Brexit

Handel mit Agrarprodukten leidet

Nach dem Brexit-Votum verliert das Pfund dramatisch an Wert und die Aktienkurse stürzen weltweit ab. Dies wird nicht ohne Folgen für den deutschen Agrarhandel bleiben, erwartet das Thünen-Institut. Mit rund 4,5 Mrd. € und rund 7 Prozent der gesamten Agrar- und Nahrungsmittelausfuhren war das Vereinigte Königreich 2015 ein wichtiger Handelspartner für die deutsche Agrar- und Ernährungswirtschaft. Dabei hat das Vereinigte Königreich im Jahr 2015 Agrarprodukte im Wert von 1,3 Mrd. Euro nach Deutschland exportiert.

Hohe Zollbarrieren im EWR

Unklar ist, wie sich die Handelsbeziehungen nach einem Brexit entwickeln. Im Bereich der Handelspolitik gebe es verschiedene Möglichkeiten, den künftigen Zugang von Großbritannien zum europäischen Binnenmarkt zu gestalten, so das Thünen-Institut. Beispielsweise könnte Großbritannien Mitglied im Europäischen Wirtschaftsraum (EWR) werden. Der EWR ermöglicht derzeit den freien Warenverkehr von Industrieprodukten, Dienstleistungen und Kapital zwischen Norwegen, Island, Liechtenstein und der EU. Für den Handel mit Agrar- und Ernährungsgütern gibt es hier allerdings Sonderregelungen, und es bestehen weiterhin noch Zollbarrieren zwischen den Handelspartnern.

Freihandelsabkommen ohne Zölle möglich

Denkbar wäre auch ein eigenständiges Freihandelsabkommen zwischen der EU und Großbritannien, das auch den Agrar- und Ernährungssektor einschließt. Ohne diese zusätzlichen Abkommen müsste Großbritannien nach dem Austritt auf Basis der Regeln der Welthandelsorganisation (WTO) mit der EU handeln.

Übernahme von WTO-Regeln wäre schlechteste Lösung

Dieses „Extremszenario“ haben die Experten des Thünen-Instituts für Marktanalyse in einer ersten Abschätzung mithilfe ihrer Marktmodelle berechnet. Dabei wurde angenommen, dass beide Parteien, EU wie Großbritannien, im Außenhandel wieder Zölle erheben. Weiterhin, dass die EU Großbritannien bezüglich der Zollhöhe entsprechend der WTO-Regeln genauso behandelt wie derzeit beispielsweise die USA, Brasilien oder China. Im Gegenzug, so wurde angenommen, würde sich Großbritannien ähnlich verhalten und Zollschranken entsprechend der WTO-Regeln gegenüber den EU-Mitgliedstaaten erhöhen.

Hohe Zollsätze für Nahrungsmittel

Von einem solchen Vorgehen wären die Zollsätze für verarbeite Nahrungsmittel besonders betroffen. Einfuhren von Rindfleisch in das Vereinigte Königreich würden zum Beispiel mit 28 Prozent belegt. Importe von Milchprodukten würden einem Zoll von über 35 Prozent unterliegen und Zuckerimporte in das Vereinigte Königreich würden mit einem Zoll von über 125 Prozent belegt.

Deutlicher Rückgang im Handel

Ersten Abschätzungen zufolge sei der Handel mit unverarbeiteten Agrarprodukten von einem Brexit nur geringfügig betroffen, erwarten die Experten des Institutes. Für den Bereich der verarbeiteten Nahrungsmittel hingegen werde es einen deutlichen Rückgang im Außenhandel geben. Hier werde sich die Handelsbilanz von Großbritannien für Agrarprodukte und Nahrungsmittel deutlich verschlechtern, das heißt Großbritannien werde mehr unter dem Brexit leiden als die EU, prognostiziert das Thünen-Institut.

Ein Drittel weniger deutsche Exporte ins UK

Für Deutschland bedeute der Brexit einen Rückgang der Nahrungsmittelexporte in das Vereinigte Königreich von über 30 Prozent, was einem Rückgang der Ausfuhren an Nahrungsmitteln in das Vereinigte Königreich von 1,2 Mrd. € entspricht. Allerdings ist zu betonen, dass die Ausfuhren deutscher Agrarprodukte nicht in diesem vollen Umfang sinken. „Es wird Anpassungsreaktionen geben, die dazu führen, dass die Hälfte dieser nicht mehr im Vereinigten Königreich abzusetzenden Produkte Käufer auf anderen Märkten finden“, erläutert Dr. Martin Banse, Leiter des Thünen-Instituts für Marktanalyse. „Daher gehen wir davon aus, dass die gesamten Ausfuhren Deutschlands an verarbeiteten Agrarprodukten entsprechend unserer ersten Abschätzungen nur um rund 650 Mio. € sinken.“ Aufgrund dieser Anpassungsreaktionen im Außenhandel sind die Wirkungen auf das Preisniveau auf deutschen Agrarmärkten als relativ gering einzuschätzen.

Erleichterter Marktzugang mildert negative Folgen

Banse betont, dass diese Berechnungen auf der Annahme beruhen, dass die EU 27 und das Vereinigte Königreich im Rahmen der Austrittsverhandlungen keine Konzessionen zum Beispiel im Rahmen eines möglichen Freihandelsabkommen eingehen, sondern Zölle entsprechend der WTO-Regeln erheben. Damit beschreiben diese Ergebnisse ein mögliches ‚Worst-case-Szenario‘. Wie realistisch diese Annahme ist, wird sich in den kommenden Monaten zeigen, wenn die Austrittsverhandlungen geführt werden. Banse: „Im dem wohl eher anzunehmenden Fall eines erleichtertem gegenseitigen Marktzugangs ist zu erwarten, dass die hier vorstellten Effekte deutlich geringer ausfallen werden.“ (SB)
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