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Horst Hermannsen zum Tierschutz

Bayerns Landwirtschaftsminister Brunner hat zweifellos positive Eigenschaften. So ist er sich stets treu geblieben und stört nur selten, versichert ein Kabinettskollege im vertraulichen Gespräch. Dieser Beurteilung schließt sich auch der Chronist gerne an. Besonders angetan ist der CSU-Politiker von den vielfältigen und kreativen Ideen der verschiedenen Einkommenskombinationen in Familienbetrieben. Davon versteht er wirklich etwas. Schließlich hat er jahrelang Ehefrau, Schwester sowie Nichte im „politischen Familienbetrieb Brunner“ großzügig auf Kosten des Steuerzahlers durchgefüttert. Damit hat der „Ernährungsminister“ seinem Amtstitel alle Ehre gemacht. 


Auch in der aktuellen gesellschaftlichen Diskussion verhält er sich genauso, wie man es von ihm erwartet. Nicht ganz überraschend fordert der Bauern-Lobbyist – wie sich Brunner selbst einmal bezeichnete vom Lebensmittelhandel mehr Verständnis für Milchbauern. Mit fast bebender Stimme hat er im Bayerischen Rundfunk Handelskonzerne davor gewarnt, die Existenz der kleinbäuerlichen Landwirtschaft im Freistaat zu gefährden. Konkret nannte Brunner das vom Handel angestrebte baldige Ende der ganzjährigen Anbindehaltung von Milchkühen. Der CSU-Minister forderte, den kleinen Landwirten mehr Zeit für die kostenintensive Umstellung auf Laufstallhaltung zu lassen. Brunner führt nach eigenen Angaben Gespräche mit großen Lebensmittelherstellern und maßgeblichen Handelsunternehmen. Er wolle ihnen deutlich machen, welche Folgen ein abrupter Ausstieg aus der Anbindehaltung hätte. 


Aber wie kommen Sie auf abrupt, Herr Minister? Ist Ihnen wirklich entgangen, dass diese Form der Tierquälerei schon seit Jahren angeprangert wird? Sie selbst loben zwar bei jeder Gelegenheit die angeblich so moderne bayerische Landwirtschaft, stellen sie gar als Vorbild für andere Regionen hin. Aber wie sieht es denn tatsächlich aus?


In Bayern gibt es derzeit rund 32.000 Milchbauern. Mindestens ein Drittel der Kühe in diesen Betrieben wird tierquälerisch noch ganzjährig angebunden. In manchen Klitschen herrschen geradezu bedrückende Verhältnisse, die Träumer als Relikte aus der guten alten Zeit verkennen. Lediglich final, im Schlachthof, können die Kühe einmal mehr als nur einen Schritt tun – gewissermaßen als makabre Krönung ihres tristen Lebens. Nachdem die lobbygesteuerte Politik ihrer gesellschaftlichen Aufgabe nicht nachkommt, sondern auf Zeit spielt, macht der Lebensmittelhandel endlich Druck und postuliert unmissverständliche Forderungen. „Tierwohl“ liefert das Stichwort. Damit möchte die Branche den Wünschen der Verbraucher entgegen kommen, die Umfragen zufolge angeblich bereit sind, für Produkte aus artgerechter Tierhaltung mehr zu bezahlen. Allerdings sollte man sich auf unverbindliche Aussagen der Konsumenten nicht verlassen, zumal die der Realität widersprechen. Verbraucher verhalten sich in ihrer Mehrheit wie Bauern. Auch die kaufen homogene Produkte dort, wo sie am preiswertesten sind.


Eine diffuse Sehnsucht uninformierter urbaner Bevölkerungsgruppen nach scheinbar musealer Landwirtschaft darf nicht als Vorwand für wirtschaftlich begründete Tierquälerei instrumentalisiert werden. Ähnliche Argumente bestimmen auch das Thema Ferkelkastration. Hier, so heißt es, werde das Verbot der betäubungslosen Kastration ab 1. Januar 2019 in der süddeutschen Landwirtschaft ebenfalls zu einem beschleunigten Strukturwandel führen. Das mag in der Tat so sein. Es schließen jene Betriebsleiter rascher ihre Stalltüre, die früher oder später ohnehin aufgeben. Davon völlig unabhängig wäre es freilich grotesk, wenn das Verbot nur in Deutschland, aber nicht für die gesamte EU gelten würde. Das interessiert zwar keine Sau, dafür aber jeden heimischen Schweinehalter, der im Wettbewerb mithalten muss.
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