Förderung für Start-ups

„Innovation ist kein Selbstzweck“

In der Agrarbranche schießen immer mehr Start-ups aus dem Boden. Außenstehende haben das Potenzial entdeckt, das in der Landwirtschaft steckt. Die meisten sind auf eine Anschub-Finanzierung angewiesen. Nur wer gewisse Kriterien erfüllt, erhält diese. Dr. Christian Bock von der Rentenbank erklärt die Entscheidungsprozesse vor einer Förderzusage.

az: Wie groß ist die Nachfrage nach Start-up-Förderung im Agrarbereich? 

Bock: Erfreulicherweise zieht die Branche immer mehr junge Menschen an, die mit neuen Ideen und Innovationen auf den Markt drängen. Eine rege Start-up-Kultur hat sich beispielsweise bei Dienstleistern von digitalen Managementhilfen für Landwirte und in der Ernährungswirtschaft entwickelt. Ziele wie gesunde Ernährungsweisen, Tierwohl, Umweltschutz und soziale Verantwortung sind hier nicht selten die Treiber für die Gründer. Viele dürften auf eine Anschub-Finanzierung angewiesen sein, da traditionelle Bankprodukte nicht weiterhelfen, wenn weder Kredit<Gewollte_Trennstelle>sicherheiten noch Eigenkapital ausreichend vorhanden sind. In der Vergangenheit waren Existenzgründer in der Landwirtschaft weniger auf eine Anschub-Finanzierung angewiesen.

Inhaltlich ist Bereichsleiter Dr. Christian Bock für alle Ideen offen.
Foto: Rentenbank/Bernd Euring
Inhaltlich ist Bereichsleiter Dr. Christian Bock für alle Ideen offen.
Zur Person
Der 54-jährige Dr. Christian Bock leitet seit dem Jahr 2008 als Bereichsleiter das Fördergeschäft bei der Landwirtschaftlichen Rentenbank. Er ist zuständig für Programmkredite, die Innovationsförderung sowie die Edmund-Rehwinkel-Stiftung der Rentenbank.

Wie meinen Sie das?

Bock: Existenzgründer waren in der Vergangenheit oft Mitglieder bäuerlicher Familien, etwa die weichenden Geschwister, die nicht Hoferben wurden. Start-ups mit Agrarbezug haben sich also oft aus dem bestehenden landwirtschaftlichen Betrieb heraus entwickelt. Sie konnten daher häufig ohne explizite Gründungshilfen den Markteintritt wagen oder haben diesen über herkömmliche Bankdarlehen finanziert. Schließlich verfügen landwirtschaftliche Betriebe in der Regel über ausreichend Sicherheiten, die eine Kreditierung ermöglichen. 

„Wir fördern Anwendungen, die der Branche weiterhelfen.“
Dr. Christian Bock, 

Welche Kriterien muss ein Start-up erfüllen? 

Bock: Die einzige Währung, über die Start-ups verfügen, ist ihre Zukunftsperspektive. Das Problem an der Zukunft ist nur, dass sie niemand kennt. Zudem kann man bei Start-ups auch aus der Vergangenheit keine Schlussfolgerungen ziehen. Bewertbare Unternehmenshistorien liegen nicht vor, meist auch keine oder nur wenig aussagekräftige Jahresabschlüsse. Es geht also darum, auf der Basis eines Business- und Liquiditätsplans das Geschäftsmodell des Start-ups zu bewerten: Wie wahrscheinlich sind die getroffenen Annahmen? Ist der verfolgte Technologieansatz zukunftsfest oder sind im Gegenteil Disruptionen zu erwarten? Wie sieht die Konkurrenzsituation aus? Sind die erwarteten Einnahmen realistisch? Wurden alle wesentlichen Kosten berücksichtigt? Wurde sauber und rechnerisch richtig kalkuliert? 

Wie wichtig ist die persönliche Komponente?

Bock: Die Menschen, die hinter den Ideen stehen, sind von großer Bedeutung. Sie besser kennenzulernen, ist oft entscheidend. Nennen Sie es „Pitch“ oder „Höhle der Löwen“ oder wie auch immer. Erst im persönlichen Kontakt erkennt man Aspekte, die in Anträgen oder Businessplänen verborgen bleiben. 

Welche Trends unterstützen Sie?

Bock: Die Rentenbank fördert innovative Vorhaben bis zur Markteinführung mit direkten Zuschüssen. Wir fördern immer ein konkretes Forschungs- und Entwicklungsprojekt, mit dem Ziel, neuen Produkten und Verfahren zur Marktreife zu verhelfen. In der Regel sind mehrere Partner aus Wirtschaft und Wissenschaft an einem solchen Projekt beteiligt. Der Förderzusage geht ein umfangreicher Entscheidungsprozess voraus, bei dem insbesondere der verfolgte F&E-Ansatz bewertet wird. 

Haben Sie eine speziellen Fokus?

Bock: Wir haben keinen speziellen inhaltlichen Fokus, sondern sind für alle neuen Ideen offen. Das Schöne an der Innovation ist ja, dass sie häufig unerwartet kommt. Wir achten aber darauf, dass die kommerzielle Anwendung Ergebnisse erwarten lässt, die der Branche tatsächlich weiterhelfen. Wir fördern beispielsweise Applikationen, die das Tiermanagement erleichtern, zu mehr Tierwohl oder zu weniger Antibiotikaeinsatz führen, aber auch die Erprobung landbaulicher Maßnahmen für mehr Biodiversität. Innovation oder Digitalisierung allein sind für uns kein Selbstzweck.

Die Kommentare für diesen Artikel sind geschlossen.

stats