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Stefanie Pionke zur Agrarpreisrally

Ob Dürre in den USA, Embargo in Russland oder die schlichte Angst um einen Versorgungsengpass mit Nahrungsmitteln. Egal, ob das Wirtschaftsjahr 2012/13, 2010/11 oder 2007/08 geschrieben wird. Erklimmen die Preise für Agrarrohstoffe wie Weizen, Mais oder Sojabohnen neue Rekordhöhen, entfaltet sich in der öffentlichen Diskussion eine Debatte, die nach einem festen Drehbuch abzulaufen scheint. Das ist kritisch zu sehen, denn die Sicherung der Welternährung taugt nicht als Vehikel zur Selbstinszenierung von Politikern, Lobbygruppen oder zum Stopfen nachrichtlicher Sommerlöcher – dazu ist das Thema zu ernst.

Der Kreis der Verdächtigen ist schnell umrissen: Strebt die Preiskurve aufwärts, ist zunächst der Biosprit gefragt. So spülte das Sommerloch Mitte der Woche FDP-Entwicklungshilfeminister Dirk Niebel ins Zentrum der Aufmerksamkeit und ließ ihn medienwirksam einen Verkaufsstopp für den Biokraftstoff E10 fordern. Der liberale Politiker ignoriert dabei ganz beiläufig, dass die im internationalen Maßstab geringe Ethanolbeimischung in Deutschland kaum zu einer Beruhigung der globalen Agrarmärkte taugt – mal völlig losgelöst vom Sinn oder Unsinn der - staatlich geförderten – Produktion von Kraftstoff aus Brotgetreide.

Ebenfalls im Blickpunkt geraten mit schöner Regelmäßigkeit die so genannten Zocker oder Spekulanten, die mit ihren kurzfristigen Wetten auf steigende oder fallende Rohstoffkurse als wahre treibende Kraft hinter Preissprüngen ausgemacht werden. Außen vor bleibt dabei die Funktion der Spekulanten als Preisseismograph, der fundamentale Schocks frühzeitig in steigenden oder fallenden Kursen offenbar macht. Und ihre Rolle als Gegenpart kommerzieller Anleger bei Absicherungsgeschäften an den Warenterminbörsen - auch wenn die so genannten Commercials je nach Positionierung gerne mal selbst pauschal auf "die Spekulanten" schimpfen.

Anfang der Woche dann  - als leichte Abwandlung der gängigen Krisendramaturgie - stopften Gerüchte das mediale Sommerloch, das von der Gruppe der 20 führenden Industrie- und Schwellenländern (G20) 2011 gegründete Agrarmarkt-Informationssystem AMIS trommele seinen Krisenstab – das Rapid Response Forum – zusammen. Es wolle Ende September oder Anfang Oktober über den exzessiven Preisanstieg an den Agrarmärkten beraten. Beteiligte an AMIS wiesen dies zurück: Man sei zwar sehr besorgt über die Entwicklungen, einen Termin für ein Krisentreffen gebe es nicht.

Dazu sei folgendes angemerkt: Die öffentliche Bekanntgabe eines solchen Krisentreffens würde dessen Sinn und Zweck zuwider laufen. Das „Rapid Response Forum“ wurde mit dem Ziel gegründet, möglichst geräuschlos Versorgungskrisen an den Agrarmärkten entgegenzuwirken, um Preisexplosionen zu verhindern. Tagt das Forum tatsächlich und wird ein solches Treffen bekannt, würden all diejenigen, die an den weltweiten Getreide- und Ölsaatenmärkten Geschäfte tätigen, wohl folgenden Schluss ziehen: Die Lage ist so ernst, dass sich die G20 sich zum Einschreiten gezwungen sehen. Die wahrscheinliche Konsequenz: Steigende Preise. Bei aller Schlagzeilentauglichkeit - damit wäre den Hungernden auf der Welt am allerwenigsten geholfen.
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