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Brigitte Stein zum Bund der Steuerzahler

Regelmäßig macht der Bund der Steuerzahler Kassensturz. Und mit schöner Regelmäßigkeit finden die Sparfüchse Staatsausgaben, die man sich eigentlich sparen könnte. Doch in ihrem jüngsten Bericht offenbaren sich die selbsternannten Interessenvertreter als schmalspurige Geizkragen.

Sie kritisieren im Rahmen eines „Frühjahrsputz“ 30 aus ihrer Sicht unnötige Ausgaben. Dazu zählen sie 480.000 € für das Einfrieren von Hahnensperma. Unverzüglich melden sich auch die vermeintlichen Verschwender zu Wort: Das Friedrich-Loeffler-Institut (FLI) auf der Insel Riems.

Wissenschaftler bauen seit 2011 dort eine Genbank auf, in der die genetische Vielfalt von Nutztieren erhalten werden soll. Für diese Kryoreserve wird Erbmaterial in flüssigem Stickstoff dauerhaft eingefroren. Nun sind gerade zwölf Hühnerrassen, die auf der Liste der gefährdeten einheimischen Geflügelrassen stehen, auf diese Weise quasi archiviert worden.

Die Wissenschaftler setzen damit eine nationales Programm zur Erhaltung und nachhaltigen Nutzung von tiergenetischen Ressourcen um. Das genetische Material steht für künftige Forschungsarbeiten und Züchtungsprogramme zur Verfügung. Wer darin Verschwendung zu erkennen glaubt, beweist lediglich wenig Sachverstand: Denn die Erhaltung der genetischen Vielfalt ist im Grunde eine Art Versicherung für die Menschheit. Möglicherweise schlummern in den Genen dieser Tierrassen Eigenschaften, die für das Erreichen künftiger Züchtungsziele unentbehrlich sind.

Dasselbe gilt für pflanzengenetische Ressourcen, die weltweit in diversen Genbanken verwahrt werden: Mais-, Weizen-, Kartoffelsorten werden so vor dem Verschwinden bewahrt. Dort suchen Züchter gezielt – und werden fündig: Kartoffelsorten, die der Kraut- und Knollenfäule widerstehen, Weizensorten mit Resistenz gegen Schwarzrost, Maissorten mit Trocken- oder Kältetoleranz. Wahre Schätze für die Landwirtschaft der Zukunft.

Denn keineswegs sind jene Sorten und Rassen, die aktuell nach ökonomischen Maßstäben erfolgreich sind, fehlerlos und zweifelsfrei tauglich für die Zukunft. Der pure Marktdarwinismus könnte bei einer Verarmung der genetischen Vielfalt in die Sackgasse führen. Erinnert sei an Lonesome George, die letzte Galapagos-Riesenschildkröte seiner Art. Mit ihm ist die Art unwiderruflich ausgestorben, obwohl er in einer Forschungsstation geradezu umsorgt wurde. Für weitere Wildtierarten ist die genetische Basis mittlerweile ebenfalls bedrohlich schmal geworden.

Wohlgemerkt: Dem FLI und anderen geht es nicht um Romantik. Nutztiere und Pflanzen sind essentielle Nahrung für den Erhalt der Menschheit. Sicher wäre es schöner und besser, die Vielfalt könnte im Rahmen der Nutzung fortbestehen. Dafür fehlt das Geld ebenso wie für eine Erhaltung in situ.

Selbst wenn alte Sorten und Arten nicht massentauglich sein mögen, so stellen sie doch eine Bereicherung dar, wenn vielleicht auch nur für einen Nischenmarkt. Und aus Nischen können Märkte werden. So hat es Dinkel vorgemacht, so könnte es das Urgetreide Emmer nachmachen. Mit mehr als 1.000 Sorten davon konnte die Genbank in Gatersleben aufwarten.

Noch eine Beispiel? Für neues Saatgut der Kleinen Alblinse, gezüchtet von Fritz Späth aus Haigerloch, mussten Erzeuger aus dem Alb-Donau-Kreis 2006 bis zur Genbank nach Sankt Petersburg fahren. Übrigens: Genau diese Genbank mit ihren Schätzen haben Idealisten über 900 Tage Belagerung der russischen Stadt bewahrt. Wenn der Bund der Steuerzahler also vorschlägt, an der Bewahrung genetischer Ressourcen zu sparen, stellt er nicht nur sich selbst ein Armutszeugnis aus.
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