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Dr. Jürgen Struck zum Milchmarkt

Die Lage muss wohl sehr ernst sein. Anders sind Aufforderungen wie „Äpfel essen gegen Putin" kaum zu interpretieren. Mit derartigen Banalitäten soll offenbar versucht werden, die zu erwartenden gravierenden Einbrüche der Volkswirtschaften in Europa zu relativieren und die Bürger zu beruhigen.

Natürlich geht es auch um Äpfel und Birnen, aber eben nicht nur. Und mit dem zusätzlichen Verzehr einiger Obstsorten werden kaum Erfolge in der Bewältigung der gegenwärtigen Spannungen zwischen der EU und Russland zu erzielen sein. Auch können Schäden im Obst- und Gemüsemarkt durch finanzielle Unterstützung betroffener Länder vorwiegend im Süden Europas zumindest ansatzweise abgemildert werden. Doch andere Schäden werden bleiben und wahrscheinlich größere Konsequenzen nach sich ziehen.

Im Fall des Agrar- und Ernährungssektors gilt dies in besonderer Weise für die Milch. Hier sind stürmische Zeiten zu erwarten. Noch vor wenigen Wochen schien die Sonne hell an einem scheinbar wolkenlosen (Milch)Himmel. Die deutsche Molkereiwirtschaft bewegte sich elegant auf internationalen Märkten. Russland gehörte wegen besonderer  Lieferbeschränkungen noch nicht einmal dazu. Im Gegenteil - es versprach sogar zusätzliche Chancen für die Zukunft. Der russische Milchmarkt wurde von anderen leistungsstarken Milchstandorten der EU gut versorgt. Auf etwa 2 bis 3 Prozent der in der EU produzierten jährlich rund 150 Mio. t Milch wird der Export nach Russland beziffert. Diese Absatzmengen fehlen nach dem verhängten Embargo schlagartig und drängen jetzt auch auf den deutschen Markt.

Märkte für Commodity-Güter folgen eigenen Regeln. Heftige Preisausschläge in die eine oder andere Richtung können sehr kurzfristig und häufig übertrieben stattfinden und  erst allmählich kann sich ein neues Gleichgewicht einstellen. Eine derartige Phase am Milchmarkt scheint bevorzustehen. Natürlich beruhigt die Politik mit Verweis auf mögliche Stützungsaktionen, doch deren Wirkung ist immer nur begrenzt. Und auch die genannten alternativen Märkte sind in ihrer Zahl doch sehr überschaubar und liegen häufig in weiteren Krisenregionen. Also bleibt nur Durchhalten und Anpassen. 

Die mit mehr oder weniger guten Argumenten eingeleitete und sich verstärkende Sanktionsspirale der beteiligten Parteien dreht sich weiter und schneller. Das Gift ihrer negativen Wirkungen wird nach und nach wirken. Auch die Milcherzeuger wurden und werden ausgebremst. Aus der Politik heißt es dazu, es handele sich um unternehmerische Risiken. Doch es bestätigt sich immer wieder: Unter allen unternehmerischen Gefahren ist das größte Risiko die Politik.
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