere Idee haben wir nah am Kunden zu einem fertigen Produkt entwickelt.

Wie schmeckt denn Grillenmehl?

Fiedrich: Leicht nussig. Unser Snack hat aktuell noch einen geringen Anteil an Insektenmehl, welches zu siebzig Prozent aus Protein besteht. Wir wollen die Kunden langsam heranführen. Außerdem führt zu viel Protein zu einer knautschigen Konsistenz, welche man häufig bei Proteinriegeln vorfindet.

Gründer-Trio
Marcus Fiedrich (24 Jahre), Diana Ohl (31 Jahre) und Alexander Pfaff (38 Jahre) haben im Juli 2017 die Firma Bearprotein GmbH gegründet. Fiedrich beschäftigt sich seit Längerem mit Insekten als Lebensmittel. Pfaff ist Experte für Projektkalkulation. Die Lebensmitteltechnologin Ohl verantwortet die Lebensmittelsicherheit.

Die Tierhaltung steht in Deutschland stark unter Druck. Weichen Sie deshalb auf Insekten aus?

Fiedrich: Nein. Aber ich habe mich gefragt, warum wir keine tierischen Proteine aus Insekten verwenden. Da diese eine Alternative mit vielen Vorteilen darstellen. Eine Verarbeitung der Insekten muss schon sein, denn ganze Tiere akzeptiert der Verbraucher in Deutschland und Europa noch nicht.

Warum muss das Produkt Bio sein?

Fiedrich: In unseren Umfragen hat sich der Kunde im Biofachhandel offener für Insekten als Lebensmittelzutat erwiesen. Mit dem Verkaufspreis von drei Euro pro Snack passen wir auch besser ins hochpreisige Segment.

Sie haben mit Diana Ohl und Alexander Pfaff einen Neustart gewagt. Warum haben Sie Ihr altes Team verlassen?

Fiedrich: Wir haben leider nicht gut zueinander gepasst. Ich glaube, man kann ein Unternehmen nur gründen, wenn der Workflow stimmt. Für gutes Teamwork müssen sich die Eigenschaften, die jeder mitbringt, ergänzen. Diana kennt sich im Bereich Lebensmitteltechnologie aus, Alexander und ich schaffen eine betriebswirtschaftliche Grundlage. Einige Eigenschaften sind für Gründer Grundvoraussetzung: Dazu zählen ein gutes Geschäftsverständnis und ein starker Wille, die Idee umzusetzen.

Und wenn alles schiefgeht: Wie sieht Ihre Exit-Strategie aus?

Fiedrich: In diesem Sinn sind wir kein richtiges Start-up, sondern eher ein Handelsgeschäft und suchen nach Unterstützern, die an unsere Idee glauben so wie wir – und nicht nach dem nächsten Exit.

Was planen Sie für dieses Jahr?

Fiedrich: Wir bieten unsere Riegel im Biofachhandel an. Die erste Charge von 30.000 Stück ist bereits verkauft und wird Ende März ausgeliefert. Die zweite Charge in Höhe von 75.000 Stück folgt im Frühling. Zusätzlich planen wir die Entwicklung von weiteren Sorten.

Sie beschäftigen sich ja intensiv mit der Thematik. Wann wird es Ihrer Meinung nach die ersten Insektenfarmen für die Lebensmittelproduktion in Deutschland geben?

Fiedrich: Ich denke, im Jahr 2020 könnte es so weit sein. Bisher ist die Indoor-Insektenzucht noch teuer und aufwendig, weil sie viel Handarbeit erfordert. Die Nistplätze der Grillen werden beispielsweise noch per Hand entnommen.

Ohl: Der Lebensmittelkonzern Nestlé und das Technologieunternehmen Bühler arbeiten gemeinsam an einer Automatisierung dieser Prozesse. Die lassen sich zwar nicht in die Karten schauen, aber sobald eine Technologie die Handarbeit ersetzen kann, dürfte der Herstellungsprozess wesentlich günstiger werden. In den Niederlanden und der Schweiz ist der Trend längst angekommen. Dort werden bereits Lebensmittel mit Insekten verzehrt und auch gezüchtet.

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