Dagmar Behme zu Recherchen im KTG-Umfeld

Abgründe


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Angesichts der Insolvenz der KTG Agrar SE fragt man sich mit Schaudern: „Kann das denn alles wahr sein?" Nachdem jedoch der Wahrheitsgehalt offizieller Verlautbarungen aus dem KTG-Umfeld ebenso abgeschrieben werden muss wie der Wert von Aktien und Anleihen, beginnt die mühsame Recherche, was alles verschwiegen worden ist oder noch verheimlicht wird.

So ein typisches Beispiel ist der „dynamische Wachstumskurs im Food-Bereich", den der KTG-Chef noch im Februar 2016 verkündete, als er schon längst den Anfang vom Ende erkannt haben muss. Stattdessen versprach Hofreiter: „Wir haben die Umsatzmarke von 150 Millionen Euro fest im Visier." Dabei erweckte er auch den Eindruck, als gehöre die Frenzel Tiefkühlkost zur vielversprechenden Food-Gruppe. Das war aber schon seit Juli 2015 nicht mehr der Fall. Was Hofreiter bis heute verschweigt: an wen er das verlustreiche Geschäft verkauft hat. Das Tiefkühlunternehmen firmiert mittlerweile als FZ Foods AG und musste – welch Zufall? – wenige Tage nach der KTG-Pleite ebenfalls Insolvenz anmelden.

Solche geschlossenen Kreise geben offenbar dem gesamten KTG-Imperium mit mehr als 100 Tochtergesellschaften seine Struktur. So wundert es auch kaum, dass sich unter Vorständen und Aufsichtsräten die immer gleichen Namen wiederholen. Siegfried Hofreiter ist zwar als Chef der KTG Agrar SE abgelöst, sitzt aber nach wie vor im Aufsichtsrat des umsatzstarken Tochterunternehmens KTG Energie AG. Dort findet sich auch ein Dr. Hubertus Fleßner, bezeichnet als „selbständiger Landwirt in Brandenburg". Das ist offenbar kein Vollzeitjob, denn gleichzeitig ist Fleßner Vorstand der FZ Foods AG. Aufsichtsratsvorsitzender dieses weiteren Insolvenzfalls ist wiederum Siegfried Hofreiter.

Wem angesichts dieses Kreisverkehrs schwindlig wird, kann dieses Gefühl noch verstärken, indem er sich Julian Voss widmet. Der smarte Betriebswirt verspricht als Professor der Privaten Hochschule Göttingen (PFH) im Aufsichtsrat der KTG Agrar wissenschaftliche Expertise. Sie wird ausführlich angepriesen auf der Internetseite der Areano AG, an der die KTG Agrar Anteile hält und bei der Voss als Vorstand tätig ist. „Der Grund, weshalb wir so selbstbewusst auftreten können, ist das erstklassige Know-how, das hinter der Areano AG steht. Wir vereinen unter einem Dach die führenden Köpfe der Agrar- und Ernährungswirtschaft mit einer jahrlangen Erfahrung am professionellen Kapitalmarkt und im institutionellen Vertrieb", heißt es da. Nach weiteren wortreichen wie wolkigen Plattitüden folgt das Versprechen: „Wir agieren jederzeit kaufmännisch vorsichtig und ethisch korrekt." Wer mit „wir" gemeint ist, erschließt sich allerdings nicht. Es ist zu vermuten, dass Voss mit kaum zu übertreffender Hybris von sich selber spricht. Nicht überprüfbar ist auch die Aussage, dass die Areano die „United Nations Principles for Responsible Investment" befolgt. Handfester zeigt sich da die Muttergesellschaft, bei der es im Kleingedruckten heißt: „Die KTG Agrar SE folgt ausdrücklich nicht den Empfehlungen der Regierungskommission Deutscher Corporate Governance Kodex“.

Mit der im Kodex geforderten Transparenz hat es die KTG Agrar nämlich nicht so. Sonst müsste eine Machtfülle wie die des Aufsichtsratsmitglieds Beatrice Ams offen gelegt werden. Es wiederholen sich die geschlossenen Kreise. Ams ist alleinige Gesellschafterin der KTG Holding GmbH, die ihrerseits gut 38 Prozent der Anteile an der KTG Agrar SE hält. Mit diesem Kunstgriff wird sie zur Mehrheitsaktionärin, ohne dass dies nach Aktienrecht ausgewiesen werden muss. Einen ausdrücklichen Warnhinweis enthält allerdings ein Wertpapierprospekt aus dem Dezember 2015, der bei der Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (Bafin) hinterlegt ist. Dort heißt es, dass Beatrice Ams auf Hauptversammlungen mit ihren 38 Prozent eine einfache Mehrheit herbeiführen könne, weil erfahrungsgemäß bei solchen Veranstaltungen nicht alle anderen stimmberechtigten Anteilseigner anwesend sind. Dass sie ihre Stimme im Sinne Hofreiters verwendet, ist wahrscheinlich. Denn sie hat bereits bis 2008 als Geschäftsführerin oder Vorstandsmitglied an der Spitze von Gesellschaften gestanden, die heute zur KTG-Gruppe gehören. Damals war sie für ihren Lebensgefährten eingesprungen, der 2002 schon einmal wegen Insolvenzverschleppung rechtskräftig verurteilt worden war und fünf Jahre lang keine Kapitalgesellschaft leiten durfte.

Die Insolvenzverwalter und Gläubiger der KTG Agrar werden noch viel Zeit damit zubringen, das Kleingedruckte zu studieren. Die Recherchen werden Blicke in tiefe Abgründe bereit halten und immer häufiger im Ausruf münden: „Das kann doch alles nicht wahr sein!"
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