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Katja Bongardt über Grabenkämpfe von gestern

Bei aller Ernsthaftigkeit des Themas „Zukunft der Landwirtschaft in Deutschland“ bot die unter diesem Motto stehende Tagung in Berlin auch unterhaltsame Einblicke in mancherleuts Vorstellung, wer eigentlich mit wem reden darf und wer nicht.

Dabei hatte doch Klaus Müller, Vorstand der Verbraucherzentralen, allen frühzeitig den Freibrief erteilt. „In Baden-Württemberg und in Hessen ist so viel in Bewegung geraten, seitdem sind ideologische Gräben eingerissen“, sagte er in seinem Eingangsstatement auf der von der CDU/CSU-Fraktion initiierten Tagung. Er bezog sich auf die Koalitionen zwischen Schwarzen und Grünen in diesen beiden Bundesländern und stellte gleich einen weiteren ideologischen Graben in Frage: „Wo ist eigentlich die Wertschätzung der NGOs für die konventionelle Landwirtschaft?“

Doch Gräben lassen sich ja nicht von heute auf morgen zuschütten. Denn dass Landwirte es wagten, während der Grünen Woche bei der „Wir haben es satt“-Demonstration mitzugehen (auf der unter anderem die konventionelle Landwirtschaft in der Kritik steht), wurde von den Tagungsgästen ebenso angeprangert wie die Teilnahme der Tierschutzaktivisten von Peta am Evangelischen Kirchentag. „Wir haben keine Gesichtskontrolle und keine Meinungskontrolle. Wir laden alle ein“, kontert Dr. Clemens Discherl, Beauftragter für agrarsoziale Fragen der Evangelischen Kirche. 

Der Kirchenvertreter vermisst hingegen die regelmäßige Teilnahme der Bauernverbände an den Kirchentagen. Da seien verlässlich immer nur die Landfrauen anzutreffen. Vermisst wurde auch ein besserer Schulterschluss zwischen Tierschutz-NGOs und dem Bauernverband. Dieser Vorschlag für eine weitere ungewöhnliche Koalition kam von Professor Harald Grethe, der als Vorsitzender des wissenschaftlichen Beirates das Bundeslandwirtschaftsministerium berät. Das könnte zum Beispiel helfen, die Brancheninitiative Tierwohl besser bekannt zu machen.

Und auch manche Forderung der „Wir haben es satt“-Macher können selbst CDU-Politiker, die erklären, dass sie hinter den Bauern stehen und ihnen nicht durch immer mehr Verbote Knüppel zwischen die Beine werfen wollen, nicht vom Tisch weisen. So wurde Volker Kauder ganz emotional, als er das sofortige Verbot des Tötens männlicher Küken forderte.

Am Schluss lässt sich wohl mal wieder festhalten: Es gibt kein Schwarz und kein Weiß. Und deswegen dürfen Bauern auch bei der „Wir haben es satt“-Demonstration mitmarschieren. Und deswegen darf Volker Kauder sehr wohl das Töten der männlichen Küken verabscheuen. Die knapp 50 Millionen Tiere pro Jahr werden aber weiterhin direkt nach dem Schlüpfen ihr Leben lassen müssen. Denn es gibt zum jetzigen Zeitpunkt keine praktikable Alternative. Das ist nicht das Böse per se, und einfach verbieten ist auch nicht das Gute per se. Der Weg dazwischen ist wohl der Beste. Aber der ist nun einmal nicht schwarz oder weiß, sondern grau. Das muss man aushalten können.

Auch wenn die Diskussionen auf der Tagung keine Lösungen für die vielen derzeit tief in der Krise steckenden Landwirte brachte - eine Erkenntnis blitzte für die rund 400 Teilnehmer immer wieder einmal auf: Miteinander reden kann hilfreich sein. Egal wer mit wem. Es hilft zumindest, die Menge der Schwarz-Weiß-Seher einzudämmen.
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