--

Brigitte Stein zur Kartoffel auf der Fruit Logistica

Die Internationale Fruchthandelsmesse Fruit Logistica bietet alljährlich einen Anlass, über „den Verbraucher“ und seine Wünsche in der Zukunft zu fantasieren. Der Deutsche Kartoffelhandelsverband, der seinen Mitgliedern auf der Messe eine Anlaufstelle bietet, kann mit eigenen Initiativen und seiner neuen Marketinggesellschaft aufwarten. Die hochgelobten Trendforscher der Messe bieten kaum mehr. Sie listen immer wieder viele Trends auf, anhand derer sich der gewiefte Handel ein schönes Zukunftsszenario ausdenken kann. – Leider sind sie extrem widersprüchlich. Und leider sind vergangene Prognosen schon oft Lügen gestraft worden.

Ein abschreckendes Beispiel für Prognosen ist die Lehre von der Preiselastizität der Nachfrage. Das funktioniert in der Praxis nämlich nur in eine Richtung: Steht in der Zeitung „Kartoffeln jetzt 44 Prozent teurer“, so sparen die preisbewussten Konsumenten prompt am Kartoffeleinkauf. Nun sind die Knollen aber eindeutig wieder billiger geworden. Das ruft weder die Medienvertreter auf den Plan noch verlockt es Konsumenten, sich endlich den Bauch mit Kartoffeln vollzuschlagen. Immerhin ist die Kartoffel kein Einzelfall. Auch Äpfel, Birnen, Tomaten oder Möhren packen Kunden selten in ihre Taschen, obwohl die niedrigen Preise Händlern und Erzeugern schon mal den Schweiß auf die Stirne treiben.

Der internationale Fruchthandel feiert zur Fruit Logistica seine Flexibilität und verweist auf den Herbst 2014, als es darum ging, auf das russische Embargo zu reagieren. Neue Kunden in aller Welt kaufen vermehrt Europas Obst- und Gemüseproduktion. – Nur der europäische Verbraucher ziert sich. Dagegen sollen nun schöne Kampagnen mit Unterstützung der EU helfen. Dabei geht es nicht allein darum, die Agrarproduktion auf die Teller zu verteilen. Eigentlich geht es um Gesundheitspolitik zur Vermeidung von Übergewicht und Zivilisationskrankheiten.

In der Tat ist es schwer zu verstehen, dass die Konsumenten weder Interesse an einem langen gesunden Leben noch am Sparen mit preiswerten Lebensmitteln haben sollen. Vielleicht wird anders herum ein Schuh draus: Für ihre Gesundheit sind Verbraucher durchaus bereit, Geld auszugeben. Sie kaufen trendige Sportbekleidung, melden sich in Fitnessstudios an und freuen sich über Fitness-Armbänder und -Apps. Gerne lässt sich der moderne Bürger seinen Bewegungsmangel sofort signalisieren oder sich an regelmäßiges Trinken erinnern.

Hier muss sich der Obst- und Gemüsehandel einhaken: Eine Handy-App kann den regelmäßigen Vitamin-, Mineralstoff- und Ballaststoffverzehr überwachen. Die Konsumenten mit größerem Geldbeutel können dann darauf achten, dass natürlich nur trendige, hochwertige Marken-Gemüse mit zertifizierten Inhaltsstoffen auch korrekt mit der App abgerechnet werden.

Appelliert sei hier nun an die Kartoffelbranche, sich jetzt auf keinen Fall abhängen zu lassen. Die Kartoffel als gesundes Nahrungsmittel muss mit auf diese App-Rechnung! Nur weil die Kartoffelbranche ihr Marketing mittlerweile selbst in die Hand genommen hat, darf sie solche Chancen nicht verstreichen lassen. Schließlich findet der aufgeklärte Verbraucher die Kartoffel in der Obst- und Gemüsetheke, wo sie auch hingehört – beim App-gesteuerten Einkauf also in Reichweite.

Vielleicht wird es auch irgendwann gelingen, das bisher verschworene Konsortium aus Messeveranstalter, AMI und GFK aufzubrechen, das dann zur Eröffnung der internationalen Messe endlich der Kartoffel den gebührenden Platz einräumt: als der Deutschen liebstes Gemüse. Hartnäckig wiederholt die Messe alljährlich, die Tomate wiege im Einkaufskorb besonders schwer. Damit muss mal Schluss sein, wenn genau App-gerechnet wird.
stats