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Horst Hermannsen zu Braugersten-Organisationen

„Bauern, Mälzer und Brauer bilden eine Einheit! Ziel ist es, den heimischen Braugerstenanbau attraktiv zu machen und zu sichern. Die Erhaltung der Biervielfalt ist in Bayern ein hoher Wert. Dafür ist eine regionale Rohstoffversorgung mit kurzen Wegen unverzichtbar“! Solche Phrasen sind nicht neu.

So oder so ähnlich werden sie auf unzähligen Braugerstenveranstaltungen von Funktionären heruntergeleiert. Häufig wird auch noch der Slogan „Bier braucht Heimat“ daran gehängt. Wir haben die Sprüche aus der unterfränkischen Zeitung „Main-Post“ vom Juli 1954 zitiert.

Die Realität spricht eine andere Sprache. Braugerste ist in der Anbauplanung eine Verlegenheit, ein Nischenprodukt geworden, das wenig besser als Futtergetreide honoriert wird. Unzähligen Vereine, Arbeitsgemeinschaften und Organisationen mit schwindender Mitgliederzahl, die sich dem Thema Braugerste widmen, haben häufig etwas Rührendes an sich, das zuweilen die Grenze zum Lächerlichen streift. Eine Spielwiese für staatlich angestellte Wichtigtuer ebenso wie für spezialisierte Spezialisten der Spezialvereine. Sie sind es, die unverzagt das Fähnlein der angeblich unverzichtbaren Qualitätsbraugerste hochhalten. Stets und zu jeder Zeit im Interesse der Biervielfalt.

Wo aber sind erfahrene Malz- und Braumeister, die diesen Rohstoff noch zu schätzen wissen? Für den Einkauf der Ingredienzien sind die, von Malzdarre und Sudkessel weit entfernten, (Dipl.) Kaufleute zuständig. Sie, die weltläufigen und nadelgestreiften BWLer, bestimmen letztlich die Höhe des Braugerstenpreises beim Landwirt. Der lässt sich nämlich problemlos vom Malzpreis zurückrechnen.

Wie es um die viel gerühmte Bierkultur bestellt ist macht keine Stadt deutlicher als München. Bier und München, das ist eine unauflösliche Einheit, die alljährlich beim Oktoberfest manifestiert wird. Da treten sie auf, die Manager einer schmal gewordenen Brauvielfalt in der selbsternannten Kultstätte des Bieres.

Aber auch hier wird man, nüchtern betrachtet, von der harten Wirklichkeit aufgerüttelt. Je prächtiger der Gamsbart, je auffälliger die Haferlschuhe und je kracherder die hirschledernen Hosen, je sicherer kann man sein, dass Brauereivertreter, die sich so verkleiden, der hochdeutschen Sprache mächtig sind beziehungsweise eine englisch-skandinavisch-holländische Sprachfärbung haben. Bei vormaligen Münchener Traditionsbrauereien siedet heute die Schörghuber Unternehmensgruppe zusammen mit der niederländischen Heineken International aus Amsterdam. Oder es rührt das weltweit größte Brauereiimperium InBev mit seinem Firmensitz im belgischen Löwen, den Sud, der auch so schmeckt.

Diese Entwicklung erfasst mehr und mehr die gesamte Bierkultur, oder was davon übrig geblieben ist. Dazwischen wirken betuliche Braugerstenorganisationen ein wenig, wie aus der Zeit gefallen.
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